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DIE WAHRHEIT UND EIN NASSES HANDTUCH Predigt zum Herz Jesu Fest von Kaplan A. Betschart

Wir wollen in dieser Predigt des Herz-Jesu Festes vom vergangenen Freitag gedenken, das früher in vielen Pfarreien am heutigen Sonntag nachgeholt wurde.
Die Geschichte des menschlichen Geistes ist in den letzten zwei Jahrhunderten gezeichnet durch einen grossen Verrat am Herzen des Menschen. Es ist im 18. Jahrhundert verraten worden an den Verstand. Die Lehre des Rationalismus glaubte alles ablehnen zu müssen, was nicht in die “ratio”, das heisst in den Verstand passte, also in die manchmal doch sehr beschränkten Schubladen der Vernunft. Der Herrgott musste weichen. An Seinen Platz traten menschlicher Verstand und menschliche Vernunft. Das Herz hatte keinen Platz mehr, am allerwenigsten dort, wo es am meisten am Platze ist, nämlich im Verhältnis des Menschen zu Gott. So liess z. B. der Rationalist auf dem Kaiserthron, Josef II., auf dem Herz-Jesu-Bild in der Innsbrucker Jesuitenkirche das Herz des Heilandes übermalen. Und es bedurfte in jener rationalistischen Zeit vieler Interventionen und Bitten, bis endlich mehrere Jahre später mit Erlaubnis einer k. u. k. Kanzlei das Herz wieder auf jenes Bild gemalt werden durfte. Das Verbot war die Dummheit einer aufgeklärten Verstandesanbetung.
Aber nicht nur Dummheiten, sogar Greuel und Grausamkeiten waren die Folgen dieses Verrates am Herzen. Man hat in der französischen Revolution die “Vernunft” als Göttin auf den Altar erhoben. Sie hat namenloses Elend über die Menschen gebracht, bis diese verrückteste aller Göttinnen Selbstmord beging, indem sie sich ertränkte in einem Meer von Blut und Tränen.
In dieser Zeit des Rationalismus erfuhr die Herz-Jesu-Verehrung eine ganz neue Belebung und einen ungeahnten Aufschwung, ausgelöst durch die Offenbarungen des Herrn an die hl. Margareta Maria Alacoque. Neu war die Herz-Jesu-Verehrung auch damals nicht. Sie ist ja fest verwurzelt in der Hl. Schrift. Große Heilige und Päpste haben mitgeholfen, die Herz-Jesu-Verehrung zu pflegen und zu vertiefen. Es sei erinnert an Papst Pius XII., der 1956 die berühmte Enzyklika HAURIETIS AQUAS über die Herz-Jesu-Verehrung veröffentlichte. In diesem Rundschreiben steht folgender bedeutsamer Satz:

“Die Verehrung (des heiligsten Herzens Jesu) ist eine Schule, die ausgezeichnet zur christlichen Vollkommenheit führt.”

Ein echter Herz Jesu Verehrer wird also unweigerlich ein Heiliger. Wenn irgendeine kirchliche Frömmigkeitsform den Menschen nach innen weist und Innerlichkeit und Vertiefung fordert, dann ist es eben jene Frömmigkeit, die uns hineinschauen lässt in die Reichtümer des göttlichen Herzens.
Was aber ist eigentlich mit “Herz” gemeint? Das Herz ist im übertragenen Sprachgebrauch der Inbegriff der Güte und Menschlichkeit (vgl. Tit 3,4). Es ist das Menschlichste im Menschen, was den Menschen im wahren und eigentlichen Sinne zum Menschen macht. Das Herz ist das, was Leib, Geist und Gemüt eint und zusammenfasst, vergleichbar mit einer Quelle, die sich überströmend mitteilt. Wenn der Mensch sein Herz zum Sprechen bringt, teilt er nicht nur sein Wissen, sondern sein Wesen mit, also sich selbst.
Der hl. Augustinus hat über das Herz einen vortrefflichen Satz geprägt:

“Cor ad cor loquitur.”

Damit wollte er sagen: Nur das Herz kann zu einem anderen Herzen sprechen. Darin kommen zwei Gedanken zum Ausdruck. Einmal: eine Wahrheit wird für uns erst dann lebendig, wenn sie unser Herz erreicht. So trifft uns in der Regel die Wahrheit nur dann in der Mitte unseres Wesens und vermag uns zur Zustimmung zu bewegen, wenn ein Herz diese Wahrheit verantwortet, vor allem, wenn es sich um eine unangenehme Wahrheit handelt. Wenn jemand sie in der Weise des Liebenden an uns heranbringt und sie uns nicht wie ein nasses Handtuch um den Kopf schlägt, sondern wie einen wärmenden Mantel zum Hineinschlüpfen hinhält, dann wird unser Herz seine Zustimmung geben (vgl. M. Frisch).
Man kann also sagen, dass erst die menschgewordene Wahrheit unser Herz überzeugt. Deshalb also nimmt die göttliche Wahrheit ein Menschenherz an, weil sie das Herz des Menschen erfassen will. Sie will den Menschen in seiner Mitte erreichen und wieder für Gott gewinnen. Das göttliche Herz will alle erreichen, die sich Ihm nicht verschliessen. Und es will eine Sprache sprechen, die alle verstehen können, auch die Armen, selbst die Ärmsten an Geist und Bildung, ja selbst die Kinder. Denn es spricht die Sprache der Liebe und Menschenfreundlichkeit Gottes. Es spricht zu unserem Herzen.
Es hat nicht jedermann einen Kopf für hohe Gedanken, was vor dem Herrgott auch völlig belanglos ist. Es genügt nämlich vollständig, wenn einer das aus seinem Gewissen hervorgehende einfache Wissen des Herzens hat; das heisst, dass er weiss um Sünde, Gerechtigkeit und Gericht (vgl. Joh 16,8). Dann kann er die Sprache der am Kreuz ausgebreiteten Arme des Erlösers verstehen, wenn die Stunde gekommen ist, da Gott zu seinem Herzen sprechen will.
Die recht verstandene und gelebte Verehrung des Herzens Jesu führt uns Sünder an den Quellort der Gnade und Wahrheit, an das um unseretwillen durchbohrte Herz Gottes. Und die wahrhaft gelebte Herz-Jesu-Verehrung bewahrt uns vor dem Kadaver einer unpersönlichen Frömmigkeit, die den Entscheidungen ausweicht, vor die das Gewissen uns täglich stellt.
Daraus ergibt sich - und das ist das Zweite -, dass es bei der Herz-Jesu-Verehrung immer um zwei Herzen geht: um das göttliche und um das unsere. Um das göttliche, dass es als “Wohnstätte der Gerechtigkeit und Liebe” angebetet und als “Quelle des Lebens und der Heiligkeit” erkannt werde. Und es geht um unser Herz, dass es aus dem Herzen Jesu Gnade um Gnade schöpfe, um für immer mit Ihm im Bunde zu sein und Seine Interessen zu teilen.
Hier drängt sich ein Gedanke auf, der eigentlich mit innerer Notwendigkeit aus der Herz-Jesu-Verehrung hervorgeht, nämlich die Verehrung des Herzens Mariä. Denn Mariens Herz ist es ja, das der Liebe Gottes von jeher offenstand, zu dem Gott niemals vergeblich sprach, das alle Worte Jesu im Glauben aufnahm, in ihrem Herzen bewahrte und zur Entfaltung brachte. Maria ist die einzigartigste und unübertroffenste Verehrerin des Herzens Jesu. Sie muss uns Vorbild sein.
Wie sieht die Herz-Jesu-Verehrung bei uns aus? Ist unser Herz vielleicht der Liebe des Herzens Jesu verschlossen, statt weit geöffnet? Ist es versperrt und verriegelt durch Sünden gegen die Gottes- und Nächstenliebe? Gott verlangt unser ganzes Herz, kein halbes und geteiltes. Kein einziger Bezirk unseres Herzens darf Ihm vorenthalten werden. Ob wir Gott wirklich lieben oder nicht, dafür gibt es einen sehr exakten, genauen Massstab. Der heilige Evangelist Johannes nennt ihn:

“Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott, jedoch seinen Bruder hasst, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht” (1 Joh 4,20).

Das ist ausserordentlich deutlich und klar gesprochen. Nun denkt sich vielleicht der eine oder andere: Ich hasse ja niemanden. Der so Denkende soll aber nicht vergessen, dass bereits Neid und Missgunst, Eifersucht, Klatschsucht, Worte und Taten der Antipathie die schmutzige Brühe sind, aus welcher der Hass entsteht und die Liebe zerstört. Das alles aber kann überwunden werden durch ein Herz, das offen ist für Gottes Güte und Liebe, durch ein Herz, in dem Gott wohnt. Solchen Menschen verheisst Christus:

“Wenn ihr in Mir bleibt, und Meine Worte in euch bleiben, so mögt ihr bitten, um was ihr wollt, es wird euch zuteil werden” (Joh 15,7).

Zum Schlusse sei noch auf einen Gedanken hingewiesen, der uns Zuversicht und Mut für den Alltag geben soll. In der Herz Jesu Litanei beten wir: “Herz Jesu, Du Sehnsucht der ewigen Hügel.” Das ist ein Wort aus dem Alten Testament, aus dem Segen, mit dem der sterbende Patriarch Jakob seinen liebsten Sohn Josef segnete (Gen 49,26). Das Herz Jesu, das Herz unseres Gottes, wird bezeichnet als die Sehnsucht der ewigen Hügel, das heisst der ganzen Schöpfung, die ja nach dem hl. Paulus unter dem Fluch der Sünde leidet und mit Sehnsucht harrt auf den Tag der Neuschöpfung. Wir leben heute in einer Zeit, die gezeichnet ist von der Angst, von furchtbarer, grauenhafter Angst. Ebenso ist unsere Zeit gezeichnet von religiöser Zerrissenheit, die mitten durch die Kirche, ja selbst durch die Familien geht. Für viele bedeutet das eine große seelische Erschütterung und ein schweres Kreuz, das sie oft kaum zu tragen vermögen. Die Versuchung ist manchmal gross, einen falschen Ausweg zu suchen, der schliesslich nur in einer Sackgasse endet.
Es gibt jedoch einen echten Weg, der zur Ruhe und zum inneren Frieden führt: Es ist der Weg zum Herzen Jesu. Wiederum sagt und der hl. Augustinus:

“Wir sind auf GOTT hin geschaffen und unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in Dir, o GOTT”.

Christus hat Seine Arme noch nie so weit ausgebreitet wie heute, weil Er um das große Leiden und Sühnen Seiner Treuen weiss. Das Herz Jesu allein ist es, kein einziger Mensch, der die Sehnsucht nach wahrem Glück, nach Frieden und Geborgenheit stillen kann. Das Herz Jesu kennt die Not des menschlichen Herzens, weil Christus selbst diese Angst und Not durchgelitten hat. “Das Leben leidlos zu machen, ist unmöglich. Möglich aber ist es dem, der mit dem Herzen Jesu lebt, in Frieden zu leiden und in seinem Herzen Ruhe zu finden” (P. Gabriel OCD).
Beten Sie doch wieder einmal, wenn Sie in Not sind, die Herz-Jesu-Litanei. Sie ist ein wunderbares Gebet, das immer wieder Mut und Kraft gibt, aber auch die Gewissheit, dass wir geborgen sind im Herzen Jesu. Denn Christus sagt uns selber:

“Seid getrost, Ich habe die Welt überwunden” (Joh 16,33).

Quellenhinweis:

▸ Braun S., Radiopredigten., Innsbruck-Wien
▸ P. Gabriel a S. Maria Magdalena OCD, Geheimnis der Gottesfreundschaft, Herder 1958; Lizenzausgabe Lins-Verlag, Feldkirch.

Bild: C. M. Feuerstein

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