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Unbesiegbares Leuchten: Robert Spaemanns Psalmenauslegungen

Von P. Engelbert Recktenwald

Gott allein kann den Menschen aus der Sinnlosigkeit des Materialismus retten. Im Aufleuchten seines Angesichts, so Robert Spaemann, verschwinden alle Fragen.

Wenn Gott die Bitte um das Leuchten seines Angesichts erhört, bricht alles Unheil zusammen. Foto: Roman Mikhailyuk (171198133)

Eine nachdenkenswerte Deutung gibt Spaemann von Psalm 4, 7: „Lass leuchten über uns das Licht Deines Angesichts, Herr.“ Für ihn ist es „das schönste und tiefste aller Gebete“. Und tatsächlich ist die Deutung, die Spaemann ihm gibt, die schönste und tiefste, die mir bisher begegnet ist: „Wenn Gott sich zeigt, wenn die Herrlichkeit, wenn der Glanz Gottes aufleuchtet, wenn die Dinge der Welt in diesem Glanz aufscheinen, dann erübrigt sich alles andere. Wenn der Sinn erfahren wird, verschwinden die Fragen.“

Unter „Sinn“ versteht Spaemann das Geborgensein in einem umfassenden Rechtfertigungszusammenhang. Unser Handeln, unser ganzes Leben ist sinnvoll, gerechtfertigt, wenn es etwas Wertvollem dient und dadurch selber wertvoll wird, Bedeutung gewinnt. Das Gegenteil ist „die Sinnlosigkeit zufälliger Faktizität“. Diese Sinnlosigkeit ist das notwendige Stigma jedes Materialismus. Bertrand Russell hat dies mit eindrucksvollen Worten zum Ausdruck gebracht: „Blind gegen Gut und Böse, in rücksichtsloser Vernichtung wälzt sich die allmächtige Materie auf ihrer unerbittlichen Bahn.“

Aus Sinnlosigkeit kann nur Gott retten

Aus solcher Sinnlosigkeit kann nur Gott den Menschen retten. Er allein kann ihn davor bewahren, „zufälliger Fall eines abstrakt Allgemeinen zu sein“. Erst „im Glauben tritt der Mensch in diesen Zusammenhang unbedingten Sinnes wieder ein“.

Wenn alles sinnlos wäre, dann wäre auch alles wertlos und bedeutungslos. Wie aber könnten wir dann „Wert“ überhaupt erfahren? In seinem Buch „Gott ist nicht nett“ beschreibt Heiner Wilmer eine solche Erfahrung im Kapitel „Erleuchtung im Abgrund“. Der Abgrund war die schreckliche Sinnlosigkeit, die seinen Gottesglauben angriff und ihn übermannen wollte, als er in Yad Vashem die lange Reihe der Namen der ermordeten jüdischen Kinder hörte. In dem Moment, in dem sich ihm die Erkenntnis aufdrängen wollte: „Das Leben ist absurd. Gott kann es nicht geben“, trat das Gegenteil ein: Er wird vom Guten, von Gott, überwältigt. „Ja“, so denkt er, „es [das schreckliche Morden] ist falsch! Aber das ist nicht alles! Es ist nur falsch, weil es richtig gibt.“

Wenn das schreiende Unrecht nicht nur deshalb ein Übel ist, weil es uns nicht passt, sondern weil es in sich etwas ist, das nicht sein soll, dann setzt eben diese Erkenntnis die unbedingte, uns nicht verfügbare Existenz eines Sollensmaßstabs voraus, der sich nicht unseren Wünschen verdankt. Wir haben uns das Gute, in sich Wertvolle und Sinnspendende nicht ausgedacht. Sondern wir erfahren es, egal ob in sich selbst oder als Hintergrundfolie der Erfahrung seines Gegenteils.

"Wenn der Sinn erfahren wird, verschwinden die Fragen. Niemand von uns lebt in der permanenten Erfahrung dieses Sinnes" Robert Spaemann

Spaemann schreibt: „Wenn der Sinn erfahren wird, verschwinden die Fragen. Niemand von uns lebt in der permanenten Erfahrung dieses Sinnes. Es genügt, wenn er einmal im Leben aufleuchtet.“

Der Psychiater Viktor Frankl berichtet in „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ aus seiner Zeit in Auschwitz, dass gerade die Erfahrung von Sinn für das Überleben in dieser Hölle wichtiger war als physische Kraft. Theologen, die wegen Auschwitz von der Allmacht oder Güte Gottes Abschied nehmen, fallen solcher Bewältigung des Grauens in den Rücken. Sie lassen die Sinnlosigkeit über den Sinn triumphieren. Sinn wird zu einer Illusion.

„Der Fromme kann dagegen nicht argumentieren“, schreibt Spaemann, denn die „Erfahrung der Freude, die den Einwand zunichte werden lässt, kann nicht erzwungen werden. Es ist die Erfahrung eines Geschenks, einer Gnade.“ Wer allerdings das Ende des heiligen Maximilian Kolbe kennt, weiß, dass es ihm gelang, seine Schicksalsgenossen im Hungerbunker von Auschwitz mit eben dieser Freude anzustecken. Wenn Gott die Bitte um das Leuchten seines Angesichts erhört, bricht alles Unheil zusammen.

Die Reihe über Robert Spaemann wird im nächsten „Credo“ fortgesetzt

www.die-tagespost.de/…/Credo-Unbequeme…
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studer
Ich bin Pater Recktenwald für diese Beiträge unerhört dankbar! Er ist durch seine geistreichen Beiträge eine bedeutsame Säule des deutschsprachigen Katholizismus! Viele Segensgrüsse aus der Schweiz !
Ursula Wegmann and 3 more users like this.
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