Clicks220
Elista

Die heilige Woche

Betrachtung der Woche zwischen Palmsonntag und Ostern

Was wir in der deutschen Sprache Karwoche» nennen, wird in anderen Sprachen «heilige Woche» genannt, was eigentlich vollständiger der Wirklichkeit dieser geheimnisvollen Woche zwischen Palmsonntag und Ostern gerecht wird. Das deutsche Wort «Kar-Woche» leitet sich vom althoch-deutschen «Kara»her, was «Trauer» bedeutet. Die Karwoche meint also «Trauerwoche» und bezieht sich selbstverständlich auf die Selbsthingabe, das Leiden und Sterben von Jesus am Karfreitag, was natürlich zentral, aber doch nur die Hälfte der Wirklichkeit, deren letzte Tiefe Auferstehung meint.
Wir begleiten in diesen Tagen Jesus von Nahem auf seinen letzten irdischen Tagen, wie sie in den Evangelien berichtet werden und die uns das ganze Geheimnis seiner wunderbaren, eindrücklichen Persönlichkeit erschließen können. Reden wir also in diesem Artikel von «heiliger Woche», in der wir in der Kirche liturgisch – also in den Gottesdiensten - das tiefste Geheimnis unseres Glaubens feiern – wie gesagt, die Selbsthingabe, das Leiden und den Tod, sowie die Auferstehung Jesu zur Erlösung der Menschheit. Doch gehen wir der Reihe nach durch diese geheimnisvollen – und sie sind es auch – Aspekte unseres herrlichen Glaubens.

Palmsonntag
Der Einstieg in die heilige Woche ist der Palmsonntag, der an vielen Orten mit sehr schönen Bräuchen und Traditionen für Alt und Jung verbunden ist: Etwa das Palmbinden, die Herstellung oft wunderschöner symbolischer Palmen mit Buchs, Tannenästen und Äpfeln, Bändern und manchmal auch Eiern; die Palmprozession, bei der Palmzweige und auch die selbstgemachten Palmen mit in die Kirche getragen werden; oder der Palmesel, der daran erinnert, dass Jesus nach dem Zeugnis der Evangelisten (Mk 11,1 f / Joh 12,12 f / Lk 19,28 f ) auf einem Esel nach Jerusalem hineingeritten ist und dort von einer begeisterten Menge empfangen wurde. Diese schwangen Palmzweige und riefen ihm «Hosanna dem Sohne Davids» zu, womit sie die innerste Würde Jesu und sein Königtum anerkannten, die Gott ihm mit seinem Sieg über den Tod verleihen sollte, nämlich König des Reiches Gottes zu sein das ohne Ende ist und in einer anderen Dimension von Ewigkeit und Unendlichkeit spielt. Der Palmsonntagsgottesdienst beginnt oft im Freien, auf einem Platz oder vor der Kirche, wo die genannte Geschichte des Einzugs Jesu gelesen wird und die Palmen gesegnet werden. Sie sind in ihrer grünen oder farbigen Pracht ein vorausgenommenes Zeichen des Sieges Jesu über den letzten Feind des Menschen, den Tod und damit ein Zeichen seiner königlichen Herrschaft, der wir Christen unser Leben exklusiv anvertrauen und niemandem sonst. Dies ist nicht nebensächlich, gerade heute in einer Zeit, da viele andere Könige unser Leben regieren wollen, vom Geld über die letzten Apps, Handys und Technikgläubigkeit oder wie auch immer die neuen Götzenkönige heißen wollen.
Dass der Palmsonntag auch der Beginn der heiligen Woche ist, kommt weiter darin zum Ausdruck, dass im Gottesdienst in der Kirche dann die Passion, also die Leidensgeschichte Jesu gelesen wird. Wir hören diese also zweimal in derselben Woche: am Palmsonntag und am Karfreitag. Mit diesem nachdenklichen Aspekt der Doppelgesichtigkeit von uns Menschen, werden wir in die heilige Woche entlassen: Zwischen dem begeisterten «Hosanna dem Sohn Davids!» bis zum hasserfüllten «Kreuzige ihn!», was Jesus entgegengerufen wird, liegen nur vier Tage, und beide werden uns in ein und derselben Feier vor Augen geführt.

Montag bis Mittwoch
Die Tage Montag bis Mittwoch der heiligen Woche sind liturgisch nicht von besonderen Feiern gezeichnet. Oft gibt es aber hier den Brauch, dass wir mit Fastenpredigten auf die besonderen, bevorstehenden Tage vorbereitet werden und unser christliches Leben vertiefen können im Nachdenken über einige wichtige und/oder aktuelle Aspekte unseres Glaubens.
An manchen Orten werden in diesen Tagen auch besondere Beichtgelegenheiten oder Bußfeiern angeboten. Ich möchte Ihnen hier ganz besonders das Sakrament der Buße und Versöhnung ans Herz legen: Wann könnten wir besser unser Leben vor Gott, unseren Mitmenschen und uns selber wieder ins Lot bringen und uns von Gottes reinigender Güte – oder Gnade – glücklicher erfüllen lassen, Altes hinter uns lassen und damit wirklich neu werden? Genau dieser Dynamik dient nämlich die ganze Fastenzeit, die uns ja empfänglich machen soll für das Feiern der grossen Glaubensgeheimnisse und das tiefe innere Miterleben der Heilsgeschichte, die sich da liturgisch vor unseren Augen und Ohren abspielt.

Hoher Donnerstag
Mit dem «Hohen Donnerstag» – oder auch «Gründonnerstag» – steigen wir in der Feier der Abendmahlsmesse in das sogenannte «Triduum sacrum» ein, das heisst in die heiligen drei Tage des Leidens und Sterbens, der Grabesruhe und der Auferstehung Jesu (Freitag/Samstag/Sonntag). In der Antike begann nämlich der Tag schon mit der Feier am Vorabend, daher ist es sinnvoll auch den Donnerstag in das innere Geheimnis des Christusereignisses zu zählen. Hier berühren wir nun das ganz Zentrale unseres christlichen Glaubens: Das Vertrauen, dass mit Jesu Tod und Auferstehung unsere eigene Zukunft ein für alle Mal offensteht und dass auch wir in ihm und mit ihm und durch ihn auferstehen werden. Die Messe vom letzten Abendmahl Jesu hat zwei wesentliche, charakteristische Momente: Die Erinnerung natürlich an die Einsetzung der Eucharistie, es wird dabei immer die Lesung aus dem ersten Korintherbrief genommen (1 Kor 11,23-26), die den sogenannten Einsetzungsbericht bringt, also die Worte, die Jesus beim jüdischen Paschamahl über Brot und Wein spricht. Sie sind zugleich vertraut jüdisch, aber auch eine neue, unerhört einzigartige Selbstbotschaft von Jesus: «Das ist mein Leib, das ist mein Blut» (und eben nicht das «ich meine damit meinen Leib und mein Blut») und «tut dies zu meinem Gedächtnis (in meinem Andenken)». Daher feiert die Kirche bis heute und bis zur Wiederkunft des Herrn treu dieses Geheimnis der Selbsthingabe Jesu in seinem Leib und Blut. Würden wir nun – beziehungsweise die Berichte des Neuen Testamentes – hier stehen bleiben, könnte man sagen, «Jesus hat es ja gut gemeint, aber mit Wirklichkeit hat das nichts zu tun». Doch die Evangelien berichten uns weiter, dass Jesus in Gesten und im eigenem Leiden, dieses Wort mit Wirklichkeit und unvergänglichem Inhalt füllt: zum einen in der Fußwaschung an den Jüngern – darum sollte auch in der Abendmahlsfeier des Hohen Donnerstages nie auf diese Handlung verzichtet werden– und zum andern in seiner Selbsthingabe am Kreuz. Damit wird das eucharistische Geschehen in einen ganz anderen Zusammenhang gestellt, ja in eine ganz andere Dimension gerückt, das nicht nur einfach die geschichtlichen Worte Jesu umfasst, sondern sozusagen ein Fenster in die Überweltlichkeit öffnet. Darum haben die frühen Christen die Eucharistie immer auch «farmakon aftharsias» – Arznei der Unsterblichkeit genannt.

Karfreitag
Der Karfreitag ist der einzige Tag des Kirchenjahres, an dem keine Eucharistie gefeiert wird, sondern höchstens die Kommunion gereicht wird, wie im lateinischen Ritus, also in den Kirchen unserer Breiten. In der Kirche Mailands, also im ambrosianischen Ritus, wird sogar darauf verzichtet. Der Gedenktag des Todes von Jesus am Kreuz gipfelt normalerweise in der Feier des Leidens und Sterbens Jesu, der sogenannten Karfreitagsliturgie. Auch hier begleiten verschiedene Zeichen und Bräuche die Passionsfeier: An vielen Orten werden statt der Kirchenglocken, die am Karfreitag verstummt sind, die traditionellen Rätschen gerührt, die einen lärmenden, schnarrenden Krach veranstalten und die Menschen so zusammenrufen. Auch wird die Karfreitagsliturgie immer in einer «leeren» Kirche gefeiert, der Tabernakel ist leer und steht offen, keine Altartücher, kein Altarschmuck, keine Kerzen, keine Kreuze. Dies sind die äusseren, symbolischen Zeichen der «Abwesenheit» Jesu in seinem Tod. An manchen Orten gibt es die Tradition des Heiligen Grabes (vgl. z.B. Beromünster; Kloster Maigrauge), die an Jesu Grablegung erinnert. Meistens beginnt die Karfreitagsliturgie um 15 Uhr, zur neunten Stunde, nach römischer Zeitrechnung, weil dies die Stunde von Jesu Tod ist (vgl. Mk 15,34). In der Liturgie legt sich der Zelebrant zu Beginn mit dem liturgischen Gewand zu Boden, mit dem Kopf nach unten, als Zeichen der Ganzauslieferung an Gott und der letzten Wehrlosigkeit des Menschen vor allem, was ihn bedroht. Ohne einen einzigen liturgischen Gruss wird anschliessend das einführende Gebet (Tagesgebet/Kollekte) gesprochen und sofort folgt der Lesungsgottesdienst, der in der Verkündigung der Leidensgeschichte Jesu (Passion) seinen Höhepunkt findet. Hier wird nun die eindrückliche Geschichte der Gefangennahme, der Verspottung und Verurteilung und schließlich der Kreuzigung Jesu gelesen. Es folgen die sogenannten großen Fürbitten, die die großen Anliegen der Menschheit und der Kirche vor Gott tragen. Anschließend wird das in drei Schritten enthüllte Kreuz
verehrt durch die Gläubigen oft mit dem alten gesungenen Ruf:«Seht, das Holz des Kreuzes, an dem das Heil der Welt gehangen hat.» Die Feier wird abgeschlossen mit der Kommunionspendung und dem Schlusssegen. Es ist eine ernste und sehr innige Feier mit ergreifenden Texten. Wir denken etwa an den Gesang zur Kreuzesverehrung, der uns den geschundenen Jesus vor Augen führt und ihn sagen lässt: «Volk, was hab ich dir getan, dass ich eine solche Strafe verdient hätte? » Doch genau in dieser sehr menschlichen Frage liegt das Geheimnis von Jesus: Er akzeptiert die ihm von seinem himmlischen Vater gegebene Sendung. In seiner Selbsthingabe schenkt er der Welt – also der ganzen Menschheit – neues Leben.

Ostern
Die Feier der Osternacht und der Ostersonntag sind die Höhepunkte und die allerinnerste Botschaft von Jesus, dem Messias: Jesus wir nach der Kreuzigung in ein Grab gelegt und aufersteht am dritten Tag (nach seinem Leiden) von den Toten und schenkt damit allen Menschen, die wollen, die endgültige Befreiung vom Tod. Ungläubig und staunend entdecken die verschreckten Frauen und Jünger in den Berichten des Evangeliums die Wirklichkeit des Auferstandenen. Dabei ist die Osternacht in diesem noch fast ungläubigen Staunen die Ur-Feier allen christlichen Feierns, das Ur-Fest aller christlichen Feste. Um dies zu begreifen, war es nötig, die vierzigtätige Fastenzeit durchlebt zu haben und Jesus nahe zu sein in den vorausgehenden Tagen der heiligen Woche. Die Feier der Auferstehung Jesu beginnt mit dem Osterfeuer im Dunkel der anbrechenden Nacht, dem Lichtsymbol für die tiefe Botschaft des Lichtes und der Freude, die die Auferstehung in die Welt gebracht hat. Die daran entzündete Osterkerze ist Symbol für den Auferstandenen selbst, der die Gläubigen nun für immer in allem Dunkel begleitet. «Lumen Christi» singt der Zelebrant – «Licht Christi» – für alle, die ihm ihr Herzen öffnen. Nach der Lichtfeier folgt der Wortgottesdienst mit mehreren alttestamentlichen Lesungen, einer Epistel aus dem Neuen Testament und dem Evangelium. Sie alle künden nach den eher getragenen Kartagen die Herrlichkeit, den Jubel und die Freude über Gottes Heilstaten, sein Wirken unter uns Menschen bis heute und in alle Zeiten. Hier sollte uns eine unermessliche Freude durchdringen über die Güte und Sorge, die Gott für jede(n) von uns hat. In der darauffolgenden Tauferneuerung der Osternachtfeier- die manchmal auch eine richtige Taufe beinhalten kann – erinnern wir uns an unsere Würde und Verpflichtung als Getaufte zu leben: Jesus nachzufolgen im Leben und im Tod. Die anschließende Eucharistiefeier vergewissert uns, dass der Auferstandene im Sakrament in unserer Mitte ist – und zwar für immer. Der Ostersonntag vertieft diese Botschaft in festlicher Weise. In der Messfeier des Ostersonntags erklingt die Freude der erlösten Menschheit: im Halleluia, dem Gloria und anderen Jubelgesängen. Diese Freude sollte alle ergreifen, die sich an einem Ostersonntag in die Kirche begeben. Natürlich wäre allein über diese beiden Feiern je ein eigenes Buch zu schreiben. Doch hier soll der eine österliche Ruf den Grund unserer christlichen Lebensfreude ausdrücken und zusammenfassen: « Christus vere resurrexit, Halleluia – Christus ist wahrhaft auferstanden, Halleluja. » Ihnen allen, die Sie diesen Artikel lesen, wünsche ich eine gesegnete heilige Woche und jetzt schon den Vorgeschmack der österlichen Freude.

Quellenangaben: Agnell Rickenmann, Regens
Medjugorje Schweiz, März 2018