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Gehorsam gegen die Kirche

Hinsichtlich des Umfanges des Gehorsams gegen die Kirche müssen wir sodann unterscheiden zwischen den unfehlbaren Lehrentscheidungen und dem einem Irrtum ausgesetzten, weil außer der Sphäre der Glaubens- und Sittenlehre liegenden Wirkungsbereich der Kirche. Mit Rücksicht auf die unfehlbaren Lehrentscheidungen, welche direkt die geoffenbarten Glaubenswahrheiten, indirekt die damit in wichtigem Zusammenhang stehenden natürlichen Wahrheiten, die «praeambula fidei», die dogmatischen Tatsachen und theologischen Schlußfolgerungen zum Gegenstand haben, sind wir der Kirche absoluten Glaubensgehorsam schuldig. Dazu gehören auch jene «Lehren, welche von der Kirche zwar nicht durch feierliches Urteil entschieden, aber doch von ihrem ordentlichen und allgemeinen Lehrkörper als göttlich geoffenbart zu glauben vorgestellt werden.» Von diesen Wahrheiten lehrt das Vaticanum, man müsse sie mit katholischem und göttlichem Glauben festhalten. Dieser Gehorsam ist mit der uns von Gott eingegossenen Tugend des Glaubens unzertrennlich verbunden, da die Kirche nicht nur Glaubensregel, sondern zugleich sekundäres Formalobjekt des Glaubens ist.

Mit Rücksicht auf die außerhalb der Sphäre der Unfehlbarkeit liegenden Entscheidungen der Kirche ist wohl zu beachten, daß die kirchliche Autorität auch hier sich eines gewissen Beistandes des Heiligen Geistes erfreut, der sie vor allem mit den zur kirchlichen Verwaltungstätigkeit, zum kirchlichen Hirtenamt notwendigen Gaben der Klugheit und Weisheit ausstattet. «Dem Urteil der kirchlichen Autorität ist somit selbst in ihrem fehlbaren Verwaltungsbereich der Katholik rückhaltloses Vertrauen, sowie innern Gehorsam schuldig, solange jenes Urteil nicht offenkundig das Wohl der Kirche gefährdet. Diese Pflicht gründet auf dem unfehlbaren, vernünftigen Glauben an die übernatürliche habituelle Klugheit der Kirchengewalt.»

[...] Wir haben darum die Pflicht, unser Gewissen anzupassen zunächst an alle unfehlbaren Lehräußerungen der Kirche, sodann an alle an sich fehlbaren, aber durch übernatürliche Klugheit geleiteten Kundgebungen der Kirche. Bestimmungen der Kirche in ihrem an sich fehlbaren Bereich haben solange für das Gewissen bindende Kraft, bis ihre Mängel – sei es des Wahrheitsgehaltes, sei es des Rechtsgehaltes – offenkundig erwiesen sind. Etwa bestehende ungerechte Verordnungen würden aber selbst dann noch im Gewissen verpflichten, wenn der Ungehorsam großes Ärgernis oder Verwirrung hervorriefe.

Sollten freilich Gebote kirchlicher Oberer offensichtlich gegen göttliches Gesetz verstoßen, so würde auch ihnen gegenüber das Wort des Apostelfürsten Petrus gelten: «Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen.» Im allgemeinen freilich sind kirchliche Verordnungen solange als gerecht vorauszusetzen, bis das Gegenteil erwiesen ist. Das Vertrauen in die übernatürliche Führung unserer Vorgesetzten wird uns vor ungerechtem, vorschnellem Urteil bewahren; die vollendete Bereitschaft zum Gehorsam gegen Gott vor ungerechtfertigtem, unterschiedslosem, indiskretem Menschengehorsam schützen.

Ist der wahre, vollkommene Gehorsam auch diskret gegenüber den Oberen, so kennt er doch andererseits nicht die kleinliche Schranke des absolut Pflichtgemäßen; vielmehr sucht er auch die nicht in Form eines direkten Befehls gegebenen Weisungen der kirchlichen Autorität und insbesondere des Heiligen Vaters zu erfüllen: er trachtet gleichsam die Wünsche der Kirche zu erfassen und zu verwirklichen. Erfüllt vom kirchlichen Geist, will er sich eins wissen mit dem Nachfolger des hl. Petrus, mit dem Stellvertreter Christi, eins im Glauben, eins im Denken, eins im Fühlen, eins im Wollen und Vollbringen. Die Liebe zur Kirche, die in der Liebe zu Christus gründet, wird zum tiefsten und lebendigsten Beweggrund eines vollkommenen kirchlichen Gehorsams. Und wiederum ist «der kirchliche Sinn, die Herzensbereitschaft, der Kirche zu folgen, ein sicheres Zeichen, daß der Heilige Geist in der Seele wohnt.»

Willibald Cajetan Scherer, Der Gehorsam nach der Lehre des hl. Thomas von Aquin dargestellt, Paderborn 1926, S. 154-157.