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Fronleichnam anno 1961

Copertino
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Zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen gehört das Aufstellen unseres Prozessionsaltars am Fronleichnamstag. Schon am Vorabend des "Lieberherrgottstags", wie das Fronleichnamsfest in unserer …More
Zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen gehört das Aufstellen unseres Prozessionsaltars am Fronleichnamstag. Schon am Vorabend des "Lieberherrgottstags", wie das Fronleichnamsfest in unserer Gegend benannt wurde, brachten uns die Nachbarinnen Schnittblumen aus ihren Gärten, die über Nacht in grossen Waschzubern feucht gehalten wurden, um dann am Morgen damit unseren Altar zu schmücken. Den mobilen Altar hatte Grossvater in den frühen 1930er Jahren selber angefertigt. Als junger Schreiner hatte er sich im Atelier Klemm in Colmar in der seltenen Kunst des Konstruierens von Kirchenmobiliar weiterbilden lassen. Noch immer gibt es einige Zeichnungen mit Grossvaters Entwürfen, quer durch alle Kunststile und mit kompliziertestem gotischen Masswerk. Eine Tante weiss noch, dass Grossvater bei seinem Einsatz in Colmar mitgeholfen habe, den weltberühmten Isenheimer Altar von Matthias Grünewald zu restaurieren.

Nach dem Neubau unserer Dorfkirche im Jahre 1933 konstruierte Grossvater dann für die aus dem Vorgängerbau übernommene Kanzel einen passenden geschwungenen Treppenaufgang. Er wurde dann später bei einer Innenrenovation der Kirche zu Kleinholz verarbeitet, weil Kanzelpredigten nicht mehr mit dem Selbstverständnis der nachkonziliaren "Vorsteher" zur Deckung gebracht werden konnten. Dass damit ausgerechnet jenes Symbol eliminiert wurde, welches Katholiken mit reformierten Kanzelpredigern verbindet, wäre eine andere Geschichte. Jedenfalls zimmerte Grossvater auch zwei identische Fronleichnamsaltäre im neuromanischen Stil; einen davon für unsere Gemeinde und einen weiteren für eine andere Gemeinde.

Jahr für Jahr stand unsere Familie am Fronleichnamstag in aller Herrgottsfrühe auf. Zuerst wurden die aus dem Keller geholten Teile des Sockels und des Altarunterbaus miteinander verschraubt. Dann setzte man das mit rotem Samt überzogene Antependium ein, versehen mit vergoldeten Lettern, die den Spruch bildeten: "Sieh dein König - Venite adoremus". Schliesslich befestigte Vater das rückwärtige Retabel, auf dessen Schauseite eine Hostie im Strahlenkranz über einem Wolkenband prangte. Zu beiden Seiten wurden junge Buchen angebracht. Zu guter Letzt holte man aus der Stube die über Generationen hin wohl hundertmal geflickte Herz-Jesu-Statue und postierte sie auf das kleine Podest in der Mitte des Altars, und mit Kerzen zu beiden Seiten. Erst kurz vor dem Eintreffen der Prozession steckte man dann die Lichter an, damit sie nicht etwa ein Windstoss wieder löschen konnte.

Unser Altar war einer von insgesamt vier entlang des Prozessionswegs. Der letzte von ihnen stand auf dem Platz vor der Kirche. Dieser einfache Tischaltar hatte Vater gezimmert und dessen Front mit Ährenmotiven, einem Fisch und einem Weinkrug beschnitzt. Im Zuge der Einführung der neuen Messe nach dem Konzil stand Vaters Klappaltar eines Sonntags plötzlich ungefragt im Chorraum der Kirche, nun als Volksaltar. Daran wurde dann ab 1970 die Messe auf Deutsch und zu den Leuten hin gefeiert. Gleichzeitig geriet alles, dem der Geruch von Triumphalismus anhaftete, in die Kritik, natürlich auch die Fronleichnamsprozession.

Jahrzehnte nach der Euthanasierung der Prozession dämmert unser alter Fronleichnamsaltar im Keller vor sich hin, nachdem unter einem nachkonziliaren Pfarrer "Verkehrsprobleme" herhalten mussten, um dem "heiligen Spuk" ein rasches profanes Ende zu bereiten. Auch wenn es in der Gemeinde in den letzten Jahren wieder eine kleine Renaissance zur Wiederbelebung der Prozession gegeben hat, so lässt sich die bescheidene Neuauflage nicht vergleichen mit dem prächtigen Szenario in meiner Kindheit.

Kleine Ironie des Schicksals. Grossvaters identischer Fronleichnamsaltar, den er seinerzeit für jene andere Gemeinde geliefert hatte, wäre auch dieses Jahr wieder zum Einsatz gekommen, und zwar in einer Traditionsgemeinde, hätte nicht Corona mit der Prozession kurzen Prozess gemacht.
SvataHora
Sehr interessant aber auch traurig. Dieses erbärmliche "Konzil" hat fast alles kaputtgemacht!
Copertino
@Joannes Baptista Ja, so verändert man sich über die Jahre. Doch wenn ihr nicht werdet wie diese Kleinen da, so werdet ihr das Himmelreich nicht erringen, mahnt der Herr.
Joannes Baptista
...ja, wir sollten alles immer und immer wieder dem allergütigsten Herzen Jesu übergeben.
Joannes Baptista
So ein süßer Knopf, der da die Hand auf die große Altarwand hält...
Zweihundert
kyriake
Das waren noch Zeiten!
Da war am Fronleichnamstag noch das ganze Dorf auf den Beinen!
Ursula Wegmann
Vandalismus, Revolutionen und das III. Zeitalter des Hl. Geistes im Status der Liebe, der vollkommenen Erkenntnis, der esoterischen Spiritualisierung:
de.wikipedia.org/wiki/Joachim_von_Fiore ----
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