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Kardinal Müller: "Das subjektivistische 'Super-Lehramt' der Piusbruderschaft ist unkatholisch"

Von Joseph Schumacher

„Stets hatte sich Papst Benedikt XVI intensiv darum bemüht, die Pius-Bruderschaft wieder einzugliedern in die Kirche. Schon für den Präfekten der Glaubenskongregation war Einigung mit der Pius-Bruderschaft bzw. deren Heimholung ein vordringliches Anliegen. Noch kurz vor dem Bruch im Jahre 1988 fanden intensive Gespräche statt, die am 5. Mai 1988 zu dem so genannten Protokoll führten, einem Einigungspapier. (…)

In ihm heißt es: „Ich, Marcel Lefebvre, emeritierter Erzbischof von Tulle sowie Mitglied der von mir gegründeten Priesterbruder-schaft St. Pius X., verspreche der katholischen Kirche und dem Bischof von Rom, ihrem Obersten Hirten, dem Stellvertreter Christi, dem Nachfolger des heiligen Petrus und seinem Primat als Oberhaupt der Gesamtheit der Bischöfe, immer treu zu sein; erkläre die in Nummer 25 der Dogmatischen Konstitution „Lumen gentium“ des Zweiten Vatikanischen Konzils enthaltene Lehre über das kirchliche Lehramt und die ihm geschuldete Zustimmung anzunehmen. Hinsichtlich gewisser, vom Zweiten Vatikanischen Konzil gelehrter Punkte oder gewisser nach dem Konzil erfolgter Reformen der Liturgie und des Kultes, die uns mit der Tradition schwer vereinbar erscheinen, verpflichten wir uns, bei deren Studium und einem Vorbringen beim Heiligen Stuhl eine positive Haltung einzunehmen und jede Polemik zu vermeiden. Wir erklären außerdem, die Gültigkeit des Messopfers und der Sakramente anzuerkennen, die mit der Intention das vollbringen, was die Kirche vollbringt und nach den Riten zelebriert werden, die in den von den Päpsten Paul VI. und Johannes XXIII promulgierten offiziellen Ausgaben des römischen Messbuches und den Ritualen für die Sakramente enthalten sind. Schließlich versprechen wir, die allgemeine Disziplin der Kirche und die kirchlichen Gesetze zu achten, insbesondere die Gesetze des von Papst Johannes Paul II. promulgierten kirchlichen Gesetzbuches, ungeachtet der der Bruderschaft durch ein besonderes Gesetz eingeräumten Sonderdisziplin“[1]

(…) Das II. Vatikanische Konzil darf man nicht als ein Superkonzil qualifizieren. Mit ihm beginnt nicht erst die Kirche, wie manche glauben machen wollen. Das II. Vatikanische Konzil ist eines unter 21 Konzilien. Wir sprechen hier von ökumenischen oder allgemeinen Konzilien im Unterschied zu Partikularkonzilien. Ökumenisch heißt in diesem Zusammenhang „gesamtkirchlich“. Stets kann ein Konzil stets nur in der Kontinuität des Glaubens recht verstanden werden. Darauf bestand Papst Benedikt sehr, immer wieder hat er daran erinnert. Die Hermeneutik des Bruchs, wie sie von manchen Theologen vertreten wird im Hinblick auf das II. Vatikanische Konzil, um nicht zu sagen von der Mehrheit der Theologen und leider auch von manchen Bischöfen, vor allem aber auch von den Lefebvre-Leuten, die der Wahrheit der Kontinuität der Lehre der Kirche entgegensteht, ist unkatholisch. Stets wurde die Kontinuität in der Kirche als das entscheidende Element in der Glaubensentfaltung oder in der Glaubenentwicklung angesehen.

Der Papst und die Konzilien besitzen die höchste Autorität in Glaubensdingen. Deshalb kann man die Lehrautorität des Papstes und der Konzilien als katholischer Christi nicht in Frage stellen. Zudem: Eine Reform der Kirche von draußen ist nicht nur unkatholisch, sondern im Grunde auch illusorisch. Es kommt hinzu: Was der überlieferte Glaube ist, das kann nicht der einzelne Gläubige definieren, auch nicht, wenn er ein Amtsträger ist. Beim Lehramt, speziell auch beim Lehramt des Papstes, liegt die Kompetenz der Kompetenz. An die Stelle der Objektivität des Lehramtes setzen Lefebvre und seine Gefolgsleute die Evidenz ihrer Vernunft, die aber in Wirklichkeit ihre subjektive Erkenntnis und Wertung ist.

Die Objektivität des Katholischen besteht gerade darin, dass der Geist Gottes die Kirche vor Irrtum bewahrt. Was der Glaube der Kirche ist und wie er sich in seiner Kontinuität darstellt, das sagt dem gläubigen Katholiken das Lehramt der Kirche, das im Papsttum seine Kulmination erfährt.

Die Kirche ist eine übernatürliche Realität. Und der Geist Gottes leitet sie durch die Amtsträger. Seit den Urtagen der Kirche gilt, dass sich das Charisma dem Amt unterordnen muss. Die Pius-Bruderschaft ist in ihrer Subjektivität näher bei den Reformatoren, als sie es wahr haben will.

Ein Weiteres ist hier zu bedenken: Ohne Loyalität und Gehorsam ist die Kirche nicht regierbar. Schon darum unterstellt sich der Katholik der kirchlichen Autorität, auch dann, wenn ihm die Ausübung dieser Autorität defizitär erscheint. Die Grenze des Gehorsams ist für den katholischen Christen erst dann gegeben, und das gilt auch für die Amtsträger, wenn sich die kirchliche Autorität im Einzelfall gegen die Autorität Gottes stellen würde.

Es ist absurd für einen Katholiken, sich gegen ein allgemeines Konzil zu stellen oder die Rechtmäßigkeit eines solchen Konzils zu leugnen. Die Konzilien sind die höchste Instanz der Kirche in Glaubens- und Sittenfragen, die Konzilien sind es einerseits und der Träger des Pe-trusamtes ist es andererseits. Und die Konstatierung der Rechtmäßigkeit eines Konzils durch den Papst fällt unter das Charisma der Unfehlbarkeit. Martin Luther (+ 1546) und die Reformatoren haben seinerzeit ihr subjektives Urteil über die Lehre der Kirche gestellt. Luther sagte einst in der äußersten intellektuellen Bedrängnis in der berühmten Leipziger Disputation im Jahre 1519: Konzilien können irren, und zerstörte damit das letzte Fundament der Kirche, damit aber auch sein eigenes. Damals verteidigte Johannes Eck (+ 1543) vehement die Lehrautorität des Papstes und der Konzilien gegen ihn

Würde eine Einigung mit der Pius-Bruderschaft nicht zustande kommen, könnte das auf der einen Seite durch unüberwindliche Missverständnisse bedingt sein oder auf der anderen Seite durch verbohrte Rechthaberei. Papst Benedikt hat den Lefebvre-Leuten goldene Brücken gebaut. Dabei hat er immer wieder daran erinnert, dass nicht das Konzil das Problem ist, sondern die nachkonziliare Entwicklung und dass Zweifel an dem Modus der Verkündigung des Glaubens nicht den Glauben als solchen in Frage stellen können..

Eines ist sicher: Die Lefebvre-Leute würden, wenn sie draußen blieben, vor den geistigen Auseinandersetzungen mit der Gegenwart und mit den gegenwärtigen Strömungen in der Kirche fliehen. Das wäre, objektiv gesehen, ein schuldhaftes Versäumnis. Sie müssten sich klar machen, die Anhänger von Lefebvre, dass sie nur dann ihren Beitrag zu diesen Auseinandersetzungen leisten können, wenn sie zur Kirche zurückfinden. Mit der Behauptung, sie gehörten zur Kirche, damit ist es nicht getan. Das ist eine leere Behauptung. Es ist widersprüchlich, den Papst als den Nachfolger des heiligen Petrus und als den Stellvertreter Christi zu bezeichnen, und ihm gleichzeitig den Gehorsam aufzukündigen. Widersprüchlich ist es auch, wenn die Priester der Pius-Bruderschaft den Ungehorsam der Priester und der Bischöfe in der Kirche anprangern, selber aber in gravierender Weise ungehorsam sind. Noch nie hat es, wie gesagt, eine Reform in der Kirche gegeben von solchen, die sie verlassen haben.

Immer wieder rechtfertigen die Anhänger Lefebvres ihre Nichtanerkennung des II. Vatikanischen Konzils mit der Behauptung, dieses sei nur ein Pastoralkonzil gewesen, es habe daher keine Relevanz für den Glauben. Demgegenüber ist festzuhalten, dass sich alle Konzilien mit den Glauben beschäftigen. Konzilien treten nicht zusammen, um disziplinäre Fragen zu lösen oder um praktische Fragen der Glaubensverkündigung zu erörtern, jedenfalls nicht primär, immer geht es den Konzilien in erster Linie um den Glauben der Kirche, dann allerdings auch um seine Aktualisierung. Wenn man das II. Vatikanische Konzil als Pastoralkonzil anspricht, kann das nur besagen, dass es in besonderer Weise die Vermittlung des Glaubens im Blick hatte und dass es keine Verurteilungen ausgesprochen hat, dass es irenisch war und positiv in seiner Grundhaltung. Allein, bei vielen Konzilien war es so, dass sie primär die Vermittlung des Glaubens im Blick hatten. Idealerweise sollte es bei allen Konzilien so sein. Denn der Glaube der Kirche ist seinem Wesen gemäß auf die Verkündigung ausgerichtet. Die Offen-barung wurde der Kirche von Gott anvertraut, damit sie sie der Menschheit mitteile. Die Kirche versteht sich seit eh und je als die Sachwalterin der göttlichen Offenbarung.

Die Annahme aller Konzilien ist selbstverständlich für einen Katholiken, erst recht für die Amtsträger der Kirche und für die Theologen, die eine wichtige Funktion innehaben, sofern sie den Glauben wissenschaftlich reflektieren und darüber Auskunft geben sollen, was zum Glauben der Kirche gehört und was nicht, welche Gewissheitsqualität diese oder jene Glau-benswahrheit hat und wie diese oder jene Glaubenswahrheit zu verstehen ist. Aber das Selbst-verständliche ist heute nicht mehr selbstverständlich. Im Zweifelsfall schaut der Katholik auf den Papst, in dem das Lehramt der Kirche, wie gesagt, seine höchste Aufgipfelung erfährt. Das verbietet dem Einzelnen allerdings nicht jede Kritik am Konzil, vorausgesetzt, dass er die nötigen Kenntnisse hat und dass er seine Kritik mit dem „sentire cum Ecclesia“, mit einer kindlichen Liebe zur Kirche, verbindet. Die Kirche ist unsere Mutter. Das haben viele heute vergessen. Aus der Kirche, die unsere Mutter ist, ist im Jargon „unsere Kirche“ geworden. De facto ist auch das ein Anzeichen für den Indifferentismus, der in die Kirche eingedrungen ist. Für die Heilige Schrift gibt es nur die Kirche Gottes oder die Kirche Christi, die selbstverständlich nur eine ist und schon deshalb nicht mit dem Possessivpronomen verbunden werden kann.

Papst Paul VI erklärt am 13. Januar 1966: „Die Lehraussagen des Zweiten Vaticanum bilden kein organisches und vollständiges System der katholischen Glaubenslehre, die bedeutend umfangreicher ist, wie alle wissen. Sie ist vom Konzil nicht in Zweifel gezogen und in ihrer Substanz nicht verändert worden. Vielmehr bestätigt das Konzil diese Glaubenslehre, erläutert sie, verteidigt und entfaltet siewir dürfen die Lehraussagen des Konzils nicht trennen von dem lehrmäßigen Erbe der Kirche, in das sie sich offensichtlich einfügen, mit dem sie zusammenhängen, das sie bezeugen, das sie wachsen lassen, das sie erklären und anwenden. So erscheint auch die ‚Neuheit’ der Lehraussagen oder der Normen des Konzils in ihren rechten Proportionen und gibt keinen Anlass zu Einwendungen gegen die Treue der Kirche zu ihrer Lehraufgabe, sondern erhält ihre wahre Bedeutung, die sie in höherem Licht erstrahlen lässt“[2].

Wie der neue Präfekt der Glaubenkongregation Erzbischof Müller sogleich am Beginn seiner Tätigkeit im Juli des vergangene Jahres in der Glaubenskongregation betonte, geht es in dem Dialog mit der Pius-Bruderschaft und überhaupt in der Glaubensverkündigung der Kirche um die Überwindung der Interpretationsschwierigkeiten des II. Vatikanischen Konzils. Die Entfaltung des Glaubens und seine Interpretation in der Kontinuität sind grundlegende Elemente der Kirche. Wer behauptet, authentische Lehren des II. Vatikanischen Konzils stünden im Widerspruch mit der Tradition der Kirche schwingt sich zu einem Super-Lehramt auf und mogelt ein subjektives und damit protestantisches Prinzip in das katholische Glaubensverständnis hinein. Ein Ökumenisches Konzil - das heißt: ein allgemeines Konzil, nicht ein Partikularkonzil - ist immer als Handeln des höchsten Lehramtes der Kirche zu verstehen. Wenn der Katholik ein allgemeines Konzil als solches und in seinem „testimonium fidei“ nicht in Frage stellen kann, heißt das nicht, dass er nicht Kritik üben kann an einem Konzil, auch an einem allgemeinen Konzil kann er unter Umständen Kritik üben, es muss sich dann allerdings um sachliche Kritik handeln. Nicht kann man dabei über die Texte und Aussagen, die den geoffenbarten Glauben betreffen, diskutieren. [3]

(…) Die Ökumene des Konzils hat man auf Seiten der Anhänger Lefebvres immer wieder in Frage gestellt und behauptet, sie gebe den Absolutheitsanspruch der katholischen Kirche auf. Dem ist jedoch nicht so. Das Ökumenismus-Dekret stellt fest: „Die ökumenische Betätigung muss ganz und echt katholisch sein, das heißt in Treue zur Wahrheit, die wir von den Aposteln und den Vätern empfangen haben, und in Übereinstimmung mit dem Glauben, den die katholische Kirche immer bekannt hat, zugleich aber im Streben nach jener Fülle, die nach dem Willen des Herrn sein Leib im Ablauf der Zeit gewinnen soll“[4]. Wiederholt wird im Ökumenismus-Dekret der Ernst der Wahrheitsfrage für die Ökumene hervorgehoben und festgestellt, dass gerade die Wahrheitsfrage der ökumenischen Bewegung ihren eigentlichen Impuls und ihren letzten Sinn verleihe[16]. Unmissverständlich betont das Dokument, dass sich die katholische Kirche nach wie vor als Kirche Christi im Vollsinn versteht.

Polemisiert haben die Lefebvre-Anhänger auch gegen die Religionsfreiheit, wie sie durch das Konzil herausgestellt worden ist. Man missversteht das Konzil, wenn man darin die Kodifizierung eines religiösen Indifferentismus erblickt. Papst Benedikt interpretiert die diesbezügliche Position des Konzils authentisch, wenn er in seiner Weihnachtsansprache vor dem Kardinalskollegium und den Mitgliedern der römischen Kurie am 22. Dezember 2005 klar unterscheidet zwischen einer Religionsfreiheit, die „dem Relativismus den Rang eines Gesetzes verleiht“ und einer Religionsfreiheit „als Notwendigkeit für das menschliche Zusammenleben oder auch als eine Folge der Tatsache, dass die Wahrheit nicht von außen aufgezwungen werden kann“[6]. In diesem Zusammenhang erklärt er: „Das Zweite Vatikanische Konzil hat mit dem Dekret über die Religionsfreiheit einen wesentlichen Grundsatz des modernen Staates anerkannt und übernommen und gleichzeitig ein tief verankertes Erbe der Kirche wieder aufgegriffen. Diese darf wissen, dass sie sich damit in völligem Einvernehmen mit der Lehre Jesu befindet“[7].

Am 7. Dezember 1965 wurde die Erklärung „Dignitatis humanae“ - sie enthält die Lehre des Konzils über die Religionsfreiheit - mit 2308 Ja-Stimmen gegen 70 Nein-Stimmen angenom-men. Die freie Religionsausübung ist demnach Grundrecht einer jeden menschlichen Person, „vorausgesetzt, dass die gerechte öffentliche Ordnung gewahrt bleibt“. In der Präambel der besagten Erklärung wird der Einklang mit der Lehrtradition der Kirche betont und versichert, dass „die überlieferte katholische Lehre von der moralischen Pflicht des Menschen und der Gesellschaften gegenüber der wahren Religion und der einzigen Kirche Christi durch die Erklärung „unangetastet“ bleibe und „weitergeführt“ werde. Das ist notwendig weil die Kontinuität der Lehre oberstes Gebot ist und die Erklärung in einigen Punkten oder Sätzen dieser Tradition zu widersprechen schien. Unmissverständlich spricht „Dignitatis humanae“ von der „einzigen Kirche Christi als dem Ort der vollen Wahrheit über Gott und den Menschen“ und wendet sich damit dezidiert gegen jede Form eines Relativismus.

Anstoß nimmt man in den Kreisen um die Pius-Bruderschaft auch an der Erklärung des Konzils über die nichtchristlichen Religionen, wenn es da etwa heißt: „Die katholische Kirche lehnt nichts von all dem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in Manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet. Unablässig aber verkündet sie und muss sie verkündigen Christus, der ist ‚der Weg, die Wahrheit und das Leben’ (Joh 14, 6), in dem die Menschen die Fülle des religiösen Lebens finden, in dem Gott alles mit sich versöhnt hat“. Alles, was sich darin als „vera und sancta“ findet, ist hingeordnet und bezogen auf Christus. Diese Maxime gilt bereits seit der Väterzeit. Die Kirchenväter sprechen von den Wahrheitskeimen in den Religionen. Durch sie sind die Religionen hingeordnet und bezogen auf Christus. In ihm und im Christentum erhalten sie ihr Ziel und ihre Erfüllung. Darum muss die Mission erfolgen[8]. Wie das Konzil lehrt, sind die Religionen keine Heilswege, wohl aber gibt es in ihnen Wege des Heiles, weil Gott alle Menschen zum Heil führen will, weil er auch jenen eine Chance geben will, die nicht mit dem Christentum konfrontiert worden sind. Das Konzil hat den Missionswillen nicht gemindert oder gar die Mission für überflüssig erklärt. Wohl aber hat das die nachkonziliare Entwicklung getan, jedenfalls weithin.

In der Pius-Bruderschaft gibt es nicht wenige Widersprüche. Nur an zwei solcher Widersprüche sei hier erinnert: Die Exkommunikation der vier 1988 illegal geweihten Bischöfe wurde von Anfang als nicht gültig behauptet in der Bruderschaft, dennoch hat man gern ihre Aufhebung durch Papst Benedikt XVI. im Jahre 2009 entgegengenommen. Sodann prangert man in der Bruderschaft den Ungehorsam in der Kirche, der auch angeblich die Bischöfe betrifft, an - davon war schon die Rede -, verweigert dem Lehramt der Kirche und dem päpstlichen Lehramt aber selber den Gehorsam in gravierender Weise und beruft sich dabei auf das Gewissen.

Zwei Probleme stehen, wie wir gesehen haben, der Einigung der Kirche mit der Pius-Bruderschaft entgegen, das eine ist ein intellektuelles, das andere ist ein moralisches. Das intellektuelle besteht in zahlreichen Missverständnissen. Sie betreffen, wie wir gesehen haben, die Ökumene der Konfessionen und der Religionen, die Religionsfreiheit und die Liturgie und die Autorität des Konzils, das moralische Problem ist die Rechthaberei, die durch den Stolz bedingt ist, ein allgemein menschliches Problem.

(…) Papst Benedikt hat immer wieder betont, dass die entscheidende Aufgabe des Papstes darin bestehe, dass er sich um die Einheit der Kirche bemühe. Vielleicht hätte der Generaloberer der Pius-Bruderschaft, Bischof Fellay, die Hand, die Papst Benedikt ihm entgegengestreckt hat, schon ergriffen, wenn er nicht ein Auseinanderbrechen der Priester-Bruderschaft gefürchtet hätte. Die innere Uneinigkeit der Bruderschaft ist kaum zu bestreiten, sie ist eine Wirklichkeit, deren Ausmaß nur schwer abzuwägen ist.

Sie gibt es auch in der Kirche, die innere Uneinigkeit, aber prinzipiell wird sie vereitelt durch das Petrusamt, das Amt der Einheit. In der Kirche der Gegenwart ist sie zum einen ein Zerfallsprodukt, und zum anderen führt sie immer tiefer in der Zerfall hinein. Christus betet für die Einheit seiner Jünger im so genannten Hohenpriesterlichen Gebet.(Joh 17). Er betet, „dass alle eins sind, wie du Vater in mir und ich in dir bin, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast“ (17, 21).

Wenn die Lefebvre-Leute der Kirche wirklich dienen wollen, so können sie das nur dann, wenn sie sich wieder in die Kirche eingliedern oder sich wieder in sie eingliedern lassen. Wenn sie das nicht tun, werden sie in immer neuen Gruppen auseinanderfallen. Darauf weist schon der Kirchenvater Augustinus (+ 430) hin, das bestätigen die unzählbaren christlichen Gruppierungen, die aus der Reformation hervorgegangen sind und noch weiter hervorgehen: Jene, die die Kirche verlassen, weil sie besser den Willen Christi und Gottes verwirklichen wollen als die Mutterkirche, werden in immer neue Gruppierungen zerfallen und schließlich daran zerbrechen."

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[1] Zit. nach Stuttgarter Rundbrief der Petrus-Bruderschaft, März 2013.
[2] L’ Osservatore Romano vom 13. Januar 1966, 51: Ansprache Papst Paul VI. vom 12. Januar 1966.
[3] Vgl. Kath.net vom 3. Juli 2012.
[4] Ökumenismus- Dekret „Unitatis redintegratio“, Art. 24.
[5] Joseph Schumacher , Der Stand der ökumenischen bemühungen …, 169.
[6] Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, Hrsg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Nr. 172, Bonn 2006, S. 17
[7] Ebd.
[8] Nostra aetate, Art. 2.

Volltext: Joseph Schumacher - DIE PIUS-BRUDERSCHAFT
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"Ein Weiteres ist hier zu bedenken: Ohne Loyalität und Gehorsam ist die Kirche nicht regierbar. Schon darum unterstellt sich der Katholik der kirchlichen Autorität, auch dann, wenn ihm die Ausübung dieser Autorität defizitär erscheint. Die Grenze des Gehorsams ist für den katholischen Christen erst dann gegeben, und das gilt auch für die Amtsträger, wenn sich die kirchliche Autorität im Einzel…More
"Ein Weiteres ist hier zu bedenken: Ohne Loyalität und Gehorsam ist die Kirche nicht regierbar. Schon darum unterstellt sich der Katholik der kirchlichen Autorität, auch dann, wenn ihm die Ausübung dieser Autorität defizitär erscheint. Die Grenze des Gehorsams ist für den katholischen Christen erst dann gegeben, und das gilt auch für die Amtsträger, wenn sich die kirchliche Autorität im Einzelfall gegen die Autorität Gottes stellen würde.

Es ist absurd für einen Katholiken, sich gegen ein allgemeines Konzil zu stellen oder die Rechtmäßigkeit eines solchen Konzils zu leugnen. Die Konzilien sind die höchste Instanz der Kirche in Glaubens- und Sittenfragen, die Konzilien sind es einerseits und der Träger des Petrusamtes ist es andererseits. Und die Konstatierung der Rechtmäßigkeit eines Konzils durch den Papst fällt unter das Charisma der Unfehlbarkeit. Martin Luther (+ 1546) und die Reformatoren haben seinerzeit ihr subjektives Urteil über die Lehre der Kirche gestellt. Luther sagte einst in der äußersten intellektuellen Bedrängnis in der berühmten Leipziger Disputation im Jahre 1519: Konzilien können irren, und zerstörte damit das letzte Fundament der Kirche, damit aber auch sein eigenes. Damals verteidigte Johannes Eck (+ 1543) vehement die Lehrautorität des Papstes und der Konzilien gegen ihn."
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"Die Objektivität des Katholischen besteht gerade darin, dass der Geist Gottes die Kirche vor Irrtum bewahrt. Was der Glaube der Kirche ist und wie er sich in seiner Kontinuität darstellt, das sagt dem gläubigen Katholiken das Lehramt der Kirche, das im Papsttum seine Kulmination erfährt."

Die Kirche ist eine übernatürliche Realität. Und der Geist Gottes leitet sie durch die Amtsträger. Seit …More
"Die Objektivität des Katholischen besteht gerade darin, dass der Geist Gottes die Kirche vor Irrtum bewahrt. Was der Glaube der Kirche ist und wie er sich in seiner Kontinuität darstellt, das sagt dem gläubigen Katholiken das Lehramt der Kirche, das im Papsttum seine Kulmination erfährt."

Die Kirche ist eine übernatürliche Realität. Und der Geist Gottes leitet sie durch die Amtsträger. Seit den Urtagen der Kirche gilt, dass sich das Charisma dem Amt unterordnen muss."
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"1. Frage: Hat das Zweite Vatikanische Konzil die vorhergehende Lehre über die Kirche verändert?

Antwort
: Das Zweite Vatikanische Konzil wollte diese Lehre nicht verändern und hat sie auch nicht verändert, es wollte sie vielmehr entfalten, vertiefen und ausführlicher darlegen.

Genau das sagte Johannes XXIII. am Beginn des Konzils mit großer Klarheit1. Paul VI. bekräftigte es2 und äußerte sich …More
"1. Frage: Hat das Zweite Vatikanische Konzil die vorhergehende Lehre über die Kirche verändert?

Antwort
: Das Zweite Vatikanische Konzil wollte diese Lehre nicht verändern und hat sie auch nicht verändert, es wollte sie vielmehr entfalten, vertiefen und ausführlicher darlegen.

Genau das sagte Johannes XXIII. am Beginn des Konzils mit großer Klarheit1. Paul VI. bekräftigte es2 und äußerte sich bei der Promulgation der Konstitution Lumen gentiumfolgendermaßen: „Der beste Kommentar zu dieser Promulgation ist wohl der folgende: Nichts hat sich an der überlieferten Lehre verändert. Was Christus gewollt hat, das wollen auch wir. Was war, das ist geblieben. Was die Kirche durch die Jahrhunderte gelehrt hat, das lehren auch wir. Nur ist nun das, was früher bloß in der Praxis des Lebens enthalten war, auch offen als Lehre zum Ausdruck gebracht. Nun ist das, was bis jetzt Gegenstand des Nachdenkens, der Diskussion und zum Teil auch der Auseinandersetzungen war, in einer sicher formulierten Lehre dargelegt“3. Die Bischöfe haben wiederholt dieselbe Absicht bekundet und zur Ausführung gebracht."
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Hier steht es ganz klar und das gilt für jeden Getauften und Amtsträger: Ohne Loyalität und Gehorsam ist die Kirche nicht regierbar.
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