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Laurentius von Brindisi 13 6

2. Leseprobe LvB vs. Luther - Findet man Christus ausserhalb der Kirche?

Fünftes Kapitel
Sectio Tertia Dissertatio Prima


„Wie sollte Luther Christus außerhalb der Kirche finden?“

Wir haben gesehen, wer und was für einer Martin Luther war, als er noch Katholik war.[1] Nun wollen wir schauen, was seine Berufung betrifft: Ob es sich wirklich um eine göttliche Berufung handle, mit der Aufgabe, ein neues Evangelium und ein neues Christentum zu begründen, und, wie seine Anhänger sagen, die Panegyrim Jupiters[2] und die Synagoge Satans zur Kirche Christi zu bekehren.
Von sich selbst behauptet er, dass er vor der Erleuchtung durch das Evangelium wie Saulus gewesen sei. Dabei unterstellt er, er sei von Christus, wie Paulus, auf göttliche Weise vom Christenverfolger zum Prediger des Evangeliums und des christlichen Glaubens berufen worden. Wie geeignet nun die Anwendung des Beispiels Pauli auf Luther ist, davon soll rechtens und schlüssig um der Wahrheit willen die Rede sein.
Mag auch Paulus sich Christus gegenüber als blasphemisch und den Christen gegenüber als Lästerer und Verfolger gezeigt haben, so hat er doch weder durch Gotteshass noch durch Aufbegehren Gott erzürnt. Auch wütete Paulus nicht gegen Gott in rasendem und verwirrtem Geisteszustand. Niemals bekannte Paulus von sich Frevel, Gotteslästerung, Aufbegehren und Hass gegen Gott, so wie Luther mit rasendem und verwirrtem Gewissen wütete. In Gesinnung und Gewissen war Luther daher viel schlimmer, als es Saulus war. Aber das sagt nichts. Gott kann aus Steinen Söhne Abrahams erwecken (Mt 3,9); wo das Vergehen groß geworden war, konnte auch die Gnade übergroß werden (vgl. Röm 5,20). Gott hat Finsternis in Licht verwandelt (vgl. Gen 3,4). Auch wenn Saulus viel schlimmer gewesen wäre, hätte Gott dennoch aus Saulus einen Paulus machen können, wie es geschehen ist.
Das erkennt man daran, dass Paulus, von Christus veranlasst, von der Synagoge Satans übergegangen ist in die Kirche Christi, die er vorher so sehr verfolgte. Ohne Zweifel war dies ein wunderbares Werk zum Lob und Ruhme Gottes, wie Paulus zu den Galatern sagt: Ich war aber den Gemeinden von Judäa, die in Christus sind, von Angesicht unbekannt. Nur durch Hörensagen erfuhren sie: Der uns ehedem verfolgte, verkündet nun den Glauben, welchen er damals bekämpfte, und sie priesen Gott meinetwegen (Gal 1,22-24).
Verwandelt durch die Kraft der Rechten Gottes (vgl. Ps 76,11), ging Saulus von der Synagoge Satans zur Kirche Christi über, die er vorher so sehr verfolgte. Und doch verließ er nicht eher die Synagoge, als bis er die von Christus bezeichnete Kirche entdeckt hatte, in welche er von Ananias gemäß dem Auftrag Christi durch die Taufe eingefügt worden war (vgl. Apg 9,16-19).

Nun möge doch, bitte, Luther sagen, mögen die Lutheraner sagen: Welche ist denn diese Kirche, die dieser neue, so große Saulus namens Luther vorher so sehr verfolgt hat und zu welcher er später, durch Gott veranlasst und von Christus berufen, überging? Paulus ging allerdings von der Synagoge zur Kirche Christi über. Luther aber floh als Apostat und Abtrünniger ererbter Frömmigkeit von der Kirche zur Welt hinüber, die ganz im Argen liegt (1 Joh 5,19). Wenn er aber die Kirche nicht fand, wie sollte er dann Christus außerhalb der Kirche finden können, so wie Kain, der vom Angesichte des Herrn wegging, umherschweifend und flüchtig (vgl. Gen 4,14)?
Man kann also auf Luther in keiner Weise das Beispiel Pauli anwenden, der zuerst die Kirche ausgeliefert hat, welche er früher offensichtlich verfolgt, nachher aber angenommen und verteidigt hat, der aber keine neue (Kirche; Hrsg.) unter seinem Namen gegründet hat. Denn das hat Luther getan, nicht Paulus. Lesen wir doch nirgends etwas von einer Kirche oder Sekte, die nach Paulus Paulianer benannt wäre, so wie wir von Luthers Namen die Sekte der Lutheraner kennen, gleichwie die Sekten der Valentinianer und Marcioniten und Arianer, und die Seuchen ähnlicher Häretiker.
Man sagt, Luther habe sich der ältesten, apostolischen Kirche selbst angenähert, wie sie gemäß dem vermeintlich reinen Evangelium von Christus begründet sei. Eine haltlose Erfindung! Sagen doch dasselbe von ihrer „Kirche“[3] die Calvinisten und die Wiedertäufer, und dasselbe die häretischen Donatisten zur Zeit des Augustinus. Diesen Irrtum von der zusammengebrochenen und allein in Afrika durch Donatus wiedererneuerten Kirche hat der überaus gelehrte und heilige Kirchenvater bei vielen Gelegenheiten gründlich widerlegt. Besonders in seinem Buch Über die Einheit der Kirche, in dem er diejenigen als von der Kirche ausgeschlossen erklärt, welche sagen, die Kirche sei zugrunde gegangen und durch Donatus in Afrika – jetzt durch Luther in Sachsen – wiedererneuert worden.
Andere behaupten, die Kirche sei nicht schlechthin zugrunde gegangen, sondern unkenntlich und durch Luther erst ans Licht gebracht geworden. Aber wo, frage ich, und wie hat sie sich so lange verborgen? Wo war das öffentliche Glaubensbekenntnis dieser so verborgenen Kirche zu finden? Welche waren ihre Hirten, welche ihre Gläubigen durch so viele Jahrhunderte? Welche waren ihre Sakramente, welche ihre Lehre und ihre Dogmen? Was ihre Verkündigung der Wahrheit? Denn wie kann ohne dies die wahre Kirche existieren?

Um aber dennoch den kranken und eigentlich lachhaften Irrtum der Neuchristen gänzlich zu widerlegen, will ich folgendes bemerken: Woran wollen sie denn die lutherische „Kirche“ als eben jene wiedererkennen, welche die Apostel durch die Predigt des Evangeliums und unter dem Anhauch des Heiligen Geistes in der Welt begründeten (vgl. Apg 2,1-3; Eph 2,19-22)? Die Heilige Schrift sagt darüber nirgends etwas und tut der Kirche und dem Evangelium solcher Restauratoren keinerlei Erwähnung. Woher wollen Menschen, die ohne Bibel nichts glauben wollen, nun ohne Bibel wissen, dass die lutherische „Kirche“ die apostolische Kirche sei, wenn nicht etwa aus irgendeiner göttlichen Offenbarung?
Dies also verlangen wir als erstes von den Lutheranern, besonders aber von Polycarp Leyser, dass man uns die Kirche zeige, die Luther zuerst hart verfolgte, gleich Saulus, und in die er dann auf den Ruf und Befehl Christi hin aufgenommen wurde. Die Kirche war nämlich früher als Paulus, und er wurde nicht berufen, dass er ihr erster Gründer und Leiter sei, sondern dass er in den Leib der Kirche Christi eingefügt werde.
Glänzend lehrte Tertullian in seinen Einsprüchen gegen die Häretiker, man solle sich nicht mit den Irrlehrern auf die Heiligen Schriften einlassen, sondern darüber, wodurch die Lehre überliefert sei, die (die Menschen; Hrsg.) erst zu Christen mache. Wo nämlich die Wahrheit der Lehre und des christlichen Glaubens offenbar werden wird, dort wird die Wahrheit der Heiligen Schriften, ihrer Auslegungen und aller christlichen Überlieferungen zu finden sein.

[1] In der vorhergehenden Dissertatio Secunda der Sectio Secunda hatte Laurentius biografische Angaben über den jungen Luther gemacht, welche er am Ende so zusammenfasste: „Wie ist nun dieser Mensch aus all dem, was wir aus dem Munde Luthers selbst und anderer vernommen haben, einzuschätzen? Er war ein Deutscher, zu Eisleben in Sachsen geboren, von niederer Herkunft, der in Magdeburg und Eisenach studiert und in Erfurt den Magister Artium erworben hat; hierauf wurde er aufgrund eines Gelöbnisses ein Augustinermönch, nachher zum Priester geweiht und als junger Mann zum Prediger und Theologieprofessor gemacht – von den äußeren Sitten her zwar ein Religiose, doch nach den inneren Leidenschaften ein frevelhafter, blasphemischer Empörer gegen Christus und Gott, ein großer Alastor (Dämon des Fluches in der griechischen Mythologie; Hrsg.). Weil aber Luther sich selbst nach dem Vorbild des Paulus betrachtet, insofern Saulus ein Verfolger Christi war, ist zu prüfen, ob er dies passenderweise oder zu Recht tut“. Zit. n. LH1, S. 61.
[2] „Festversammlung Jupiters“, also der (falschen) Götter.
[3] Anführungszeichen vom Herausgeber. Laurentius hat hier „ecclesia“ klein geschrieben im Gegensatz zur wahren katholischen „Ecclesia“. Freilich sei angemerkt, dass er, wenn er von orientalischen Teilkirchen spricht, ebenfalls „ecclesia“ oder „ecclesiae“ schreibt.
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MiRitter72
@Melchiades

Doch bedarf die Wahrheit der Lüge, um die Wahrheit zu sein ?
Vielen Dank für diese präzise Aussage!
Heilwasser
@michael7
Ich wollte nur auf die rigoristische Auslegung mancher
Sedisvakantisten hinweisen, wie auch immer die im
Detail ausssehen mag (die sind sich ja gar nicht einig
untereinander). "Extra Ecclesiam nulla salus" ist das
Stichwort dazu. Das ist die Thematik des Artikels.
Und die Sedisvakantisten sehen das rigoristischer.
Das hat sich in einem Gespräch hier mit
einer solchen Person deutlich … Mehr
michael7
@Heilwasser : Verwechseln Sie hier nicht "Sedisvakantisten" mit "Fenneyanern", d.h. mit jener Gruppe in Amerika, die schon lange vor dem Konzil die Möglichkeit einer Begierdetaufe geleugnet hatten?
(Das hat nichts mit der "Sedisvakanz-"Frage zu tun, d.h. mit der Frage, ob der Stuhl Petri heute recht- oder unrechtmäßig von einem wirklichen oder nur scheinbaren "Stellvertreter Christi" besetzt … Mehr
Heilwasser
@CollarUri
Ich kenne kein Verbot, die Bibelstelle so zu lesen.
Es ist einfach total real, dass es auch heute noch
Schafe aus dem anderen Stall gibt, die Christus
auch führen muss. Somit sind jene des Hauptstalles
das Volk Gottes --->Zur Zeit Jesu die Juden, die an
Christus glaubten, dann die damaligen Heiden,
die an Christus glauben würden und die heutigen
Heiden, die an Christus glauben werden.
Heilwasser
@CollarUri
Von Mystikern wissen wir, dass Andersgläubige im Tod nicht
prinzipiell verworfen werden - kann sein, muss aber nicht; das
kommt auf die Schwere der Schuld des Andersglaubens an. Wenn
jemand im falschen Glauben schon geboren und erzogen wurde,
ist die Schuld viel geringer. (Christus erscheint z.B. Moslems, die
so erzogen wurden, im Tod, und fragt sie dann, ob sie nun glauben
wollen;… Mehr
Melchiades
Verzeiht meinen Einwurf.
Doch bedenkt doch einmal wie es zur Spaltung kam. Selbst die Orthodoxen waren Jahrhunderte lang unter der Schirmherrschaft der röm.- kath. Kirche und folgten ihrer Anweisung bzw. fragten nach " ob dies oder jenes mit ihr im Einklang stünde", weil diese und nur diese auf den Säulen des Apostelfürstens Petrus und des Volksapostels Paulus ( Bekehrung der Heiden) ruht ! … Mehr
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"Er fügt hinzu: "Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind", denn er ist nicht nur gekommen, um das jüdische Volk zu erlösen, sondern auch, um die Heiden zu erlösen." (Gregor der Große, Hom. in Evang. 14)
Bei LvB geht es darum, dass man Christus sicher nicht findet, wenn man die wahre Kirche verlässt, wie Luther es tat.
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CollarUri
@Heilwasser Nein, da geht es nicht um die katholische Kirche, sondern um das Volk Israel des Alten Bundes. Zu ihm kommen die Heidenvölker hinzu und bilden das neue Volk. So fügen sich die Schafe aus mehreren Ställen zu einer Herde aus echten Kindern.
Heilwasser
Antwort auf die Überschrift:

Joh 10,16: Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muss ich führen und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten.
**********
So wie Christus auf Erden zuerst (!) zu seinem auserwählten Volk Israel
ging, spricht Er im NT zuerst (!) zu seiner Kirche.

Aber es gibt noch welche, die nicht aus … Mehr
Melchiades
Schon mit diesen kurzen Text, könnte man heute einen bestimmten Anteil des Klerus der Kirche, wie die Lutheraner, in Bedrängnis bringen. Denn beide könnten sich nur mit allgemeinen Ausflüchten und Verdrehungen für ihr Handeln herausreden und somit, im Grunde, die Wahrheit Lügenstrafen . Doch bedarf die Wahrheit der Lüge, um die Wahrheit zu sein ?
Dies nur als kleiner Gedanke.
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MiRitter72
... Woher wollen Menschen, die ohne Bibel nichts glauben wollen, nun ohne Bibel wissen, dass die lutherische „Kirche“ die apostolische Kirche sei, wenn nicht etwa aus irgendeiner göttlichen Offenbarung?...
...man solle sich nicht mit den Irrlehrern auf die Heiligen Schriften einlassen, sondern darüber, wodurch die Lehre überliefert sei...
👏👏👏
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Heute ein kürzeres Kapitel vom Anfang, wo Laurentius den Finger in die Wunde legt, dass Luther offensichtlich die Kirche Christi verlassen hat - wie kann er da noch meinen, Christus finden zu können? Und wenn er noch so oft den Namen Christi und die Heiligen Schriften im Munde führt: die Frage nach der von Christus gestifteten Kirche muss er sich gefallen lassen!
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