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Nicky41

Ist der Mensch unheilbar religiös? "Wilde Exegese" als Herausforderung für Theologie und Kirche

Seit Karl Barth, Rudolf Bultmann und Dietrich Bonhoeffer versteht sich evangelische Theologie ihrem Ansatz nach weithin als religionskritisch. Christlicher Glaube und Religion mußten als zwei völlig verschiedene und miteinander unvereinbare Größen gelten; nur so meinte man sich dem tödlichen Angriff von Feuerbach und seinen Nachfolgern entziehen zu können. Christlicher Glaube mußte seiner Substanz nach als verschieden angesehen werden von der religiösen Redeweise des Mythos, die vergangen und erledigt sei; nur so meinte man auch als moderner Mensch glauben zu können. Christlicher Glaube mußte so formuliert werden, daß er auch einem religionslosen Menschen nahezubringen war; nur so meinte man, zum Aufbruch aus der Kathedrale mit ihren feierlichen und unverständlichen Riten aufrufen zu können.

Allein, Bonhoeffers Zukunftsvision vom religionslosen Menschen hat sich nicht bestätigt. Eher hat Berdjajew recht behalten mit seiner Behauptung, der Mensch sei unheilbar religiös. Und die Religion, von der Theologie nur noch als recht ärgerliches "Phänomen" ernstgenommen und an die randständige "Religionsphänomenologie" zur Nachlaßverwaltung verwiesen, feierte eine unvorhergesehene Auferstehung in Gestalt von politischen Religionen, Massenritualen, großer Verweigerung, bewußtseinserweiternden Rauschzuständen und ähnlichem. Sie entwickelte, unbehelligt von theologischer Beratung und Betreuung, ein unheimliches und für viele bedrohliches Eigenleben. Man ist versucht zu sagen, die Einstellung von Theologie und Kirche werde durch den Slogan gekennzeichnet: Alle reden von Religion – nur wir nicht!

Die historisch-kritische Arbeit an den biblischen Quellen des christlichen Glaubens hat eins deutlich hervortreten lassen: Der "Gegenstand" des Glaubens ist aus seinen Quellen nicht mit der gleichen objektiven Klarheit zu ermitteln, wie der Naturwissenschaftler bislang seinen Erkenntnisgegenstand erfaßt hat. Was ursprünglich gemeint war, läßt sich nicht ohne weiteres destillieren. Der "garstige Graben" einer mehrtausendjährigen Wirkungsgeschichte dieser Texte läßt sich nicht einfach überspringen. Man muß sich damit bescheiden zu ermitteln, was diese Texte uns sagen.

Wer formuliert aber das Vorverständnis, welches das Woraufhin der Textbefragung zu leiten hätte? Wer formuliert das Selbstverständnis heutiger Menschen? Ist es übertrieben anzunehmen, daß Marxismus und Psychoanalyse das Erbe der Existenzphilosophie angetreten haben? In der Theologie ist, abgesehen von bescheidenen Ansätzen, dies noch nicht versucht worden. Statt dessen ist eine neue Literaturgattung entstanden, für die ich, nach einer bekannten Formulierung von Claude Levi-Strauss, die Bezeichnung "wilde Exegese" vorschlagen möchte, weil hier der Theologie von außen her der Alleinvertretungsanspruch auf ihre Quellen bestritten und auf elementare Weise, ohne Rücksicht auf die Kunstregeln theologischer Schriftauslegung, die Bibel neu entdeckt wird.

Für viele überraschend, hat der vom Marxismus herkommende Philosoph der Hoffnung, Ernst Bloch, Dietrich Bonhoeffers These vom religionslosen Christentum zur Forderung nach einem atheistischen Christentum vorangetrieben. "Nur ein Atheist kann ein guter Christ sein, nur ein Christ kann ein guter Atheist sein", so lautet die provozierende Leitthese seines Buches "Atheismus im Christentum". Für ihn ist Religion re-ligio, Rückverbindung mit dem mythischen Gott des Anfangs, der Weltschöpfung.

Um diese beiden Elemente geht es Bloch: um das Eschatologische als historisch-kosmische Sprengkraft und darum, daß der Mensch lebe ohne jenen Moloch-Gott, der seine eigene Größe nur durch die Kleinheit und Armseligkeit des Menschen zu erhalten weiß. So liest Bloch die Bibel – nicht mit Bultmann, der das Eschatologische lediglich in die einsame Seele und ihren Bürgergott einzusperren versucht habe, und nicht mit Barth und seinem "bis zum lehrreichen Exzeß hypostasierten Herren-Mythos", sondern mit den Autoren des Kommunistischen Manifestes, unter dem Panier eines Programms der Enttheokratisierung, das einen in der Bibel verborgenen Text zu retten unternimmt.

Es ist freilich eine Art "underground-Bibel", die da zum Vorschein kommt und deren Erforschung, so Bloch, durch die Bibelkritik möglich geworden sei. An ihr könnte es sich zeigen, daß "es gerade auch in der Bibel mit dem Menschen doch sehr weit her wäre, so sehr wie nirgends sonst". Gut marxistisch will Bloch der Kirche ihre eigene Melodie vorspielen, um sie zum Tanzen zu bringen – aus der Bibel als deren ständigem schlechten Gewissen. Ein Gewissen freilich, das als die wirkliche Ursünde nur den Willen, nicht sein zu wollen wie Gott, anerkennt, das sich im wachsenden Gebiet jener Gottesvorstellung entwickelt, wo sich keine von oben herab institutionalisierte "und so im doppelten Sinne fertig gemachte Religion halten" kann. Kyriuskult, Gottesdienst, Sakrament oder Geduld des Kreuzes können nur als Rückfälle "ins Molochhafte" interpretiert werden. Aber es kann und soll nur vorwärts gehen, biblisch gesprochen auf jene Zeit des aufgedeckten Angesichtes, philosophisch gesprochen auf das Identischwerden des Menschen hin.

Nicht unerwähnt bleiben darf das Lebenswerk eines Mannes, von dem nicht leicht zu vermuten stand, daß er sich die Mühe machen würde, das Christusgeschehen auf seine eigenwillige und leidenschaftliche Weise auszulegen: Wilhelm Reich. Eine der Zentralideen der frühen Psychoanalyse Sigmund Freuds (daß nämlich das Unglück des Menschen im wesentlichen auf aufgestaute Libido-Energien zurückzuführen sei), sucht er mit Hilfe marxistischer Kategorien zu seiner eigenen "Sexualökonomie" umzugestalten. Dabei stößt er auf das religiöse Gefühl als dem Geheimnis, wie die religiösen Vorstellungen im Menschenkopfe verankert sind. Ihm glaubt er so zu Leibe gehen zu können, daß er eine ursprüngliche Identität von religiösem Gefühl und Sexualenergie annimmt. Erst mit dem Umschwung von der matriarchalischen zur patriarchalischen Gesellschaftsordnung habe sich die Einstellung der Religion zur Sexualität verändert, indem sie nun sexualfeindlich werde und damit den neurotischen Charakter hervorbringe, dessen politische Gestalt die Unterwerfung sei

Wenn aber für Reich Sexualität und religiöses Empfinden energetisch dasselbe war, mußte mit logischer Konsequenz die angebliche Todfeindschaft zwischen Religion und natürlicher Geschlechtlichkeit zu einer scheinbaren werden. Er meint nun, der Gottesbegriff habe im Grunde doch korrekt die Einheit von Mensch und Natur erfaßt, sofern dieses religiöse Gefühl nur in wirklicher Reinheit strömen kann und nicht krank und verzerrt ist. Das Schema: paradiesischer Urzustand – Abfall wendet er auch auf die Jesusüberlieferung an; in seinem späten Werk "The Murder of Christ" wird ihm der ständig neu vollzogene Mord an Jesus zur Metapher für das grundlegende Fehlverhalten des Menschen.

Hier ersteht eine Auslegungsmethode wieder, die sich auf eine ehrwürdige Tradition in der Kirchengeschichte berufen kann, aber in der Gegenwart als abwegig ausgeschieden wurde: die allegorische Schriftauslegung. Für Reich werden die einzelnen Stationen des Lebens- und Todesweges Jesu Christi allegorische Bilder für die Grundbefindlichkeit des Menschen, der in der Konfrontation mit diesem Jesus zu der Einsich: gebracht werden soll, daß er sich auf dem Wege der Entkörperlichung und Spiritualisierung unerreichbar für sich selber gemacht hat.

Reichs Jesusbild trägt die Züge des "natürlichen Menschen", des zweiten Adam, in seiner Sprache: des "genitalen Charakters": Es ist erfüllt von Liebe zu Kindern, zu Menschen überhaupt, zur Natur, frei von allen Anzeichen genitaler Frustration wie schmutziger Gedanken, lasziver Phantasien, direkter oder moralistischer Grausamkeit. Er lebt nicht, "als ob" er ein Heiliger sei, sondern wie eine Blume und ein Tier stellt er die Inkarnation eines Stückes göttlicher Natur dar, widersteht er der Versuchung, ein Führer der Menschen zu werden, und wird so durch seinen Kreuzesweg der wahre Führer.

Aber gerade weil Jesus die Qualität eines solchen Verhaltens entwickelte, mußte er auf die "gepanzerte Charakterstruktur" des Menschen, der im Abfall von der Natur lebt, als einzigartige Herausforderung wirken, mußte er das Opfer dieser Charakterstruktur werden, mußte diese Herausforderung in immer neuen Anläufen bis auf den heutigen Tag unterdrückt und ausgemerzt werden. "Christen, was habt ihr aus eurem Christus gemacht!" Das ist die Anklage, die Reich der offiziellen Religion entgegenschleudert und die er in immer neuen geschichtlichen Ausblicken veranschaulicht, angefangen mit Paulus, der für Jesus dieselbe Rolle wie Stalin für Marx gespielt habe, bis hin zu Giordano Bruno, als dem exemplarischen Opfer der "emotionalen Pest", die den Mord an Christus in immer neuen Gestalten vollzieht.

"Der Mensch stammt aus dem Paradies und verlangt wieder nach dem Paradies." In diesen Rückbezug des Menschen auf die ursprüngliche Natur sah sich Reich wohl von allem Anfang an eingeordnet, ob er sich wissenschaftlich, politisch oder religiös verstand.

Diesem Entwurf Wilhelm Reichs läßt sich ein dialektischer Gegenentwurf an die Seite stellen, der von Erich Fromm stammt. Wie Reich Psychoanalytiker, wie er geprägt vom Marxismus und mit ihm anfänglich verbunden durch die gemeinsame Arbeit an der von Horkheimer herausgegebenen Zeitschrift für Sozialforschung in den frühen dreißiger Jahren, hat Fromm in seinen Jugendjahren wohl eins der ernsthaftesten Stücke wilder Exegese geschaffen: Die Entwicklung des Christusdogmas in den ersten Jahrhunderten christlicher Entwicklung suchte er mit Hilfe einer Kombination von Psychoanalyse und Marxismus zu verstehen und zu interpretieren. Nun im Alter wendet er sich erneut der biblischen Oberlieferung zu.

Leitgedanke und formuliertes Vorverständnis ist seine Vorstellung, daß der Begriff der Entfremdung im Denken der biblischen Propheten wurzelt, genauer gesagt in ihrer Auffassung vom Wesen des Götzendienstes. Weil sich der Götzendiener vor dem Werk seiner eigenen Hände verbeugt, stellt das Idol seine eigene Lebenssituation in entfremdeter Form dar. Er schwelgt in Abhängigkeit und betet die Kräfte an, von denen er abhängt. Zu fordern ist deshalb, so Fromm, eine Wissenschaft von den Idolen, die bis in die Gegenwart hinein die verschiedenen Idole, die der Mensch sich schafft, zu identifizieren und zu demaskieren vermöchte.

Die geschichtliche Entwicklung der biblischen Religion wird von Fromm als Ambivalenzkonflikt begriffen – hier die rückwärts gewandten Kräfte des Götzendienstes in jedweder Form, dort die vorwärts gewandten Kräfte einer humanitären Religion. Dafür lassen sich viele Indizien in der Bibel aufspüren: Der Mensch erhält als einziges Glied der Schöpfung nicht das Prädikat "sehr gut" – ein Hinweis, wie unfertig und projekthaft er ist; Adams Ungehorsam wird nicht als Sünde im qualifizierten Sinn bezeichnet – also äußert sich hier eine Schicht innerhalb der biblischen Überlieferung, die Ungehorsam eher als eine Tugend denn als Sünde versteht; Jesus vermag aus den inzestuösen Banden des Blutes und der Familie herauszurufen – darin zeigt sich ein Impuls gegen den tiefen und fundamentalen Wunsch, ein Kind zu bleiben und sich an beschützende Gestalten zu heften.

Auf der einen Seite sollte Gott als das Sinnbild der Kraft angesehen werden, die der Mensch in sich selber spürt. Auf der anderen Seite ist er auch Symbol für all das, was im Menschen liegt und dennoch der Mensch nicht ist, Symbol also einer geistig-seelischen Realität, die uns zu verwirklichen aufgegeben ist, ohne daß wir vermöchten, sie zu beschreiben oder sie zu definieren.

Gott gleicht dem Horizont, der unserem Blick die Grenzen setzt. Deshalb bedeutet seine Anerkennung grundsätzlich die Negation von Idolen. Sie hat die Funktion, den Menschen vor Rückfällen in primitive Formen von Religion zu schützen. Sie ist ideologiekritisch, billigt aber der religiösen Überlieferung die grundsätzliche Möglichkeit zu, sich aus ideologischer Verhärtung in lebensverwandelnde Kraft umzugestalten.

Was für Reich als der Ursündenfall gelten mußte, das Heraustreten des Menschen aus der Natur, mit der er nur wieder versöhnt werden kann, wird für Fromm Aufgabe und Anlaß zur Hoffnung: "An einem Punkt der Geschichte, vor wirklich recht kurzer Zeit, vor weniger als viertausend Jahren, nahm der Mensch eine entscheidende Wendung vor. Er erkannte, daß er niemals die Vereinigung finden könnte, indem er seine Menschlichkeit ausstieß; daß er niemals zur Unschuld des Paradieses zurückkehren könnte; daß er niemals das Problem des Menschseins, des Hinausschreitens über die Natur und des gleichzeitigen Sich-in-ihr-Befindens lösen könnte, indem er rückwärts schritt. Er erkannte, daß er sein Problem nur lösen könnte, indem er vorwärts schritt."

Damit schließt sich der Kreis: Von dem vorwärtsstürmenden Bloch über Reich und seine Rückbindung an die Natur bis hin zu Fromm und der auf Zukunft angelegten humanitären Religion – eines wird man den Vertretern der "wilden Exegese" nicht absprechen können: Sie haben es auf ihre Weise verstanden, die verhängnisvolle Trennung zwischen Heiligem und Profanem zu überwinden. Sie vermögen die humane Relevanz religiöser Quellen auf erstaunliche Weise aufzuzeigen. Um den Preis, daß sie nur das in den Texten entdecken, was sie vorher von sich selbst unbemerkt hineinpraktiziert haben? Vielleicht. Aber ist das nicht die Gefahr jedweden Umgangs mit den Quellen?

Die christliche Tradition hält einen Terminus bereit, mit dem sie derartige Gefahren zu etikettieren pflegte: Sie kann mit gutem Grund die "wilde Exegese" als Nachfolgerin des klassischen Schwärmertums bezeichnen. Die römisch-katholische Kirche benutzte das verbindliche Lehramt der Kirche als Wall gegen diese Gefahr, der Protestantismus den Rückverweis auf die Heilige Schrift. Beide Befestigungslinien müssen jedoch revidiert werden. In diesem Selbstklärungsprozeß könnten die von außen kommenden Auslegungsversuche als eine Art "Fremdprophetie" helfen und herausfordern zugleich.

Joachim Scharfenberg ist als Theologe und Psychoanalytiker Dozent für Praktische Theologie an der Universität Tübingen

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