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Unternehmensberater: Kirche in «vorreformatorischer Stimmung»
Nachrichten  02/09/2012 05:05:55
(gloria.tv/ KNA) «Schafft sich die katholische Kirche ab?», lautet der provokative Titel eines neuen Buches. Autor ist der einstige McKinsey-Unternehmensberater Thomas von Mitschke-Collande, der schon die Deutsche Bischofskonferenz und mehrere Diözesen beraten hat. Von Christoph Renzikowski (KNA) sprach am Sonntag mit dem 62-Jährigen in Tutzing über seine Diagnose und Therapievorschläge zur Kirchenkrise.

KNA: Herr von Mitschke-Collande, sind Sie - wie der Titel Ihrer Neuveröffentlichung nahelegt - der katholische Sarrazin?

Mitschke: Wenn das Buch eine ähnlich intensive Diskussion in- und außerhalb der Kirche auslöst, und sei sie auch noch so kontrovers, hätte ich mit dem Vergleich kein Problem. Ansonsten möchte ich nicht in dieselbe Schublade gesteckt werden.

KNA: Worum geht es Ihnen?

Mitschke: Die Amtskirche soll den Ernst der Lage erkennen und die Chancen nutzen, die Zukunft nicht in einem rückwärts gerichteten Verhalten, sondern in einer Vorwärtsstrategie zu ergreifen. Die Kirche hat kein Nachfrageproblem, sondern vor allem ein Angebotsproblem. Sie erreicht immer weniger den Menschen von heute, so wie er ist, mit all seinen Nöten und Hoffnungen. Eigentlich müsste die Kirche boomen. Mehr denn je suchen Menschen nach Spiritualität, Gemeinschaft und Orientierung. Mein Anliegen ist schon mit dem ersten Satz des Buches voll umschrieben: «Lieber breche ich ein Gesetz der Kirche als das Herz eines Menschen.» Das war die seelsorgliche Handlungsmaxime meines verstorbenen Gemeindepfarrers.

KNA: Wer Ihr Buch liest, gewinnt den Eindruck, Ihnen sei irgendwann der Geduldsfaden mit Ihrer Kirche gerissen. Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Mitschke: Eigentlich nein. Das Buch hat sich aus Vorträgen und Publikationen, Beobachtungen und Gesprächen der letzten Jahre entwickelt. An manchen Stellen scheinen die Erfahrungen mit dem Inhalt, vor allem aber mit dem Vorgehen im Rahmen der Raumplanung meines Diözesanbischofs Konrad Zdarsa in Augsburg durch. Ich habe die Ohnmacht der Gläubigen gegenüber den Anweisungen der bischöflichen Obrigkeit erlebt, die Hilflosigkeit vieler engagierter Katholiken, die bald in Wut und Enttäuschung umschlug.

KNA: Was hätte man denn anders machen sollen?

Mitschke: Man hat das Pferd verkehrt herum aufgezäumt. Anstatt die Leute von Anfang an einzubinden, wurde ihnen diktiert, wie es weitergeht. Dass jetzt manches nicht so kommt wie zunächst geplant, liegt auch daran, dass sich das viele Augsburger Katholiken nicht haben gefallen lassen und aufbegehrt haben. Obwohl das keine Revoluzzer sind. Natürlich muss es größere pastorale Räume geben.

Die Grundsatzfrage aber ist: Wie erhalte und fördere ich kirchliches Leben an der Basis? Von dort her ergeben sich dann weitere übergeordnete Strukturen.

KNA: Sie diagnostizieren bei kirchlichen Entscheidern mächtige Verdrängungsmechanismen. Wie wollen Sie die durchstoßen?

Mitschke: Die von mir zusammengetragenen Daten sind im Wesentlichen nicht neu. Aber ich hoffe, dass die kompakte Zusammenschau ihre Wirkung nicht verfehlt. Wir haben eine Glaubenskrise und eine Kirchenkrise. Beides bedingt sich gegenseitig und muss zugleich angegangen werden. Ein Ressourcenproblem haben wir dagegen nicht.

Die katholische Kirche in Deutschland verfügt heute inflationsbereinigt über viermal so viel Geld wie 1960. Im selben Zeitraum ist die Beteiligung der Gläubigen am kirchlichen Leben von knapp 50 Prozent auf jetzt unter 13 Prozent zusammengebrochen. Das heißt, wir haben ein Bindungs- und ein Vermittlungsproblem. Hier müssen die Überlegungen ansetzen. Mir geht es nicht um Anpassung an den Zeitgeist. Die Kirche muss sich auf der Grundlage des Evangeliums mit der Zeit auseinandersetzen und auf die Fragen antworten, die der heutige Mensch stellt und versteht.

KNA: Ihre Vorschläge zielen auf eine andere kirchliche Betriebskultur. Solche Prozesse brauchen erfahrungsgemäß Zeit. Was müsste als erstes passieren?

Mitschke: Die Verantwortlichen sollten zunächst den Mut haben, sich der Diagnose zu stellen. Das Gesamtbild mag nicht vollständig sein, aber es ist stimmig. Erster Ansatzpunkt ist ein verändertes Selbstverständnis. Die Kirche ist für die Menschen da, sie muss wieder evangeliumsgemäßer, einfacher werden. Wir brauchen eine Theologie des Scheiterns und der Barmherzigkeit, um wieder glaubwürdiger zu werden. Dass das nicht gleichbedeutend ist mit der Aufweichung dogmatischer Grundsätze, kann man von der orthodoxen Kirche lernen. Dann muss die Kirche katholischer werden - nicht römischer.

KNA: Wie meinen Sie das?

Mitschke: Kein Weltkonzern käme auf die Idee, ein nationales Gesangbuch von der Zentrale absegnen zu lassen. Die Spitze muss nicht alles regeln, sondern sich auf die Bewahrung der Grundwahrheiten konzentrieren. Die Kirche hat sich im ersten Jahrtausend auch ohne Zentralismus hervorragend entwickelt.
Katholisch bedeutet aber auch allumfassend, das Ganze ansprechend, nicht nur den Kopf. Es geht auch um Emotionen.

KNA: Sie plädieren für «loyalen Ungehorsam». Ein Unternehmensberater würde sofort seinen Auftrag verlieren, wenn er der Belegschaft seines Kunden riete, stärker gegen die Chefs aufzumucken.

Mitschke: Sie werden sich vielleicht wundern, aber ein Unternehmensgrundsatz von McKinsey lautet: Ein Mitarbeiter ist zum Widerspruch verpflichtet, wenn er anderer Meinung ist als sein Boss.
Und dieser ist verpflichtet, sich mit der Kritik auseinanderzusetzen.

KNA: Was heißt das auf die Kirche übertragen?

Mitschke: Wir reden seit Jahren über Reformen, und nichts passiert.
Irgendwann muss man zur Tat schreiten. Wir haben heute durchaus so etwas wie eine vorreformatorische Stimmung. Steine des Anstoßes gibt es genug. Und es gibt machtvolle Kommunikationsmöglichkeiten. Aus Wut-Katholiken werden Mut-Katholiken. Damit etwas ins Rollen kommt, fehlt vielleicht nur noch eine charismatische Persönlichkeit wie Franziskus oder Martin Luther. Vergessen wir nicht: Viele Heilige waren anfangs ungehorsame Außenseiter. Aber man sollte auch nicht ausschließen, dass uns der Heilige Geist wieder einen liebenswürdigen Revolutionär wie Johannes XXIII. auf dem Stuhl Petri beschert. Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Handlungsproblem.
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Monika Elisabeth  03/09/2012 03:43:02
Naja, Shuca... selbst für 50 Euro würde ich so einen "Gottesdienst" nicht besuchen... also das zieht dann eher bei den Gleichgültigen, aber davon gibt es ja genug, also könnte die Rechnung schon aufgehen.
Bonifatius-Franz  03/09/2012 03:37:35
Die "Fragen des Menschen von heute" sind doch glasklar. 1. Wie kann ich Gott gefallen? 2. Was passiert mit mir, wenn ich sterbe? 3. Wer rettet mich aus der Diktatur des Relativismus? Ich gebe zu, dass die Kirche viel zu leise antwortet. Der McKinsey-Mann muss sich aber fragen lassen, was "Grundwahrheiten" sind und ob er nicht ganz bei Troste ist.
Shuca  02/09/2012 16:32:31
Liebe deutsche Bischofskonferenz spart euch das Geld für Mckinsey. Hört auf mich. Gebt jeden "Gottesdienstbesucher" Sonntags 50 Euro als Wegzehrung und die Kirchen werden so voll sein das die Wände wackeln werden. Ihr werdet erstaunt sein.
Per Mariam ad Christum.
Shuca  02/09/2012 16:12:42
"Die katholische Kirche in Deutschland verfügt heute inflationsbereinigt über viermal so viel Geld wie 1960. Im selben Zeitraum ist die Beteiligung der Gläubigen am kirchlichen Leben von knapp 50 Prozent auf jetzt unter 13 Prozent zusammengebrochen."
Ja eher geht ein "Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel". Liebe deutsche Bischofskonferenz ich weiß es ist heutzutage nicht einfach sich von Christus oder von Mckinsey beraten zu lassen. Fragt doch mal die Führungsspitze von … [More]
Galahad  02/09/2012 12:44:06
@Latina

Latina — 2.9.2012 14:43:50:
solche kirchenbastler braucht kein gläubiger katholik

Richtig. Außerdem ist die Kirche KEIN UNTERNEHMEN!!! Daher braucht sie auch keine Unternehmensberater und keine Sinusstudien.

Genau dadruch daß auf vielerorts auf SOETWAS gestetzt wird statt auf das heilige Opfer Christi. Genau DADURCH KOMMT ES ZUR KIRCHENKRISE. Die Kirche ist der MYSTISCHE LEIB CHRISTI und kein Konzern. Solche Besserwisser verderben mehr als sie helfen. Vor allem wenn daß die … [More]
CollarUri  02/09/2012 12:12:38
@Poldi
: ) Bravo.
Poldi  02/09/2012 11:51:44
Die "Amtskirche" hat in der Tat versäumt, auf die Zeichen der Zeit zu reagieren, denn dann würde sie den folgenden Irrtümern

- es gibt keinen Gott, der sich den Menschen offenbart;
- es gibt keine letztes Ziel für den Menschen, das er erreichen oder verfehlen kann;
- die Bibel ist ohne Authorität und ohne göttliche Inspiration, da sie von Menschen geschrieben und verfälscht wurde;
- in der Kirche gibt es keine Authorität, die verbindlich, mit göttlicher Vollmacht und dem Beistand Gottes die … [More]
elisabethvonthüringen  02/09/2012 09:11:40
Es wird ja überall gebastelt...

<<In Deutschland darf ein ebenso schwuler wie inkompetenter Außenminister*) mit seinem eingetragenen Reitpartner um die Welt touren und verkünden, daß es bei der Qualität internationaler Beziehungen nicht um nationale, sondern um sexualpolitische Interessen geht. Am warmen Wesen soll die Welt genesen, sozusagen, und, sosehr sonst im allseits blühenden Klimawahnsinn jede Erwärmung perhorresziert wird, hier wird sie gefordert ...<<
http://lepenseur-lepenseur … [More]
Latina  02/09/2012 08:43:50
solche kirchenbastler braucht kein gläubiger katholik
diana 1  02/09/2012 08:25:58
Wo Katholisch drauf steht muß auch Katholisch drinnen sein.
Hören wir auf unseren Heiligen Vater Papst Benedikt XVI. und glauben an das Evangelium und handeln danach.
So müssten die Worte des heutigen Evangeliums „auch uns nachdenklich machen“, so der Papst, der an die Worte des heiligen Jakobus aus der zweiten Lesung erinnerte, mit denen der Apostel vor den Gefahren einer falschen Religiosität warnt: „Hört das Wort nicht nur an, sondern handelt danach; sonst betrügt ihr euch selbst … [More]
elisabethvonthüringen  02/09/2012 08:24:30
Es sind die kleinen Details,...

... die mich immer wieder stutzig machen:

In einer Szene rächt sich Nabil, indem er die überall im Haus hängenden Kreuze mit dem Stock zu Boden schmettert. Beim Papstbild in der Küche gab es bei der Pressevorführung Szenenapplaus...

Melde gehorsamst: Feindbild erfolgreich in den (Rest-)Hirnen der linksliberalen Meinungsmacher implementiert. Mob voll konditioniert und im Grunde abmarschbereit, aber vielleicht warten wir, bis wir den Laden mit tendenziöser … [More]
Frontinus  02/09/2012 08:15:00
Der Hinweis von Herrn Mitschke, daß die Kirche das Vierfache an Geld gegenüber 1960 besitzt und dabei die Beteiligung der Gläubigen von 50% auf unter 13% zurückgegangen ist, ist für mich ein wichtiges Indiz, daß mit diesem Geld viele innerkrchliche Kirchenzerstörer beschäftigt worden sind und noch beschäftigt werden.
Man kann auch noch die Frage stellen, welches wichtige Ereignis denn zwischen 1960 und heute stattgefunden hat und provokativ die Segnungen des Zweiten Vaticanums leugnen.
welli  02/09/2012 07:50:02
Die Kirche braucht keine Beratung durch diese Zeitgeist-Firma.Was die Kirche und die Menschheit braucht ist Gebet.
Kajo  02/09/2012 06:46:23
Das ist genau der Stil durch den die kath. Kirche den wahren Gläubigen entfremdet hat. Das ist genau das was alle Gegner des Heiligen Vaters immer fordern, eine nationale deutschsprachige Kirche. Nein, wir brauchen den Gehorsam gegenüber dem Heiligen Vater, auf Ihn und seine weisen Worte sollen wir hören und nicht auf Leute die eine ganz andere Kirche wollen. Nicht Wut, sondern Liebe sind die Gebote Jesus.
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