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Santiago74
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Søren Kierkegaard- Der Achtwegewinkel

Über Einsamkeit und Stille
"Im Gribswald liegt ein Platz, der der Achtwegewinkel genannt wird; nur der findet ihn, welcher auf würdige Weise sucht, denn keine Karte gibt ihn an. Der Name selbst scheint auch einen Gegensatz zu enthalten, denn wie kann ein Zusammenstoß von acht Wegen einen Winkel bilden, wie kann sich die öffentliche und allgemein befahrene Straße mit dem Entlegenen und Verborgenen vertragen? Und was der Einsame flieht, ist ja nach einem Zusammenstoß von nur drei Wegen benannt: Trivialität, wie trivial muß es nicht bei einem Zusammenstoß von acht Wegen sein? Und doch ist es also: es sind dort wirklich acht Wege, aber doch sehr einsam; entlegen, versteckt, heimelig ist man dort ganz nahe bei einem Hain, der der Unglückshain heißt. Der Widerspruch im Namen macht nun den Ort nur einsamer, wie Widerspruch immer einsam macht. Die acht Wege, der viele Verkehr sind nur eine Möglichkeit, eine Möglichkeit für den Gedanken, denn niemand befährt diesen Weg außer einem kleinen Insekt, das lente festinans quer hinüber eilt; keiner befährt ihn außer dem flüchtigen Reisenden, der sich dauernd umsieht, nicht nach jemand, sondern um alle zu meiden, jener Flüchtling, der selbst in seinem Versteck nicht die Sehnsucht des Reisenden nach jemandes Botschaft empfindet, jener Flüchtling, den nur die todbringende Kugel einholt, die wohl erklärt, warum der Hirsch jetzt still wurde, aber nicht warum er so unruhig war; niemand verkehrt auf diesem Wege außer dem Winde, von dem man nicht weiß, woher er kommt oder wohin er fährt. Selbst derjenige, der sich von jenem verführerischen Winken täuschen ließ, womit die Eingeschlossenheit hier drinnen nach dem Wandersmann hascht, selbst der, welcher dem schmalen Fußpfad folgte, der in die Dichte des innersten Waldes lockt: selbst er ist dort nicht so einsam, wie man es bei den acht Wegen ist, die keiner befährt. Acht Wege und kein Fahrender! Es ist ja, als sei die Welt ausgestorben und der Überlebende in die Verlegenheit gebracht, daß keiner da ist, ihn zu begraben; oder als sei die ganze Völkerschaft auf den acht Wegen ausgewandert und habe einen vergessen! – Ist es wahr, was der Dichter sagt: bene vixit qui bene latuit, dann habe ich wohl gelebt, denn mein Winkel war gut gewählt. Sicher ist es auch, daß die Welt und alles, was sich in ihr befindet, sich niemals besser ausnimmt, als wenn sie von einem Winkel aus betrachtet wird und man sich das Betrachten erschleichen muß; sicher ist es auch, daß alles, was in der Welt zu hören ist und gehört werden soll, am angenehmsten und bezauberndsten klingt, von einem Winkel erlauscht, wenn man sich das Lauschen erschleichen muß. So habe ich denn öfter meinen Winkel aufgesucht. Ich kannte ihn vorher, lange vorher, jetzt habe ich gelernt, nicht die Nacht zu benötigen, um Stille zu finden, denn hier ist es immer still, immer schön, aber am schönsten dünkt es mich jetzt, wo die Herbstsonne Vesper hält und der Himmel schmachtend blaut; wenn die Schöpfung nach der Hitze atmet, wenn die Kühlung sich löst und das Laub der Wiesen wollüstig zittert, während der Wald fächelt; wenn die Sonne an den Abend denkt, wo sie sich im Meer erquickt, wenn die Erde sich zur Ruhe anschickt und an die Danksagung denkt, wenn sie sich vor dem Abschied in dem zärtlichen Zusammenschmelzen verstehen, das den Wald erdunkeln läßt und die Wiesen grüner macht.

O freundlicher Geist, der du diese Stätten bewohnst, hab Dank, daß du meine Stille immer behütest, hab Dank für jene Stunden, zugebracht mit der Beschäftigung der Erinnerung, hab Dank für dein Versteck, das ich das meine nenne! Da wächst die Stille, wie der Schatten, wie das Schweigen wächst: eine beschwörende Zauberformel! Was ist wohl berauschend wie Stille! Denn wie schnell auch der Trinker den Becher an die Lippen führt, sein Rausch wächst nicht schnell wie der der Stille, die mit jeder Sekunde wächst! Und wie ist der Inhalt des berauschenden Bechers doch nur ein Tropfen im Vergleich zu dem unendlichen Meer des Schweigens, von dem ich trinke! Und wie ist alles Sieden des Weins nur ein armseliger Trug gegen das Wallen des Schweigens selbst, das stärker und stärker siedet! Aber was ist auch rasch verschwunden wie dies Schweigen – wenn nur gesprochen wird! Und was ist widerwärtig wie der Zustand, wenn man plötzlich herausgerissen wird – schlimmer als das Erwachen des Trinkers, wenn man im Schweigen die Sprache vergessen hat, scheu beim Klange des Wortes, stammelnd wie der, dessen Zungenbänder nicht gelöst wurden, schwach werdend wie eine überraschte Frau, zu ohnmächtig im Augenblick, um mit der Sprache trügen zu können! Dank dann, du freundlicher Geist, daß du die Überraschung und Unterbrechung fernhieltest, denn die Entschuldigung des Störenden nützt nur wenig. – Wie oft habe ich dies nicht bedacht! Im Menschengewimmel wird man nicht schuldig, wenn man unschuldig ist; aber die einsame Stille ist heilig, darum wird alles schuldig, was sie stört, und der keusche Umgang des Schweigens, wenn es verletzt wird, verträgt keine Entschuldigung, noch wird ihm dadurch geholfen, sowenig wie der Schamhaftigkeit durch Erklärungen. Wie hat es geschmerzt, wenn es mir selber widerfahren ist, und man steht da mit einem nagenden Schmerz in der Seele, beschämt durch seine Schuld: den Einsamen gestört zu haben! Vergebens wird die Reue ergründen, was es ist: diese Schuld ist unaussprechbar wie das Schweigen. Nur derjenige, der unwürdig die Einsamkeit suchte, nur ihm kann die Überraschung nützen, so wie wenn ein liebendes Paar nicht einmal dort die Kraft hat, eine Situation zu schaffen. Ist dies der Fall, so kann man dem Eros und den Liebenden dienen, indem man sich zeigt, ob auch unser Verdienst den Liebenden rätselhaft wird, wie die Schuld es wird: daß sie die Köpfe dichter zusammenstecken aus Zorn gegen den Störer, dem sie es doch verdanken, daß sie es tun. Sind es aber zwei Liebende, die würdig Einsamkeit suchen, wie schwerwiegend ist es dann, zu überraschen, wie könnte man sich nicht selber verfluchen, wie ein jedes Tier verflucht war, das sich dem Sinai näherte. Wer fühlte das nicht, wer könnte, wenn er sieht, obwohl noch ungesehen, nicht wünschen, wie ein Vogel zu sein, der sich wollüstig über den Köpfen der Liebenden wiegt, wie ein Vogel zu sein, dessen Schrei die Liebe verkündet, wie ein Vogel zu sein, der zwischen den Büschen hindurchhuscht, verführerisch anzusehen, wie die Natureinsamkeit zu sein, die Eros lockt, wie der Widerhall, der bestätigt, daß man abseits ist, wie das ferne Lärmen, das dafür bürgt, daß die übrigen von dannen ziehen und die Liebenden zurücklassen! Und dieser letzte Wunsch ist wohl der beste, denn da wird man einsam, wenn man die andern verschwinden hört. Die einsamste Situation im "Don Juan" ist die der Zerline; sie ist nicht allein, nein, sie bleibt allein zurück; man hört das Verschwinden des Chors, und aus dem fernen Hinsterben dieses Lärms wird die Einsamkeit hörbar und entsteht die Einsamkeit: Ihr acht Wege, ihr führtet nur hinweg von mir alle Menschen und brachtet mir nur meine eigenen Gedanken zurück."

Aus: Stadien auf dem Wege des Lebens
Santiago74
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