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Tobias.12

Wahrsagerei oder auch Aberglaube heute

Gegen Irreführende Titel wie "Buch der Wahrheit"

Was ist Wahrsagerei?

Als Wahrsagen oder Wahrsagung, abwertend Wahrsagerei, werden zahlreiche Praktiken und Methoden zusammengefasst, die dazu dienen sollen, zukünftige Ereignisse vorherzusagen und gegenwärtige oder vergangene Ereignisse, die sich der Kenntnis des Fragenden entziehen, zu ermitteln.

„Alles fällt auseinander und auch die Mitte stimmt nicht mehr.“

Diese Feststellung trifft auch auf den Christlichen Glauben zu, wenn statt Glaubenswahrheiten plötzlich „Prophetien“, als Grundlage zur Bewertung allerlei Geschehnissen herangezogen werden. Dass die Argumentation niemals eine ernstzunehmende Diskussionsgrundlage bieten kann, führt leider allzu oft in Phantastereien, die keinen Platz mehr lassen für natürliche und tragfähige Grundpfeiler einer Gemeinschaft. Drastische Züge erhält die Wahrsagerei in diesem Zusammenhang, wenn zweifelhafte und von der Gemeinschaft ausgeschlossene „Prophetien“ herangezogen werden. Hier entsteht die Gefahr eines (totalen) Realitätsverlustes, der sukzessive entweder zum Ausschluss aus der Gemeinschaft oder gar zur Zerstörung einer Gemeinschaft beiträgt.

Eine Gefahr der Wahrsagerei ist das Weglocken aus einer gefestigten Gemeinschaft. Es gibt keine Gemeinschaft, die durch Menschen gebildet und ihre Oberen selbst wählt, welche perfekt einem göttlichen Ideal entsprechend ständig glänzt. Die Kirche Christi hat in der Vergangenheit einige schlechte oder auch gute Päpste gehabt. Das Mittelalter zeugt auch davon. Die Kirche ist lebendig geblieben, weil sie als Gemeinschaft auf einem festen Fundament stand. Sie würde es heute noch, wenn es nicht so viele Strömungen unterschiedlichster Auffassungen und Richtungen gäbe. Es mag durchaus sein, dass der moderne und übertriebene Individualismus hier seine faulen Früchte trägt. Der Satz des Heiligen Paulus: (In den letzten Tagen) „werden sie sich ihren eigenen Glauben basteln…“, trifft hier ins Schwarze.

Was führt in die Wahrsagerei?

Die wesentlichen Ursachen liegen im Menschen selbst. Erich Fromm unterscheidet in seinem Buch „Die Furcht vor der Freiheit“ drei Charaktere, die jeweils einen bestimmten Fluchtmechanismus anwenden: Während der sado-masochistische Typ die aktive oder passive Symbiose sucht, versucht der destruktive Typ, dem Gefühl der Ohnmacht durch Zerstörung (auch Selbstzerstörung) zu entrinnen. Die Zwiespältigkeit dieses „autoritären Charakters“, entspringt nach Fromm dem Gefühl der Ohnmacht, die er überwinden möchte, und der Aktivität im Namen einer Macht, die außerhalb von ihm steht (eine reale Macht, eine Ideologie oder Gott), er kennt nur Beherrschung und Unterwerfung, aber keine Solidarität. Gerade in Zeiten einer Krise fühlen sich viele bedroht. Eine Voraussetzung für Widerstand ist laut Fromm aber Vertrauen in die eigene Fähigkeit, etwas verändern zu können. Wenn dieses fehlt, führe es dazu, dass sich Menschen von der Macht angezogen fühlen, während sie gleichzeitig Machtlosen gegenüber Verachtung empfinden.

Von der Macht erwarten die Menschen Schutz, so Fromm, von „ihr“ möchten sie behütet werden, „sie“ machen sie aber auch verantwortlich für alles, was bei ihrem Tun herauskommt.

Jetzt kommt ein Dilemma der heutigen Zeit:

Was wenn man der Fähigkeit beraubt ist, zur Änderung beitragen zu können?

Das Wort, welches von den Medien so hoch gepriesen wird ist „Individualismus“. Der übertriebene Individualismus führt allerdings in die Isolation. Nehmen wir die Probleme der heutigen Kirche, die derzeit nach innen von einem autoritären Charakter geprägt wird: „Wer hat hier das Sagen?!“ Andererseits wird der Gemeinschaft suggeriert, man könne nur fleißig an einem „Reformierungsprozess“ mitwirken. Dies tarnt man mit Schlagworten wie „Individuelle Selbstentfaltung“, „Demokratischer Prozess“ oder anderen Lockungen. Mit solchen Sätzen einerseits und extremen Personalmaßnahmen/autoritärem Führungsstil andererseits werden Grenzen gezogen, die von der Gemeinschaft nicht mehr überwunden werden können. Zwischen ihr und dem Anführer entsteht ein unüberwindbarer Riss, dessen Überwindung auch mit Brücken nicht mehr möglich ist, denn letztere werden durch die Autorität niedergerissen. Eine Autoritäre Führungsart hat oft eine extremistische und/ oder aus Verzweiflung betonte Ursache. Kirche und Kirche (Mann gegen Mann, Bruder gegen Bruder usf.) steht sich gegenüber wie Mose und Israel in der Wüste als Mose die Frage nach der Nachfolge gestellt hatte. Der Riss der hier entsteht ist der Gegensatz zwischen der Liebe Gottes im krassen Kontrast zum autoritären Anspruch des Menschen. Dass Mose die Gesetzestafeln zerschmettert hatte, steht symbolisch dafür, dass in dieser Art von Gemeinschaft das Fundament der Liebe zerstört ist. Mose verlangt im Namen Gottes nach einer Gemeinschaft, welche in der Liebe Gottes verwurzelt und lebendig ist. Als sie wieder hergestellt ist, erhält sie ihre Göttlichen Gebote. Im Gegensatz zu dieser Gemeinschaft steht die Isolation, die in den Abgrund führt. Menschen suchen einen Ausweg aus der Wüste, drängen zunächst den Problemen nach, die sie noch treffend erkennen, aber rennen dann blind, weil sie es nicht anderes kennen, in die alte Knechtschaft oder irgendeine neue Form der Knechtschaft. Sie basteln sich ihren Glauben.

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Anhang

Zauberglaube und Geheimwissen im Spiegel der Jahrhunderte

W. Mannhart

Der Mensch hat von Natur für Wahrheit und Irrthum, Rechtglauben und Aberglauben Anlagen, weil er zum Kampf geboren ist, und nur durch freie selbstständige Einsicht zur Erkennntiß des Wahren, Guten und Tüchtigen gelangen kann. Leider aber gestattet er in diesem Kampfe dem Irrthum und Aberlauben nur zu leicht und oft den Sieg über Wahrheit und Rechtlauben. Gleich einem bösen Geist beherrscht in tausenfachen Gestalten und Erscheinungen der Aberglaube die Sterblichen. Sein Ursprung des Geschlechts, so weit wir solchen geschichtlich nachzuweisen im Stande sind. Sei’s, daß er nach den verschiedenen Zeitaltern und Bildungsstufen der Völker in mehr oder minder abschreckender Gestalt, und abwechselnd in frecherer, oder beschränkterer Herrschaft erscheint: seine Macht ist zu allen Zeiten so groß gewesen, daß die Weisen unter allen Nationen und Himmelstrichen stets darüber zu klagen Ursache gefunden haben.

In der That, das Gebiet des Aberglaubens ist im eigentlichen Sinn unermeßlich. Dabei ist’s in der Geschichte der Verirrungen des menschlichen Geistes eine oft wirklich nichts weniger als leichte Aufgabe, ein untrügliches Prinzip oder einen höheren Gesichtspunkt zur Scheidung des Rechtglaubens und des Aberglaubens fest zu setzen. Einer Wucherpflanze gleich, die sich den schönsten Baum aussucht, um ihn zu umspinnen, windet sich der Aberglaube nicht selten um den Rechtglauben, also, daß Beide wie unzertrennlich in einander verschlungen erscheinen. Eben so schwer ist es, die Grenzen der verschiedenen Felder des Aberglaubens selbst genau zu ziehen, und überall noch ziemlich unaufgelöst ist die Aufgabe, nach deutlicher Entwicklung und Bestimmung des Einzelnen das Ganze zu historisch philosophischer Klarheit zu erheben.

(…)

Die Neigung zum Aberglauben ist durch die innerste Natur des Menschen bedingt, und der Mensch müßte ein Wesen von ganz anderen Geistesanlagen und Gemüthseigenschaften sein, als er ist, wenn es anders wäre, und wenn man es anders in der Völker- und Menschengeschichte fände, wobei, da er für die Wahrheit bestimmt ist und nicht für den Trug, indeß immer das wahr bleibt, was Lessing sagt:

Die Wahrheit trügt uns nie –

Wir sind’s, die uns betrügen.

(…)

Dann, was ist dem Menschen eigenthümlicher, als der Hang, die ihm immer lästigen Schranken der Gegenwart zu durchbrechen und in die Zukunft zu schauen, um sich solche nach eigener Willkür anzueignen und thätigen, ihre dunklen Ereignisse beherrschenden Einfluß darauf selbst zu erlangen? Eine unerschöpfliche neue Quelle des Aberglaubens, namentlich aller Art von Wahrsagereien, die man in der alten und der neuen Welt unter der Kategorie von Magie und Zauberei betrachtete und in Kraft der Zauberkunst übte.

Endlich, was ist bei dem Gemisch von Größe und Kleinheit, Kraft und Schwäche, Zweifelsucht und Leichtgläubigkeit, kurz bei dem allgemeinen Gefühl von Abhängigkeit, das den Menschen durch’s Leben begleitet, was ist da natürlicher, als das Bestreben, höhere Wesen, sobald er solche ahnt, und er ahnt und glaubt sie, sobald er sich nur der untersten Thierheit zu entwinden anfängt, in seine Leidenschaften, Pläne und Schicksalszustände wo möglich hinein zu ziehen, um durch diese zu erlangen, oder möglich zu machen, was er durch eigene Kraft, wie er fühlt, nicht erlangen, oder möglich machen kann?

Bei diesem Hang ahnt der Mensch in den natürlichen Kräften und Wirkungen der Dinge überall fremden, ihm unbekannten, unsichtbaren Einfluß, schwebt mit dem innerlichen Schauer, der doch nicht ohne Vergnügen ist, und den auf niederer und höherer Kulturstufe das Dunkele und Geheimnisreiche dem Gemüt gewährt, gleichsam inmitten von Natur und Uebernatur; sieht Wundervolles im Natürlichen und Natürliches umgekehrt im Wundervollen, so daß selbst bei der höchsten individuellen Bildung, Glaube und Aberglaube, Natursinn und Wunderliebe sich bei ihm oft seltsam mit einander zu vereinigen vermögen.

Hier sind, wenn wir das Phantasievermögen mit seinem leicht alle anderen Gemütskräfte überspringenden Einfluß dazu nehmen, die allgemeinen Quellen des Aberglaubens. Aus dieser wundersamen Mischung von Vernunft, Einbildungskraft, Leidenschaften, Affekten und Neigungen erklären sich zugleich die verschiedenen Arten des Aberglaubens, die im buchstänblichen Sinn so unermeßlich sind, daß alle auch nur zu nennen unmöglich ist.

(…) Seite 84:

"... - kurz, in den Zeitraum, wo der Hang der Vernunft, sich im übersinnlichen Reiche anzubauen, mit Hülfe einer lebhaften, die Gesetze der Erfahrung*) überspringenden Phantasie zuletzt beinahe in bloße theurgische Schwärmerei ausartete. "Das Absolute", sagt Tennemann, "welches dem menschlichen Geist immerfort in gleicher Ferne vorschweben wird, um den Forschungsgeist in stets reger Thätigkeit zu erhalten, wurde auf einmal durch die Zauberkraft der Phantasie ein wirkliches Objekt, welches der menschliche Geist durch unmittelbare Anschauung ergreifen wollte. Der menschliche Geist wollte Alles, was sich nur denken, glauben, ahnen läßt, zu einem Objekt der Anschauung machen, und vergaß, geblendet von Begeisterung, daß die Vernunft mit den durch die Bilder der Phantasie verschmolzenen Ideen und Begriffen ein Gaukelspiel trieb." Mit einem Worte, die Geisterwelt ward durch die Phantasie in die wirkliche Welt verpflanzt, so daß die Natur und Wirklichkeit fast gänzlich durch die Willkür selbstgeschaffener Wesen verdrängt wurden. So war der theurgischen Spekulation ein weites regelloses Feld eröffnet!"

*) Bedeutet hier auch, dass ein Mangel an Erfahrung ebenso wie das bewusste Ausblenden bzw. "Überspringen" von Erfahrung in diese Schwärmerei ausarten kann. Ungewollt oder gewollt: Es hat dieselbe harten Konsequenzen der Verblendung.

Tobias.12 mentioned this post in "Buch der Wahrheit" entspringt der Irrlehre der Gnosis..
Tobias.12
Was das Buch der Wahrheit lehrt

dass Wunschdenken befördert mit Wundersucht jeden Realitätsbezug auslöscht,
dass gesagtes bzw. erfundenes von Dritten in die Mitte genommen ein goldenes Kalb bildet,
dass das Überschreiten der Grenze zwischen menschlicher Phantasie und gelebter Realität dazu führt, dass die Färbungen durch eigenes Wunschdenken zur Hexenverfolgung und unrechtem Urteil führt,
dass … More