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Schäfchen

.... weil das Zahngold nicht zu Asche wird ....

Wohin mit dem Zahngold der Toten nach der Einäscherung und vor der Urnenbestattung? Die Frage ist so pietätslos wie pragmatisch. Viele Krematorien sortieren nach der Verbrennung die Asche der Toten: In die Urne kommt nur die Asche, keine künstlichen Zähne oder Prothesen. Diese Praxis sorgt mindestens seit 2012 immer mal wieder für Aufruhr, Proteste und Gerichtsurteile. In Köln spricht der Bestatterverband schon 2014 von Pietätslosigkeit, die Stadt Köln hingegen hält das Zahngold für Eigentum der Stadt. Der Kölner Stadtanzeiger von 2014:
www.ksta.de/koeln/-krematorium-in…
Joachim Frank hat in derselben Ausgabe des Kölner Stadtanzeigers damals Michael Bertrams interviewt, der bis 2013 Präsident des Verfassungsgerichtshofs und des Oberverwaltungsgerichts NRW war: www.ksta.de/politik/interview-mit-m…

Nun, 2017, haben sich in Köln Katholiken und Protestanten zum Protest gegen die Stadt Köln verbündet, die ihrerseits auslotet, wie man das Aussortieren des Zahngoldes pietätsvoller gestalten kann. Domradio berichtet: www.domradio.de/…/koelner-kirchen…

So weit, so unklar. Denn der geneigte Leser fragt sich selbstverständlich, warum die Metall und Prothesen nicht in der Asche bleiben können. Schließlich werden den Leichen bei der Erdbestattung ja auch ihr Zahngold gelassen, oder etwa nicht? Und was ist überhaupt mit dem Ring, den die Großmutter der Großvater einstens mit ins Grab nehmen sollte?

Aus der Perspektive des Bestatterweblogs liest sich der ganze Sachverhalt wiederum von der ganz anderen Seite: Das Aussortieren des Metalls vor dem Urnenbegräbnis ist selbstverständlich, nur die Asche gehört in die Urne. So steht es da. Und es gibt auch noch einen Grund, der diese Grundhaltung quasi nachträglich rechtfertigt: Friedhofsräuber scheuen nicht davor zurück, Urnen auszubuddeln. Beispiele gibt's auch. (Als Schrecken bleibt nach dem Lesen die eigene Erkenntnis zurück, dass der Friedhofsräuber ja auch erst mal suchen muss, in welcher Urne wohl Gold versteckt ist. Dem Grab sieht man's ja nicht an). bestatterweblog.de/edelmetall-meta…

Wobei es offenbar nicht nur die Friedhofsräuber sind, die sich an dem fremden Zahngold bereichern. Auf Anwalt.de beginnt die Diskussion darüber, wem das Zahngold gehört, mit dem Krematioriumsmitarbeiter, der jahrelang durch Abzweigen goldene Geschäfte in die eigene Tasche gemacht hat: www.anwalt.de/rechtstipps/wem-gehoert-das…

Und die Moral von der Geschicht? Habe ich nicht. Vielleicht habe ich aber einen zusätzlichen Grund gefunden, der ganz deutlich für die Erdbestattung spricht. Zumindest dann, wenn das eigene Gebiss bereits Gold wert ist.

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Schäfchen
@Nujaa Keine Ahnung - meine Oma hat Verlängerung bekommen, die Familie wird folgen.
Nujaa
Ich habe keinen Anlaß, den Bestattern, mit denen ich bis jetzt zu tun hatte, zu mißtrauen. Sie haben extra angerufen, was mit dem Schmuck geschehen solle. Mein Vater wollte, dass seine Mutter mit ihren Ohrringen und ihrem Ring beerdigt würde. Ich fand es richtig, ich hatte sie nie ohne gesehen. Ihr Grab wird bald aufgehoben, die Liegezeit ist überschritten, eine Möglichkeit zur Verlängerung gibt es nicht. Knochenreste kommen ins Beinhaus, Edelmetall und Schmuck kommt,,,,?
Schäfchen
@Nujaa: Der Bestatterweblog bestätigt sowohl das eine, wie er auch das andere nahelegt: "Im Regelfall klärt also der Bestatter mit den Angehörigen, was mit dem Schmuck zu geschehen hat und verzeichnet dies in seinen Akten oder im sogenannten Schmuckbuch. Kein vernünftiger Mensch wird sich ein Geschäft, mit dem er über Jahre hinweg reich werden könnte, durch den Diebstahl von Gold im Werte von … More
Nujaa
Wer allerdings glaubt, bei einer Erdbestattung sei man selbst oder seine Angehörigen vor Leichenfledderei sicher, irrt leider auch oder ist schon irgendjemanden bei der Aufhebung eines Grabes ein mitbestatteter Ehering oder ein aus hochwertiger Metalllegierung bestehendes Implantat ausgehändigt worden? Nicht das man das haben wollte, aber in Luft haben sich diese Dinge auch nicht aufgelöst.
niclaas
Der Totenraub beim Zahngold ist das zeitgenössische Äquivalent zur Ausplünderung der Gefallenen auf den Schlachtfeldern der Jahrhunderte. Nur weil das im Rahmen eines Verwaltungsaktes läuft macht es das nicht besser und die Gewohnheitsinteressen der Profiteure verteidigen entsprechend verbissen(!) den status quo.

Durch Einäscherung versumpft allmählich der Auferstehungsglaube im gestiegenen … More
Eugenia-Sarto
Sie mögen endlich ruhen in Frieden ohne Einäscherung.
Anno
Wenn man den Erlös wenigstens gemeinnützigen Zwecken zuführen würde.
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Schäfchen
@pio molaioni Ja, auch das erschwert den Gewinn der Städte nicht unerheblich.