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Hans-Peter Raddatz: Wozu gibt es „abraham(it)ische Religionen“? (www.die-neue-ordnung.de/)

Nr. 5 / 2020 Oktober 74. Jahrgang

Hans-Peter Raddatz
Wozu gibt es „abraham(it)ische Religionen“?

Ursprünge des islamozentrischen Kulturwandels

1. Methodische Vorbemerkung
In der Propaganda des laufenden Kulturdialogs nimmt das „Abrahamitische“ einen prominenten Platz ein. Wir spüren hier einem Begriff nach, der in der Nachkriegszeit entstanden ist, denn er kommt in den bis dahin maßgeblichen Lexika, der Ersten Ausgabe der Enzyklopädie des Islam aus den 1920er Jahren und im Handwörterbuch des Islam von A.J. Wensinck und J.H. Kramers aus 1941 in der heutigen Form nicht vor. Daneben deutet die Endung „itisch“ auf westliche Herkunft, die wie politisch, semitisch, rachitisch etc. auf Sammelbegriffe verweist, die es im Arabischen aufgrund offensichtlicher Kultur- bzw. Klima-Unterschiede ursprünglich nicht gibt, sondern bei ihrem Entstehen mit Kunstworten nachgebildet werden. Das betrifft auch andere Begrifflichkeiten, die sich aus der Kulturdivergenz ergeben wie z.B. die Wortschöpfung für „Kreuzzug“ (salibiyya), die sich aus salb = Kreuz bildete, als den Muslimen bewußt wurde, welches Gewicht das Wort im aufklärerischen Akademie-Diskurs gewonnen hatte. In vielen Fällen entwachsen dem „itisch“ auch Formen des „Ismus“ oder der „Logie“, die aufgrund der Bindung an Allah noch weniger Platz im islamischen Denken finden. Zu dem Auswuchs eines „Abrahamismus“ ist es bislang noch nicht gekommen, zumal wie sich herausstellen wird, alles was mit Abraham zu tun hat, im Islam nicht verhandelbar ist. Dies läßt uns mit Blick auf die Islamozentrik des „Kulturdialogs“ auf eine damit kompatible „Abrahamistik“ schließen (s.u.). Bei aller Wortarmut der Kultur-Aktivisten, die mit und vom Abrahamitischen leben, ist zuzugeben, daß sie zuweilen auch zur Variante des „Abrahamischen“ überwechseln. So u.a. in Publikationen der KCID – Key Concepts in Interreligeous Discourses (Judaism, Christianity , Islam) – ein Projekt der Universität Erlangen-Nürnberg und der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Mit seinem Motto „Der Mensch ist Feind dessen, was er nicht kennt“ setzte es kuriose Impulse, weil es alternatives Wissen ausgrenzt, d.h. „nicht kennt“, daher mit islamophobem Unwissen sich selbst im Wege steht und wie unten dargelegt, entgegen der eigenen Zielsetzung sogar Muhammad in Mißkredit bringt. Diese Einrichtung ist nicht zu verwechseln mit dem KCID – Koordinationsrat für den Christlich-Islamischen Dialog, Bonn, einer Art Volksversion des „Islamdialogs“, deren Niveau und Wirkungsbereich hinter den prätentiösen Titel zurückfällt. Gleichwohl entspricht sie dem kommunikativen Credo des akademschen KCID, indem man „nicht über“, aber auch nicht mit denen spricht, die den real existierenden Islam vorstellen. Wenn letzterer KCID „auf einzigartige Weise international anerkannte Wissenschaftler zusammenführt, die sich durch ihre herausragende Kompetenz auf dem jeweiligen Fachgebiet auszeichnen“, fällt das bombastische Selbstlob eines in der „alten“ Wissenschaft banalen Sachverhalts auf. Während man dort durch Denkleistungen von sich reden machte, solange sie keinen diktierten Interessen dienten, schränken sich die „Interreligeous Discourses“ systembedingt ein. Denn die „Fachkompetenz“ ragt hier um so grandioser heraus, je weniger sie vom Islam Kenntnis nimmt, sondern dem interkulturellen Toleranzdogma folgt, so daß die KCID-Aktionen den Anspruch der „Einzigartigkeit“ verfehlen. Vielmehr sind sie auf vorhersagbare Kräfte verwiesen, deren Renommee überhaupt erst mit linientreuen Aussagen zustande kommt und ihre Spezies zu den „Kathederlakaien“ qualifiziert (A. Schopenhauer), die jede Machtform begleiten. Sie lassen keine Überraschungen erwarten, die das eigene Ansehen oder die Interreligiosität des Projekts mit Abraham gefährden könnte, der sich als flexibles Passepartout der Religionskonstruktion herausstellen wird. Die Kompetenz-Propaganda wird wesentlich durch den Küng-Schüler Karl-Josef Kuschel gestützt, den man den „Doyen der trialogischen Abrahamizität“ nennen kann. Denn seit fast drei Jahrzehnten macht sein Werk „Streit über Abraham“ Furore, das erhebliche Beiträge zum „Trialog“ und „Dialog“ leistete und zum Vademecum des Abraham-Geschäfts wurde, von dem nur profitiert, wer die Nase der Linientreue vorn behält. Im Vorwort zur zweiten Auflage erklärt Kuschel seinen Erfolg u.a. damit, daß er nicht der „Heilsarroganz“ der Religionen, sondern der „tiefen Verwandtschaft ihrer Glaubenszeugnisse“ und dem „analogielosen Satz“ des Zweiten Vatikanischen Konzils gefolgt sei. In dessen auslegbarer Rhetorik „umfaßt der Heilswille auch die, welche den Schöpfer anerkennen, unter ihnen besonders die Muslime, die sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten“. Dieser „Heilswille“ unterstellt den Muslimen den Glauben an einen Gott, der laut Muhammad mit Bibel und Evangelium lediglich Fälschungen des Koran erzeugt hat. Eine Erklärung, inwieweit diese Zumutung keine Arroganz enthält, bleibt der Autor schuldig. Wenn es Kuschel nicht gäbe, fiele es schwer, einen ähnlich fruchtbaren Impulsgeber für die systemische Analyse der „abrahamisch-abrahamitischen“, bei Bedarf vielleicht auch „abrahamitizistischen“ Religionen zu finden. Sollte diese Vorbemerkung eine gewisse pejorative Note anklingen lassen, so ist sie weder nötig, geschweige denn beabsichtigt. Denn der multikulturell-interreligiöse Trend hat einen Status erreicht, dessen selbstverständliche Aggression gegen die jüdisch-christliche Vorgängerkultur auf nicht weniger als einer Umkehrung der logischen Kausalität beruht. Sie bewirkt die Einebnung und Kanalisierung des Denkens, die mit einer stereotypen Sprache den „Dialog“ unterdrückt und ihre Defizite auf die Gegenseite projiziert. Warum das so ist und vorläufig keine Aussicht auf Korrektur, sondern auf weitere Radikalisierung hat, wurde zuletzt in dieser Zeitschrift aus dem Dekonstruktivismus der Kant-Hegel-Art hergeleitet und wird erneut in diesem Beitrag zum Ausdruck kommen. Gemäß dem Begriff des Dekonstruktivismus, in dem der Relativismus der Habermas-„Kommunikation“ mitläuft, wird etwas abgebaut und durch etwas anderes ersetzt, ein Ablauf, der im angeblich „herrschaftsfreien Diskurs“ in das Dogma des islamischen „Friedens“ überging und die besagten, längst auch laufbahnrelevanten Diskurs-Stereotypen entwickelte. In diesem „Licht“ sind die Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den Abraham-Perspektiven der drei beteiligten Religionen zu sehen, wobei wir Akzente primär zwischen Christentum und Islam setzen, weil sie den „Trialog“ bestimmen und das jüdische Abraham-Original ohnehin die Grundlage bildet. Dies zumal es dort keine Aufregung um den Gott Abrahams gibt, der nach Konflikten in Kanaan eine souveräne Position in der Religionsphase der Väter einnimmt und eher mit Sohn Isaak und Hauptfrau Sara für Aufsehen sorgte. Das spiegelt z.B. das detaillierte Werk K.E. Grözingers über „Jüdisches Denken“ (5 Bde.) wider, dem in der langen Gottes- und Geistesgeschichte der Juden wenige Seiten über Abrahams Einordnung genügen, während das Thema in der christlich-islamischen „Dialog“-Literatur inflationär ausufert. Solches verdankt sich wiederum der Kausalkehre, die das Paradox der menschlichen „Willensfreiheit“ sichtbar macht. Indem Kuschel die Heilsarroganz gegen das Glaubenszeugnis ausspielt, folgt er wie alle akademischen Vollstrecker elitärer Dominanz lediglich den Vorgaben der herrschenden Lehre. Sie befiehlt multikulturell-interreligiöse Harmonie, die das unvermeidliche, weil evolutionäre und historisch bestätigte Potential des Kulturkonflikts – offiziell unter „Rassismus und Haßrede“, zumindest „Islamophobie“ geführt – diktatorisch unterdrückt. Das Vakuum soll bekanntlich von individueller Toleranz für das Andere – soziologisch Performanz – gefüllt werden, bewirkt aber auf kollektiver Ebene das Gegenteil. Denn von ungleich größerer Dimension ist das Vakuum, das der Kulturwandel mit der essentiellen Unterdrückung der denkenden Existenz und mithin des Humanum erzwingt, das den Menschen physisch und metaphysisch vom Tier trennt, aber mit dem Denkschwund der archaischen Natur weicht. Hier kommt nun das Willensparadox ins Spiel. Was seit Jahrtausenden, spätestens seit Abraham philosophisch und theologisch feststeht, ist für die Experten-Kader der „Trialog“-Maschine ein Unding zwischen Anathema und Böhmischem Dorf. Hier spielt es keine Rolle, daß jedes Sein auch ein Etwas sein, ein bestimmtes Wesen (Essenz) haben muß, d.h. nicht ohne Wesen sein kann, ohne wie die Mystiker sagen, zum Nichts zu „entwerden“. Indem die „neue Logik“ dies umkehrt und als „Essentialismus“ verdammt, trichtert sie dem Massenmenschen ein, mit der Toleranz nicht nur etwas, sondern etwas ganz Besonderes mit einem Willen höherer Qualität zu sein. Es erscheint paradox, mit der Toleranz für Anderes die eigene Existenz zu ersetzen bzw. zu zersetzen, klärt sich aber zu jener systembedingten Asymmetrie auf, in der das Täuschungsprivileg der Wenigen die Vielen lenkt und dabei auch als „Heilswille“ auftritt. So versteht sich von selbst, daß dieser Wille, heute global finanziert, einen gigantischen Filz des „Kulturdialogs“ mit UNO-US-EU-Institutionen, Stiftungen, Think Tanks, NGO’s etc. nährt und im Verein mit dem Islam und dem Ausgrenzen des „unbekannten Wissens“ auch das Andere ausgrenzt, das sich nun freilich – kausal gedreht – in „islamophoben“ Christen, Juden, Einheimischen und sonstigen Abweichlern inkarniert. Mit Ehren umkränzt, gehen Machthaber und ihre Vordenker in die Geschichte, und besonders Erleuchtete sogar in das Pantheon der Gottesgeschichte ein. Als deren Urgestein bildet Abraham eine Art Steinbruch, an dem sich „Heiden“ und „Gläubige“ bedienen. Wie sich zeigt, geht Muhammad eigene Wege und spornt heute die Abrahamisten an, der altorientalischen Gründungsfigur Qualitäten zuzumessen, die ihnen im Ringen um islamozentrischen „Heilswillen“ den gewünschten abrahami(ti])schen Vorsprung verschaffen.

2. Der Abraham des Volkes
Insofern eignet sich als Einstieg in die Abrahamistik, die von uns so genannte Technik rabulistischer Ausbeutung von Ausnahmegestalten zur Beglaubigung von Machtansprüchen, eine von Muslimen erfundene Legende über die Geburt und ersten Jahre Abrahams. Während der Koran vieles über ihn in Übereinstimmung mit der Genesis berichtet, z.B. ein Sohn des Noah-Abkömmlings Azar (oder auch Terach) zu sein, weichen diverse Kommentare mit Geschichten ab, die seine Ankunft mytho-mystisch ausschmücken. Wie im Kleinen bei Kuschel, kommen gerade auch im Großen komische Situationen zustande, die sich aus übereifrigem Vollmachts-Anspruch ergeben. Wenn geistige Mediokrität sich mit erhabener Amts-Aura oder gar pseudo-göttlicher Autorität umgibt, kann sie leicht ins Lächerliche driften, wo sie schon immer der Satire zeitlosen Stoff geliefert hat. Vorliegend geht es um Abrahams vorgeburtliche Fähigkeiten, die für alle Zeit eine sämtliche Vorstellungen übersteigende Wandlungskraft ankündigten. Sie lassen zwar die aktuellen „Dialog“-Kapriolen bescheiden erscheinen, bieten aber die Qualitäten, die Muhammad für seine Legitimation brauchte. Ähnlich dem späteren Herodes, dessen Kindsmorde die Geburt Christi nicht verhindern konnten, soll Nimrod, erster König der Weltgeschichte, Turmbauer zu Babel und Enkel Noahs, also immerhin Vorfahr Abrahams, dem Bericht des Grammatikers Al-Kisa’i (gest. 805) zufolge nach einem bösen Traum den Befehl erteilt haben, „die schwangeren Frauen zu beobachten und die neugeborenen Knaben töten zu lassen“. „Die Häscher unterzogen auch die Mutter Ibrahims (Abrahams), bevor sich noch die Geburtswehen eingestellt hatten, einer Leibesvisitation. Sie betasteten ihren Leib rechts und das Knäblein versteckte sich links, sie suchten es links und es flüchtete nach rechts, so daß sie unverrichteter Sache abziehen mußten“ (Handwörterbuch d. Islam (HWI), 192). Wer so früh und umsichtig den herrschenden Verhältnissen ein Schnippchen schlagen konnte, mußte über magische Kräfte verfügen, die ihre Wirkungen auf die Nachwelt nicht verfehlten. Die wichtigste ist Abrahams Werdegang als ikonoklastischer Zerstörer heidnischer Symbole, der ihn vom Sternenglauben in Chaldäa (Harran) über den poly-mono-theistischen Mischglauben Arabiens (Hanifen) schließlich zum Islam führten, in dem sich der Bau der Ka’ba anbot, da er Tempel in Mesopotamien und Syrien errichtet haben sollte. In diversen Abschnitten des Koran nimmt die Interpretation Abrahams Konturen an, deren Geschichte Muhammad mit der mehrdeutigen, im späteren Djihad eindeutigen Formel kennzeichnet, daß Abraham „nicht die Untergehenden liebt“. Das ergab sich aus einer Reihe im Knabenalter angestellter Beobachtungen, nämlich eines Sterns (evtl. des Sirius), des Mondes und der Sonne, die allesamt aufgingen, ihm als Beglaubigung des Allmächtigen erschienen („das ist mein Herr“), aber mit ihrem Untergang jeweilige Zweifel weckten und schließlich die Erkenntnis der wahren Religion d.h. des Islam auslösten. „Oh mein Volk, ich bin frei von eurem Götzendienst. Siehe, ich wende mein Angesicht zu dem Schöpfer des Himmels und der Erde“ (ebd.). Die „Hinwendung des Gesichts zum Schöpfer“ ist eine ebenso grundlegende Definition des Islam wie die „Unterwerfung unter den Willen Allahs“ (Nagel, Muhammad, 175f.). Sie bezeichnet die zentrale Funktion auf dem Weg Abrahams, den Muhammad als allen Religionen vorausliegende Genese des Islam konzipiert, deren Abraham-Ansprüche rigoros verwirft bzw. sie sogar – wie im Falle der jüdisch-christlichen Konkurrenz – zu simplen Fälschungen erklärt (s.u.). Und dies so gründlich, daß des Urvaters vorgeburtliche Gewandtheit dem Stifter expansive Kräfte verlieh, Seine Magie begleitet Muhammad von Mekka nach Medina und wandelt sich in dem Maße, in dem der Gesandte seine neue Lehre den Erfordernissen des altarabischen Umfelds anzupassen hatte. Schon die HWIAutoren verweisen auf die Historizität dieses Vorgangs, die den Forschungsstand vor einem Jahrhundert wiedergibt und sich heute im Detail erweitert, aber im Prinzip kaum verändert präsentiert. Danach stellt Muhammad in der mekkanischen Periode eine erste Konversion des Urvaters vom Sternenglauben der Sabäer (arab.: sabi’i = der „sich hinwendet“) in Harran zum Hanifen-Glauben fest (hanif = „der sich zur wahren Religion wendet“), einer diffusen Religionsform im alten Arabien, deren Synkretismus, dem Kirchenhistoriker Somozenos (gest. um 450) zufolge, auch jüdisc-hchristliche Elemente aufnahm. Weniger wahrscheinlich ist die Sabäer-Variante der Mandäer, einer jüdisch-christlichen Taufsekte in Irak und Syrien, die – z.B. durch ihre Reinheitsgebote – eine implizite Wirkung auf Muhammads Abgrenzungen gegen alles andere ausgeübt haben mag, vor allem gegen die Christen, die er wegen ihres trinitarischen Glaubens „Beigeseller“ nannte (s.u.). Tilman Nagel führt anhand von Quellen des frühen Islam aus, wie Muhammad, dem die Gegner Neigungen zum Sabäertum nachsagten, sich in einer plötzlichen Kehre dem Hanifentum zuwandte, dies allerdings nicht einfach übernahm. Er fügte eine strenge Ritenerfüllung als unverzichtbaren Beweis des neuen Glaubens hinzu, der seine kleine Gefolgschaft so unverwechselbar wie spotterregend vom lärmenden Pilger-, Händler- und Bordell-Betrieb um die Ka’ba abschottete. Nach der Machtübernahme in Mekka war es mit der Prüderie freilich vorbei. Sorgen der Gläubigen, die sich über die Sakrilegien am Heiligtum entsetzten, wiegelte der liberale Verkünder ab: „Beende deinen Wallfahrtsstatus (ihram) und koitiere mit den Frauen!“ (A. Gribetz, Strange Bedfellows, 32). Gleichwohl blieb eine Unsicherheit, die sich aus einer der seltenen Differenzen zwischen Muhammad-Tradition und Koran ergibt, der – ohne nennenswerte Wirkung – „Beischlaf, Unrecht und Streit“ während der Wallfahrt verbietet (2/198). Also wandelte sich Abrahams Gottesbild vom „Höchsten Herrn“ der Sabäer über den Eingott der Hanifen zum Weltschöpfer Allah, dem das Leben der Muslime „näher als die Halsschlagader“ (50/16) dient – eine nominell allmächtige Gottheit, die aber von einer so strikten Gehorsams-Schuld abhängt, daß die Gläubigen sie sozusagen – zumindest aus Systemsicht – selbst erschaffen (Nagel, Muhammad, 112ff.). Zur Stütze dessen heißt es weiter: „‚Vielmehr der Gemeinhaft Abrahams (gilt es beizutreten), der ein Hanif war, nicht einer von den Beigesellern‘ (2/135)). Denn‚ wer hat eine bessere Glaubenspraxis als jemand, der das Gesicht ganz zu Allah wendet und dabei gut handelt und der Gemeinschaft Abrahams folgt, der ein Hanif war“ (2/124)“ (ebd., 174). Die Rückdatierung des Islam auf Abraham ließ Judentum und Christentum als illegitime Nachbildungen und den Urvater als jemanden erscheinen, der „weder Jude noch Christ“ (3/67) sondern eben Urheber war – erster Hanif und erster Muslim! Dies um so mehr, als der Unmut des Verkünders sich ohnehin gegen die Juden wegen der Speisegesetze, gegen die Christen wegen ihres Mönchtums richtete. Das hat grundsätzliche Folgen: „Indem sich Mohammed das Hanifentum und die Gestalt Abrahams nutzbar macht, fordert er die überkommene Ordnung seiner Heimatstadt heraus. … Die Inbesitznahme der Kaaba, nach Lage der Dinge nur mit Waffengewalt zu erreichen, wird zum religiös untermauerten Daseinsgrund der vorerst im Exil agierenden Gemeinschaft der Erben Abrahams“ (ebd., 173). Hier wirken die sich in Medina wandelnden Aussagen des Koran, die den Übergang vom heidnischen Sternenglauben zum reinen Islam, vom entrückten „Höchsten Herrn“ zum pulsierenden Dauerschöpfer Allah markieren. Da sich das Ganze in Abraham inkarniert, kann Muhammad mit dessen Autorität von drei Jahrtausenden in Konkurrenz zu den „Beigesellern“ treten und mit größerer Glaubwürdigkeit als die Idole Mekkas die Ka’ba neu errichten, die heidnischen Gottheiten beseitigen und den Sohn Ismael, Erzfeind der Juden (Ps. 86), zum Erzvater der Araber erheben lassen. Dies um so mehr, als die arabischen Wüstengeister Struktur-Parallelen der Magie mit den Geistern der Sabäer-Gnosis aufweisen, die den Gläubigen vor der kosmisch-abstrakten Gottheit halfen, um eine gute Lebensbilanz zu bitten, im Hanifentum nicht gänzlich verschwunden waren und in den lokalen Djinnen verschmolzen, die seither unverzichtbaren Teil des Islam bilden (vgl. Raddatz, Allahs Schleier, 96f.). „Daher sind sie unsere Herren und Götter, unsere Helfer und Fürbitter, bei (dem höchsten) Gott, der der Herr der Herren und der Gott der Götter ist. Infolge dessen obliegt es uns, unsere Seelen vom Schmutz der Begierden unserer Natur zu befreien … Dies geschieht durch Gebete, Läuterungsgaben, Fasten, Opfer, aber auch durch magische Praktiken“ (173f.). Indem sich der Sabäer-Hanifen-Übergang mit dem Mekka-Medina-Wechsel deckt, erscheint die Hidjra weniger als Flucht, sondern als religionspolitische Zäsur, ein Kontext, dem der Abraham-Artikel der Zweiten Edition der Encyclopaedia of Islam (R. Paret – 1979) wenig Neues hinzugefügt hat. Gleichwohl steigerte der wachsende Einfluß Muhammads in der Region die Einkünfte aus Beutezügen, die man als Gunstbeweis Allahs im Kampf gegen die Ungläubigen und Beigeseller sah. Dagegen hatten die Juden, deren Religion Muhammad in Mekka viele brauchbare Hinweise entnahm, in Medina sein Unwissen kritisiert, sein Ansehen und Konzept beschädigt und eine Änderung der Strategie erzwungen: „Ihr Leute der Ka’ba, Allah will von euch den Schmutz nehmen und euch durch und durch reinigen“ (33/33) – eine Aussage, die die Gewaltneigung gegen Juden und Christen verstärkte. Das hatte Konsequenzen, die den welthistorischen Djihad als Lebensmitte des Islam fundierten: „Reinheit und Unreinheit wandelten sich in Antonyme, mit denen man die Grenze zwischen Dazugehörigkeit und Andersheit beschreiben kann ... Die ‚Gläubigen‘ sowie die Juden, Christen, Zoroastrier und ‚diejenigen, die beigesellen‘, werden durch Allah im Gericht geschieden (Sure 22/17)“ (ebd., 175) – eine Regel, die indes nur bei Zahlung einer Kopfsteuer (djizya) gilt, ansonsten die „Gläubigen“ Allahs Urteil an den Beigesellern schon auf Erden vollstrecken (9/29) und sein Gebiet im letzten Jahrtausend von ihrem „Schmutz“ in der Tat weitgehend gereinigt haben.

3. Die Kirche im Abraham-Strudel
Vor diesem Hintergrund mag verständlich werden, daß die Abrahamisten unserer Tage der religionsgründenden Magie ihres Idols erliegen und sich dem Vorwurf der Beigesellung entziehen, was ihren „Heilswillen“ logischerweise gegen alles richten muß, was im Islam als unrein gilt. Dies erhält weitere Stützen vom interreligiösen Friedensdiktat, dessen Heilswille den Djihad als „Anstrengung im Glauben“ verordnet und auch von Abraham, dem obwohl Herr der Völker und Sprachen, die Freudenbotschaft des totalen Friedens (Sure 11) die Sprache verschlug und nur noch ein Wort zu Gebote stand: „Friede!“ Das setzt sich in der nach ihm benannten Sure 14 fort, in der unentwegt von Rechtglaube und Götzendienst, Lohn und Strafe die Rede ist, bevor der IslamPatriarch und Erbauer der Ka’ba eine im Grunde überflüssige Bitte vorträgt: Mein Herr, mache diese Stadt zur Stätte des Friedens und bewahre mich und meine Kinder davor, die Götzen anzubeten …“ (36). Während dies für Juden weniger in Frage kam, ist gut belegt, daß die Christen auch zu den Kultstätten der spätantiken Araber pilgerten, denen deren Heiligkeit wichtiger als eine institutionelle Religion war. Die Abwehr derselben stellte sich dann allerdings mit dem radikal-profanen Reinheitsprinzip des islamischen Ritenvollzugs ein, das die jüdisch-christliche Dekalog-Ethik, speziell das Evangelium mit Jesus und Maria, als unannehmbare Beigesellung ausgrenzte. Indem der Konzilstext Nostra Aetate dagegen behauptet, daß letztere Verehrungs- bzw. Frömmigkeitsziele der Muslime darstellen, sieht sich die Kirche in der Selbstverpflichtung gehalten, sie „mit Hochachtung zu betrachten“. Dies setzte sich gemäß der Kausalkehre so konsequent fort, daß ab 2016 bekanntlich kein Unterschied mehr zwischen Gott, Mission und Bibel bzw. Allah, Djihad und Koran erkennbar sein sollte. Als Begründung bleibt neben der machtüblichen Täuschung der Gläubigen die moderne Denkverkürzung, die wie oben skizziert alle, somit auch die Verantwortlichen erfaßt, bei denen sich inzwischen eine Scheu einschleicht, vor Muslimen das Kreuz zu tragen. Offenbar ist Muhammads Charisma, das die Geburt des Islam in die „abrahamische“ Vorzeit verlegte, stark genug, sowohl den Anspruch der jüdischen Väterreligion als auch den Opfertod des Kirchenstifters zu unterlaufen. Solches aktiviert Kuschels Toleranzsinn dergestalt, daß er den Juden abspricht, was er Muhammad zuerkennt, nämlich durch Abrahams Magie „auserwählt“ zu sein, allerdings dort „durchsichtige religionspolitische Absichten“ feststellt, die er bei Muhammad nicht ausmacht (Streit um Abraham, 63f.). Die globale, interreligiös drapierte Kultur-Propaganda sieht die Kirche der Gegenwart trotz (bzw. wegen) aller Anpassung weiter im Status der Kreuzzugsund Inquisitionsmentalität, weil ihre Autorität ein Drittel der westlichen Welt beeinflußt und mit Schuld beladen von speziellem Nutzen ist. Der ließ sich schon seit längerem mit dem Johannes-Evangelium verstärken, wo aus Jesu Selbsteinordnung „Vor Abraham bin ich“ (8, 57f.) ein radikaler Abraham-Anspruch der Christen konstruiert und die „Entwirklichung bzw. Enterbung Israels“ mit allen Folgen des Judenhasses verwirklicht worden sein soll (ebd., 153). Abgesehen davon, daß wir uns nicht in theologische Wertungen einmischen, wiederholt sich hier die Kuschel-Methode, die auch den Christen nicht einräumt, was Muhammad zusteht, und dessen „Heilswillen“ folgt, beide Religionen als „Buchverfälscher“ auszugrenzen, wobei auf diese Weise ein islamischer Judenhaß unter den Tisch fällt. So wurde neben vielem anderen Muhammads Verwirrung über die theologische Position des Gottmenschen und seiner jungfräulichen Mutter zum wesentlichen Impuls für die Einstufung der Christen als „Beigeseller“ und in der heutigen Umkehrlogik sinnstiftend für den „Frieden“ zwischen Djihad und dekadenter Toleranz: „Jesus, Sohn der Maria! Hast du zu den Leuten gesagt, ‚Nehmt euch außer Gott mich und meine Mutter zu Göttern‘?“ (5/116). Die dogmatische Machtstruktur der Kirche erschwerte zwar eine stärkere politische Würdigung des Jesus-Ereignisses, beendete aber die Kreuzzüge und gab mit den scholastischen Universalia der Philosophie und Ethik in Europa wichtige, im aufklärerischen Kulturkampf wenig beachtete Impulse. Hier füllte Benedikts XVI. Zitat des Ostrom-Kaisers Manuel II. in seiner Regensburger Rede von 2007 eine alte interreligiöse Lücke: „Zeig mir doch, was Muhammad Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden“. Obwohl (bzw. weil) die Byzantiner zu dem Zeitpunkt (1391) über 700 Jahre Kriegserfahrung mit Muslimen hinter sich und Manuel eine neuerliche, fünfjährige Belagerung der Osmanen vor sich hatte, bestätigte der Entrüstungschor der Muslime und der „christlichen“ Propaganda-Kader, daß Gewalt nicht verhandelbar und das obige KCID-Motto von großer Weisheit ist: „Der Mensch ist Feind dessen, was er nicht kennt“. Während deutsche, sonst kirchenkritische Printmedien überraschend besonnen kommentierten, sind sich katholische Kulturaktivisten im Verlauf immer einiger geworden, daß Benedikts historischer Rücktritt ein Glücksfall war, der dem Nachfolger ermöglichte, seinen „fatalen Scherbenhaufen mit diplomatischen Mitteln aufzuräumen“.

4. Der intolerante Abraham des Islam
Hier kommen wir einem zweiten Aspekt des Muhammad-Intellekts näher, der von ähnlichem Kaliber wie der Coup mit Abrahams Patriarchen-Kompetenz erscheint, aber nun die Methode des Elitenprivilegs betrifft. Sie besteht immer, wohlgemerkt immer darin, die Masse früher oder später mit Mitteln des Numinosen zu täuschen und die eigenen Ziele als perfide Eigenschaften auf Widerstände bzw. Konkurrenten zu projizieren – jene Asymmetrie von Macht und Vermögen, die als anthropologische Konstante die Geschichte prägt, indem sie unveränderbar Macht erlangt, erhält und – verliert. Zwar hat es in kaum einer Kultur so viele und dabei blutige Machtwechsel gegeben wie in der Geschichte des Islam, doch blieb dort die Macht selbst erhalten, weil sie auf dem Gesetz der Scharia beruht, das vom Machthaber durchzusetzen ist, ansonsten er entfernt werden muß. Nun findet sich auf dem Weg Muhammads zum Stifter der „Abraham-Religion“ eine Fülle zugehöriger Aussagen, die T. Nagel in einer detaillierten Analyse des Koran (1991) zusammengestellt hat. Als Zwischenfazit lohnt sich ein Zitat der Schlußfolgerungen, weil sie ein wissenschaftliches Antidot zur ideologischen Abrahamisierung des „Trialogs“ darstellen. Inzwischen seit drei Jahrzehnten verfügbar, machen sie darüber hinaus die wesentlichen Unterschiede deutlich, die die Kulturwende zwischen der herkömmlichen als „repressiv“ verurteilten Wissenschaft und der Toleranzideologie der „progressiven“ Neokultur erzeugt, zu der es „keine Alternative“ geben soll. Es läßt sich zeigen, daß Muhammads Abraham-Methode der Alternativlosigkeit der modernen Gegendynamik so wichtige Impulse des „Heilswillens“ gibt, daß sich K.J. Kuschels „Streit um Abraham“ als nützliches Palliativ erweist, weil der „Streit“ a priori zugunsten des Islam ausgeht und mit Initiativen des „Dialogs“ nach Art der KCID entsprechend abgesichert wird. Der Titel ist ähnlich gut gewählt wie die Begriffe des „Dialogs“ und der „Toleranz“, die die Öffentlichkeit glauben machen, daß die Muslime damit die gleiche Offenheit und Akzeptanz verbinden, mit der die Zivilisation Europas – nicht zuletzt mit dem christlichen Menschenbild – zum Kultur-Unikat wurde. Darin ist indes keine tolerante Reziprozität seitens der Muslime vorgesehen, so daß Kritik und Widerstand als „Verletzung der Religionsfreiheit“ oder „Volksverhetzung“ gelten, wenn nicht gar zu „Rassismus“ und „Islamophobie“ geraten. Denn die Global-Ideologie der Moderne muß die kulturfeindlichen Bedingungen der islamischen Existenz (fitra) mit diesen Kampfbegriffen schützen, weil sie unter dem Mänteln der „Demokratie“ und des „Freihandels“ die eigenen radikalen Expansionsinteressen verbirgt (NO 3/20). Um so deutlicher kommt der Dekonstruktivismus zum Zuge (s.o.), der nach Kant und Hegel-Art den Menschen suggeriert, aufgrund täuschbarer Wahrnehmung die Welt wie sie ist nicht erkennen zu können und der Eliten zu bedürfen, die sie „aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ herausführen. Darin spiegelt sich natürlich die unveränderbare Asymmetrie der Macht zwischen wenigen Führern und vielen Geführten, die Muhammad mit der gewaltgeladenen Dominanz des Islam über alle Religionen und Kulturen auf die ultimative Ebene zwischen Transzendenz und Immanenz übertragen hat. „Die Hinwendung des Gottsuchers Abraham zu seinem Schöpfer – Abrahams ‚Islam‘ – ist ein Akt, der noch vor jeder im Verlauf der Geschichte bis in die Zeit Muhammads überlieferten Religiosität liegt. Abrahams Islam war sowohl zeitlich als auch inhaltlich vor dem Judentum und Christentum, welche historisch gewachsene Sonderformen jener umfassenden Urreligion darstellen – Sonderformen, daß bedeutet weiter, daß Juden und Christen nicht mehr über die ursprüngliche Reinheit und Fülle des Glaubens und göttlichen Gesetzes verfügen. Allein unter den vom Koran aufgezählten Nachkommen Abrahams bleiben Glaube und Gesetz frei von den Ablagerungen der Zeitläufe erhalten, um dann wieder getreu einer vom Koran angenommenen Verheißung in den inspirierten Worten des schriftunkundigen Propheten Muhammad hervorzubrechen“. „Welch eine Anmaßung von Seiten der Schriftbesitzer, ihn nicht anzuerkennen! In frevelhafter Weise verharren sie in ihrem Dünkel gegenüber allen Schriftunkundigen, die sie … sogar in Angelegenheiten des täglichen Lebens nicht ganz für voll nahmen (3/75ff.). Nun ist gerade unter diesen Menschen, die bislang ohne Offenbarung geblieben waren, der Prophet erstanden, der sich in der unmittelbaren Nachfolge Abrahams weiß“. „Die Schriftbesitzer haben kein Recht, mit Muhammad über die Gestalt Abrahams zu streiten, wie sie vorher über die anderen alttestamentlichen Figuren und deren Darstellung im Koran mit dem Propheten gestritten haben (4/66f.) … Aus der Universalität der abrahamischen Hinwendung zu Gott leitet Muhammad einen absoluten Geltungsanspruch ab, den er gegenüber Judentum und Christentum, fehlerhaften Weiterentwicklungen der Urreligion, verficht …“ (Der Koran, 141f. – Kursivierung v. Verf.). Der zentrale Aspekt besteht im angeblichen Bau der Ka’ba, deren Präsenz die neue Religion als immer schon in der Geschichte angelegt, durch Abraham „zur Welt gebracht“ und durch Muhammad als Allahs ultimativen Propheten offenbart erscheinen ließ. Der konnte nicht die Geschichte, vielleicht aber die Religionsgeschichte beenden, bekanntlich das Ziel der aufklärerischen Weltreligion, die mit dem Zweiten Konzil eine hohe Hürde genommen und den Verkünder des Islam wohlweislich von den Reformen verschont hat. Denn „neben der Unmittelbarkeit der Gotteserfahrung bildet der Gedanke vom allumfassenden, reinen Charakter einer aufs neue verkündeten abrahamischen Religion das zweite Element des universalen Geltungsanspruche des Propheten … Aus dem Bereich einer rein theoretischen Behauptung tritt Muhammads Forderung an seine Landsleute, seine Offenbarung als die alleingültige Religion anzuerkennen, damit in einen Bereich greifbarer Erfahrung. Denn die an jenem Heiligtum vollzogenen Riten waren in der Gesellschaft des alten Arabiens von größter politischer, wirtschaftlicher und religiöser Bedeutung“ (ebd., 142). Gerade deshalb mußte Muhammad – neben den Djinnen – Zugeständnisse an die Beibehaltung alter „heidnischer“ Riten machen, z.B. mit der Umkreisung der Ka‘ba (tawaf) und der Steinigung des Teufels (rami al-djamarat), um die Annahme des neuen Glaubens zu fördern. Noch deutlichere Flexibilität übte er gegenüber den Quraysh, der Sippe der abgelösten Kultverwaltung, zu der er selbst gehörte. Zum Ärger seiner Anhänger verbot er ihre Plünderung und Vergewaltigung, die Gewohnheit der altarabischen Razzien waren, seither auch den historischen Djihad prägten und heute als alltägliche Kollateralfolgen der „Immigration“ zu tolerieren sind. Hier kommt mit zunehmender Schärfe die alte Asymmetrie zwischen Macht und Masse zum Vorschein, die sich im Kostüm der „abraham(it)ischen Religionen“ ein universales Instrument der Denk- und Verhaltenskontrolle aneignet. Während die interkulturelle Toleranz und Religionsfreiheit das Recht auf eigene Religions- und Kultur-Traditionen als „islamophob“, aktuell bereits als „rassistisch“ ausgrenzt, kann Abraham als ultimative Friedensfigur das Denken lähmen und einen neuen Religions-Gehorsam erzwingen, den er schon erfolgreich in der Genese das Koran erzwungen hat – eine Qualität, die Muhammads Buch die retroaktive, aber in der Umkehrlogik nachvollziehbare Einstufung als „europäisches Vermächtnis“ eintrug (A. Neuwirth).

5. Der Abraham der Hochreligion
Wichtige Anhaltspunkte dazu bietet wiederum K.J. Kuschels „Streit“, ein über weite Strecken sachlich überzeugendes und flüssig formuliertes Buch, das aber aus (alt)wissenschaftlicher Sicht enttäuscht, weil es sich der Interkultur beugt und die Konversions-Magie Abrahams in Muhammads Koran ohne Abstriche positiv einstuft während es sie auf die jüdisch-christlichen „Religions-Fälscher“ negativ anwendet (s.o.). Die selektive Methode folgt Muhammads ebenso selektivem Korandesign, das sich am religionsphilosophischen Potential seiner Zeit bedient. Einen wichtigen Hinweis darauf, wie tief die Abraham-Gestalt in die Geistesgeschichte eingreift, und welchen Einfluß sie auf Muhammads Koran ausübt, geben die unterschiedlichen Akzente, die Kuschel und Nagel bei der Interpretation des Philo von Alexandria (gest. 40 oder 42) setzen. Er war der erste, der den biblischen Logos mit der Vernunft der Philosophie, Judentum mit Hellenismus verband und auf dieser Basis ein Buch über Abraham verfaßte. Darin wird eine Gestalt entworfen, in der ein Prinzip den Menschen übersteigt, das Prinzip eines Gottesglaubens, der über alle Religionen und Völker hinaus der Menschheit und dem einzelnen Menschen das Bewußtsein von Gott als Schöpfer und Erhalter der Welt einpflanzt, die auch ihn selbst enthält und erhält. Indem Gott die Aspekte der gebenden Gnade (theos) sowie nehmenden und strafenden Herrschaft (kyrios) umfaßt, sind dem Menschen die Grundlagen des Geistes (logos) und Gesetzes (nomos), Transzendenz und Immanenz, unverlierbar zu eigen, wobei diese Parallelität die Möglichkeit der persönlichen Gottesverbindung anstrebt. Wie Kuschel und Nagel mit diesem Sachverhalt umgehen, könnte unterschiedlicher kaum sein, kennzeichnet die Abhängigkeit des Ersteren von der Interkultur-Ideologie und somit vor allem auch die Art und Weise, wie sich das „lebende Gesetz“ Abraham (Philo) auf Muhammad und seine Wahrnehmung der Religionen auswirkt. Dabei hebt Kuschel vier Akzente des Philo-Bildes von Abraham hervor, die die Logos-Nomos-Verbindung kaum diskutieren und im Grunde verfehlen: 1. Fremdheit des „verlassenen Auswanderers“, 2. Modell des wahren Glaubens, 3. Urmodell der Versöhnung von Vernunft und Offenbarung, 4. Urmodell des Konvertiten. Um so leichter wird erkennbar, daß das Konvolut den Zweck verfolgt, das Denken dem Toleranzdogma, vor allem der islamozentrischen Art, anzupassen, während sich Nagel schwerer tut, weil Philos Anspruch weiter geht. Er betont die Trennung zwischen göttlicher Weltpräsenz und menschlicher Teilnahme, die Paulus im Römerbrief mit der Erlösungstat Jesu behebt. Der Gottmensch kann „Sohn“ des „lebenden Gesetzes“ Abraham sein, indem er antritt, das Gesetz der Juden zu erfüllen und den christlichen „Stachel“ schafft, dessen Logos den Nomos der Mächtigen herausfordert. Justin der Märtyrer (gest. 165) projiziert dies auf das neue Christentum, indem alle Menschen, die diese Verbindung verinnerlichten, sozusagen anonyme Christen seien, die wie Sokrates und Heraklit das Naturrecht in sich trugen. Das traf speziell auf Abraham zu, der noch „unter Barbaren“, d.h. vor dem Gesetz des Moses lebte (Nagel, Muhammad, 125). An diesen grundlegenden Vorarbeiten konnte Muhammad sich nun bedienen, allerdings in einer Weise, die wie Nagel an diversen Beispielen verifiziert, den Islam zum Gegenentwurf des Juden- und Christentums prädestiniert. Wo Allah „näher als die Halsschlagader“ ist, kann es keinen Nomos geben, der den Geist des Menschen an göttlicher Präsenz teilhaben läßt, sondern nur das eine „reine“ Gesetz, das ihn in die weltweite Moschee-Maschine des täglichen Mehrfachgebets und ein Korsett zahlloser Denk- und Verhaltensregeln zwingt. Der Weg dorthin ergab sich aus Muhammads Selektion passender Machtmittel. „Ob das allumfassende Prinzip, das Philo postuliert hatte, auch das Böse verantwortete, war anscheinend offen. In Mohammeds Verkündigung dagegen wird letzteres zweifelsfrei bekräftigt. In den Schriftstücken Moses‘ und Abrahams ist alles festgelegt und der Mensch, dessen Handeln Allah bestimmt, wird am Ende genau sehen, worauf dieses von Allah bestimmte Handeln hinausgelaufen ist. So sind denn Allahs Strafen – wie alles, was von ihm ausgeht – unbestreitbare ‚Wohltaten‘. … Von einem Gesetz, das dem Menschen die Möglichkeit des Überwindens dessen, was gegeben ist und nach islamischer Sicht von Allah fortwährend gegeben wird, zugesteht, ist im Koran nirgends die Rede“ (ebd., 129). In einer Anmerkung dazu gebührt es dem Verstand, „die Unfähigkeit zu eigener Erkenntnis zu begreifen und daher die bedingungslose Unterwerfung unter das zu gewährleisten, was als Allahs Wort und Wille verkündet wird“ (757 A. 133). Die frappierende Nähe zu Kants Denk-Beschneidung kraft dessen „Imperativs“ betont die Zeitlosigkeit der Machtmuster und legitimiert Schopenhauers noch einschneidendere Kritik, die auch die Kausalkehre im Toleranzbefehl offenlegt. Er gehört zu den wenigen Philosophen, die es wagten, die Phalanx der staatlich alimentierten Kathederlakaien sowohl intellektuell als auch moralisch zu demontieren, wobei er bevorzugt Kant und Hegel anvisiert, deren Systeme dem Mißbrauch von Macht und Moral Vorschub leisten. Schopenhauer beginnt mit dem Kategorischen Imperativ als oberstem Mißbrauchsinstrument, als „Maxime selbst, von der ich wollen kann, daß nach ihr alle handelten. … Mein Wollen können ist die Angel, um welche sich die gegebene Weisung dreht. Aber was kann ich denn eigentlich wollen und was nicht? … Wo ist nun dieses Regulativ zu suchen?“ (Über die Grundlage der Moral, Kleinere Schriften II, 195 – 1977). Der Aufmüpfige findet es im Elitenprivileg des Machtmodus. Er hängt ihm mit einem eigenen „Egoismus“ ein Feigenblatt um, läßt aber keinen Zweifel am Urheber der Amoral, der „ursprünglichen und lebendigen Norm aller Willensakte, die vor jedem Moralprinzip wenigstens das Recht der ersten Besitzergreifung (ius primae occupantis) voraus hat“ (ebd.). Damit tritt Kants „Moral“ als Kommando zutage, das sie als zweckhaften Nutzen ohne Reziprozität betreibt. Denn danach ist die Maxime als gleichzeitiges Willensgesetz „die einzige Bedingung, unter der ein Wille niemals mit sich selbst in Widerstreit geraten kann“ (ebd., 196f.). Hier wirkt das elitäre Privileg, „keinen Zwang im Glauben“ (Koran 2/256) mit dem Zwang Allahs zu „bedingungsloser Unterwerfung“ zu verbinden (s.o.) – eine machtlogische Folge, die sich auch in Hegels Freiheit als „Einsicht in die Notwendigkeit“ findet. Nach ausgiebiger Begründung ist für den Willensphilosophen „vollkommen klar“, daß der Imperativ kein Moral- sondern Zweck-Gesetz ist. Entscheidend wird die Frage, was eigentlich passiert, wenn der Handelnde, für den das „Gesetz“ gemacht ist, zum Betroffenen, bei ihm zum „Leidenden“ gerät, wenn die „moralische“ Bedingung ein Gesetz für das Leiden wird „und ich unter dieser Bedingung als der eventualiter passive Theil, Ungerechtigkeit und Lieblosigkeit nicht wollen kann“. Hebe ich aber diese Bedingung auf und denke mich, etwa im Vertrauen auf meine überlegenen Geistes- und Leibeskräfte, stets nur als den aktiven und nie als den passiven Theil bei der zu erwählenden … Maxime; so kann ich, vorausgesetzt, daß es kein anderes Fundament der Moral als das Kantische gebe, sehr wohl Ungerechtigkeit und Lieblosigkeit als allgemeine Maxime wollen und demnach die Welt regeln“ (198 – Kursiv. v. Verf.). Zudem bittet der Autor „zu bedenken, daß die Maxime der Ungerechtigkeit, das Herrschen der Gewalt statt des Rechts, welches demnach als Naturgesetz nur zu denken unmöglich seyn soll, eigentlich das wirklich und faktisch in der Natur herrschende Gesetz ist, nicht etwa nur in der Thierwelt, sondern auch in der Menschenwelt; seinen nachtheiligen Folgen hat man bei den civilisirten Völkern durch die Staatseinrichtung vorzubeugen gesucht. Sobald aber diese, wo und wie es sei, aufgehoben oder eludirt (umgangen) wird, tritt jenes Naturgesetz gleich wieder ein“ (199). Damit ist sowohl der Machtmodus als „Naturgesetz“ als auch das mit Abraham zementierte Naturrecht des Islam bestätigt, deren Allianz die neokulturelle Globaltriade revolutionärer Umwälzung – Weltordnung, Weltreligion, Weltgesellschaft – antreibt. Dabei strebt sie mit interkultureller Toleranz und liberalem Freihandel genau die Bedingung an, die die altkulturelle Zivilisation beendet: die Auflösung des Staates. Vor diesem Hintergrund erlangt die Abrahamistik besondere Relevanz, weil sie nicht auf Religionen beschränkt ist, sondern mit genereller Wandlungskraft auch den „Götzendienst“ in anderen Ordnungssystemen der politsozialen Art, vorliegend z.B. die Demokratie zugunsten der Diktatur, beseitigen kann. Dies um so mehr, als keine der „abraham(it)ischen Religionen“ jemals auf den Anspruch verzichtet hat, Einfluß auf die Masse zu nehmen, dessen einstige Ethik im globalen Wandel nun zugunsten zweckgerichteter Nützlichkeit verschwindet. Die wenigen Beispiele aus der Bibel-Koran-Diskussion können genügen, weil sie für Kuschels „Streit“-Qualität repräsentativ sind, zumal auch umfassende Bezugnahmen auf die Klischees des „Dia“- bzw. „Trialogs“ die Linientreue des Autors belegen. Hier sind alle Wortmünzen versammelt, die seit den 1970er Jahren im Umlauf, den Kritikern als Falschgeld erschienen und vom Tempo des Strukturwandels so abgegriffen wurden, daß man sie im eigenen Interesse aus dem Verkehr ziehen sollte. Dazu zählen unter anderen die Bezüge auf diverse „Welt“-Parlamente, - Konferenzen und sonstigen „Welt“-Symposien, vor allem freilich auf den „Weltethos“ des Kuschel-Lehrers Küng, über den die Dynamik der Zeit längst hinweggegangen ist. Nicht nur deswegen würde dem Buch ein „Text-Lifting“ zu Gesicht stehen, sondern auch im Hinblick auf strapazierte Floskeln wie die „Goldene Regel“ oder die „Zwanglosigkeit“ im Islam, die ohnehin erst durch Abraham zu erkünstelter Glaubwürdigkeit kommt. Gleiches gilt umgekehrt für die Noachitischen Regeln, die mit dem Verbot von Götzendienst, Mord, Unzucht, Blasphemie, Raub und Tierquälerei sowie dem Gebot von Gerichtshöfen, die Kuschel zufolge die „Dialogfähigkeit der Juden“ absichern und zugleich für Christen und Muslime zustimmungsfähig sein sollen, „wenn sie die Gebote Noahs einhalten“ (225). Derlei Chimären sind im intellektuell anspruchslosen Kultur-Geschäft Legion, weil die Akteure nicht zur Verantwortung gezogen werden und unser Autor speziell nicht die geringste Ahnung von der Praxis im muslimischen Selbstverständnis, geschweige denn von der formativen Kraft der Muhammad-Tradition hat. Ihm käme daher zugute, wenn er daraufhin die kenntnisreichen Werke T. Nagels konsultierte, statt ihn nur in zwei für das Thema bedeutungslosen Punkten zu zitieren (177, 184). Dem in dieser Hinsicht wissensfreien „Dialog“ bzw. „Trialog“, bald vielleicht auch „Quatrolog“, ist eine Nachschulung zu empfehlen, sowohl um die „demokratische“ Volkspädagogik als auch in der Islamisierung die kommende Konversion abzustützen. Deren Glaubensstärke muß freilich von abraham(it)ischer Qualität sein, wenn Allahs Huld nicht entzogen werden soll. Gleichwohl (bzw. deshalb) kann der Verfasser dieses Beitrags dem „Streit“- Buch brauchbare Ansätze für die Systemanalyse bescheinigen, die sich wesentlich auch der „Abrahamischen Ökumene“ (Teil B) entnehmen lassen. Dabei sollen religiöse Traditionen „unverrückbare Weisungen“ produzieren, die die ultimative Harmonie auf vier, mit Blick auf den Islam indessen realsatirischen Schienen erreichen können: Gewaltlosigkeit, Solidarität, Toleranz, Gleichberechtigung (222). Der systemanalytische Gewinn fußt teils auf stereotypen Zitaten aus der „Dialog“-Gebetsmühle, teils auf des Autors Fähigkeit zur theologischen Abstraktion. Die Diskrepanz zeigt nur die Dienstfertigkeit zwischen Opportunismus und Reflex, die mit Fabrikationen religiöser Gemeinsamkeiten zu einer „Anstrengung im Glauben“ gerät, wie die Kultur-Aktivisten den Djihad nennen. Demgemäß kommt nicht der „Streit um Abraham“, wohl aber die Systemanalyse zu dem Fazit, daß es keinen Streit (ohne Blutvergießen) gibt, weil es den Abraham des Islam gibt. Um ihn und seine Islamizität hat sich Kuschel verdient gemacht, weil er ihn exklusiv für Muhammad reserviert und aus Sicht der Muslime die Überlegenheit ihrer „Religion“ unterstreicht.

Dr. Hans-Peter Raddatz, Orientalist und Finanzanalytiker, ist Autor zahlreicher Bücher über die moderne Gesellschaft, die Funktionen der Globalisierung und den Dialog mit dem Islam

Die Neue Ordnung ist eine seit 1946 erscheinende christliche Zeitschrift mit sechs Ausgaben pro Jahr. Chefredakteur ist der römisch-katholische Sozialethiker und Dominikaner Wolfgang Ockenfels und Herausgeber das Institut für Gesellschaftswissenschaften Walberberg, dessen Vorsitzender er ist.
Die auf diesem Blog wieder gegebenen Beiträge des Autors finden Sie unter dem Schlagwort „Hans-Peter Raddatz“
Simon Tolon
Ein ganz hervorragender Beitrag! Danke dafür.