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Augustinus: „Auf dich hin hast du uns gemacht, HERR. Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir."

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BIOGRAFIE

«NIMM UND LIES!»

Vom Lebemann zum Jesusnachfolger: Die Lebensgeschichte von Augustinus (354–430) liest sich wie eine Geschichte von Bekehrung und Befreiung aus unseren Tagen.


Matthias Hilbert

Er war in seinen jungen Jahren das, was man einen «Lebemann» nennen könnte – und wurde doch später zu einem der bedeutendsten Theologen der frühen Kirche. Die Rede ist von Aurelius Augustinus (354–430). Einst ein hochbegabter Lehrer der Rhetorik, der von Ruhm und weltlicher Ehre träumte und der in religiösen Dingen ein Ketzer und Skeptiker war, erfuhr er eines Tages eine radikale Lebenswende hin zu einem überzeugten Christen. Wie es zu dieser folgenreichen Bekehrung kam, das hat Augustinus selbst in seiner Autobiografie «Confessiones» (Bekenntnisse) ausführlich beschrieben.

Das Buch, das von einem erstaunlich hohen Mass an psychologischer und theologischer Reflexion durchdrungen ist, ist in der Form eines persönlichen Gesprächs mit Gott verfasst. Doch wendet sich Augustinus nicht nur an ein göttliches Du, dessen vielfältige Gnade, Bewahrung und Führung er sich in seinem bisherigen Leben staunend vergegenwärtigt, sondern der Autor will zugleich anhand seiner eigenen Lebensgeschichte ein Zeugnis davon ablegen, wie ein verirrtes, mit Sünden beladenes Leben von Gott wieder in Ordnung gebracht werden kann.

Beginnen aber vermag Augustinus seine «Bekenntnisse» nur mit Lob und Anbetung, indem er einleitend ausführt: «Gross bist du, Herr, und höchstes Lobes würdig. Gross ist deine Macht, und deine Weisheit hat keine Grenze. Und dich will loben ein Mensch (...), der seine Sterblichkeit mit sich herumschleppt, das Zeugnis seiner Sünde (...) Du treibst ihn an, dass er seine Freude daran finde, dich zu loben, denn auf dich hin hast du uns gemacht, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.»

Geboren wird Augustinus am 13. November 354 in der kleinen nordafrikanischen Stadt Thagaste, die in der römischen Provinz Numidien (im heutigen Algerien) liegt. Sein Vater Patricius ist Besitzer eines kleinen Landguts. Erst kurz vor seinem frühen Tod im Jahr 371 lässt er sich taufen. Zur grossen Freude seiner Frau Monika, die eine eifrige, fromme Christin ist. Durch sie wird Augustinus christlich erzogen. Dass auch er eines Tages so wie sie Christus lieb gewinnt und ihm bewusst nachfolgt, ist ihr sehnlichster Wunsch. Dafür betet sie unter Tränen Tag und Nacht.

Die Eltern möchten, dass ihr Sohn nach seiner Schulzeit ein Studium der Rhetorik (Redekunst) aufnehmen soll. Denn einem erfolgreichen Rhetoriker stand eine attraktive Karriere in Aussicht, zum Beispiel in der Rechtsprechung, in der kaiserlichen Verwaltung oder auch im Erwerb einer Rhetorikprofessur. Daher wird Augustinus mit sechzehn Jahren auf eine Rhetorenschule in der nordafrikanischen Metropole Karthago geschickt. Doch der Student besucht nicht nur die Vorlesungen und übt sich in der Praxis der Rhetorik, sondern er geniesst auch das Dolce Vita, das «süsse Leben». Er stürzt sich in sexuelle Abenteuer und ist hingerissen von den Schauspielen im Theater. Schliesslich legt er sich eine Konkubine zu, und bereits nach einem Jahr wird Adeodatus, ihr gemeinsamer Sohn, geboren.

“Augustinus legt Zeugnis davon ab, wie ein verwirrtes, mit Sünden beladenes Leben von Gott wieder in Ordnung gebracht werden kann."

Im Verlauf seines Studiums lernt Augustinus «Hortensius», ein Werk des römischen Philosophen Cicero, kennen. Es erweckt in ihm den Wunsch, nicht mehr eitlen, vergänglichen Zielen nachjagen zu wollen, sondern nach philosophischer Weisheit und Erkenntnis zu streben. Dabei gerät er in die Fänge der Manichäer. Der Manichäismus ist eine synkretistisch-esoterische Offenbarungsreligion, die Elemente aus dem Christentum mit denen anderer Religionen vermischt. Sie geht auf den Perser Mani zurück. Anfangs war Augustinus vom Manichäismus fasziniert. Dann bedrängten ihn aber immer grössere Zweifel an dem Wahrheitsgehalt dieser Lehre.

Neun Jahre lebte Augustinus in Karthago, anfangs als Student, dann als Rhetoriklehrer. Seine Bilanz: «Während dieser neun Jahre (...) verbrachte ich mein Leben in wechselnden Leidenschaften als Verführter und Verführer, als Betrogener und Betrüger (...), hier wie dort aber voll leerer Eitelkeit.» Im Jahr 383 wechselt der bald dreissigjährige Rhetorik-Dozent dann von Karthago nach Rom, um schon ein Jahr später eine ehrenvolle kaiserliche Professur in Mailand anzutreten. Dort ist der weit über die Stadt hinaus bekannte Ambrosius Bischof. Neugierig lauscht Augustinus den kraftvollen Predigten des Kirchenmannes. «Während ich», so Augustinus, «mein Herz öffnete, um aufzunehmen, wie beredt er war, trat zugleich die Erkenntnis ein, wie wahr er sprach, freilich erst nach und nach.»

Schliesslich wendet sich Augustinus ganz vom Manichäismus ab. Er besucht häufig die Gottesdienste und forscht in der Bibel. Immer mehr erschliesst sich ihm die Wahrheit der christlichen Botschaft, immer stärker wächst in ihm das Verlangen, sein Leben Christus, dem Retter und Erlöser, zu übergeben. Aber müsste er dann nicht sein Karrierestreben, seine eitle Ehrsucht sowie sein ungehemmtes sexuelles Leben aufgeben? Noch hat er nicht die Kraft dazu. Und so schiebt er immer wieder die Entscheidung auf.

“ Auf dich hin hast du uns gemacht, HERR. Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir."

Da besucht ihn eines Tages sein nordafrikanischer Landsmann Pontician, der ein hoher Beamter am kaiserlichen Hof und entschiedener Christ ist. Er erzählt von dem ägyptischen Einsiedler Antonius und berichtet von zwei seiner eigenen Kollegen, die vor einiger Zeit ihr Hofamt aufgegeben hatten, um fortan in einer kleinen mönchischen Gemeinschaft zu leben und ein gottgeweihtes Leben zu führen. Augustinus ist von dem Gehörten zutiefst aufgewühlt. Grosse Scham ergreift ihn wegen seiner Hinhaltetaktik gegenüber dem Anruf und Anspruch Jesu. Aber immer noch hat er Angst, «befreit zu werden vom Fluss des Gewohnten».

Unter einem Feigenbaum im Garten des Wohnhauses wirft er sich nieder und klagt Gott unter Tränen seine Sündennot und seinen Zwiespalt. Da hört er mit einem Male eine Kinderstimme im Singsang mehrmals die Worte rufen: «Nimm und lies!» Augustinus eilt zu dem Ort zurück, wo er ein Buch mit den Briefen des Paulus hinterlegt hat, und schlägt es aufs Geratewohl auf. Sein Blick fällt auf Römer 13,13 f.: «... nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht; sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt.» Die Antwort Gottes! Augustinus fühlt sich wie befreit. Seine Zweifel und Vorbehalte sind verschwunden.

Er löst sich von seiner Geliebten, die er sich nach der Trennung von seiner ersten Konkubine «zugelegt» hatte, und gibt sein Lehramt auf. Gemeinsam mit seinem Sohn Adeodatus lässt er sich von Ambrosius taufen. Mit anderen gleichgesinnten Freunden lebt er in einer christlichkommunitären Gemeinschaft, zunächst auf einem Landgut vor den Toren Mailands, dann in seiner Vaterstadt Thagaste. Gebet, geistlicher Austausch mit seinen Freunden, Studium der Bibel und anderer ihm wichtig erscheinender Schriften bestimmen den Tagesablauf. Schon früh verfasst er theologische Werke. Den christlichen Glauben Christen wie Nichtchristen zu erklären und darzustellen, das ist ihm sein Leben lang ein grosses Anliegen.

391 wird Augustinus in der nördlich von Thagaste gelegenen Provinzstadt Hippo Regius zum Priester geweiht. Nur wenige Jahre später beruft man ihn zum Bischof. Seine Gelehrsamkeit und Beredsamkeit, seine vorbildliche Frömmigkeit und sein seelsorgerlich ausgerichtetes Dienstverständnis lassen ihn im Laufe der Zeit zu einer Führungsfigur innerhalb der Kirche Nordafrikas werden. Am Ende seines Lebens muss er miterleben, wie die Vandalen plündernd durch die römischen nordafrikanischen Provinzen ziehen. Dann stehen sie im Sommer 430 vor Karthago. Noch während sie die einst so mächtige Stadt belagern, stirbt in ihren Toren Augustinus, geschwächt von Alter und Krankheiten.

Augustinus wusste aus eigener Erfahrung nur zu gut um die Bosheit und Sündhaftigkeit des menschlichen Herzens. Er hat diesen Zustand einmal so vor Gott ausgesprochen: «Der Mensch ist sich selbst ein gewaltiger Abgrund. (...) Seine Haare lassen sich leichter zählen als seine Triebe und die Regungen seines Herzens.» Aber Augustinus hatte auch erleben dürfen, dass Gott dem, der sich ihm vorbehaltlos zuwendet, die Schuld und Sünden vergibt und ihn innerlich zu erneuern vermag.

Dennoch bleibt auch der Christ während seiner irdischen Pilgerschaft ein angefochtener und mancherlei Versuchungen ausgesetzter Mensch. Umso mehr drängt es Augustinus, Gott anzubeten für die Sendung und das Erlösungswerk seines Sohnes: «Wie sehr hast du uns geliebt, guter Vater. Du hast deinen einzigen Sohn (...) hingegeben für uns Sünder. (...) Für uns war er zugleich Sieger und Opfer vor dir. (...) Zu Recht setze ich meine feste Hoffnung auf ihn, dass du durch ihn alle meine Schwächen heilst, auf ihn, der zu deiner Rechten sitzt und für uns eintritt. Sonst müsste ich verzweifeln. Denn meine Schwächen sind zahlreich und gross, in der Tat, zahlreich sind sie und gross. Aber grösser ist deine heilende Macht.»

Und wenn dann der gläubige Christ sein ewiges Ziel erreicht hat und er in die Herrlichkeit Gottes aufgenommen wird, dann, so Augustinus, «werden wir feiern und schauen, schauen und lieben und lieben, lieben und preisen. Ja, das wird das Ende ohne Ende sein.»
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Lans en Vercors Kirche. Glasfenster. Augustinus von Hippo auch wie der hl. Augustinus bekannt: ein früher christlicher Theologe und Philosoph. Frankreich
- Bild-ID: KJKTP5
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Mir vsjem
Der heilige AUGUSTINUS, ein hervorragender Bischof - welch ein Abstand zu den heuten "Bischöfen" -!
Er war einer der größten Kirchenlehrer aller Zeiten. Seine katholische Gesinnung ist in seinen Ausführungen über Tradition und Schrift wiedergegeben, die nur nach der kirchlichen Glaubensregel ausgelegt werden dürfe, dann in seinen Schriften über die Autorität der Kirche und des römischen Stuhles. …More
Der heilige AUGUSTINUS, ein hervorragender Bischof - welch ein Abstand zu den heuten "Bischöfen" -!
Er war einer der größten Kirchenlehrer aller Zeiten. Seine katholische Gesinnung ist in seinen Ausführungen über Tradition und Schrift wiedergegeben, die nur nach der kirchlichen Glaubensregel ausgelegt werden dürfe, dann in seinen Schriften über die Autorität der Kirche und des römischen Stuhles.
Gewiss haben die Tränen und das Gebet der heiligen Mutter Monika zu seiner Bekehrung viel beigetragen und auch die Lehren und Predigten des heiligen Ambrosius von Mailand.

Für die heutige Zeit sehr wichtig: Er war ein unablässiger Kämpfer gegen die damaligen verschiedenen Häresien, vor allem der Pelagianer und Donatisten, der Manichäer. Diesen letzteren hat er zuvor selbst angehört.
So ist es. Er war kampferfahren und hatte Rückgrat.
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@M.RAPHAEL
Herzliche Grüße aus Deutschland in Deine schöne Heimat, dem Kärntner Land
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M.RAPHAEL
Liebe Grüße zurück, auch an Gestas.
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M.RAPHAEL
Vielen Dank, liebe @Sonia Chrisye. Nicht umsonst ist der Heilige Augustinus, wie übrigens auch die Heilige Teresa von Ávila, Kirchenlehrer. Die Heilige Kirche unterdrückt nicht Ihre Töchter. Im Gegenteil. Das ist eine heimtückische Umdeutung seitens der bösen Gier. Ich spiele oft mit meinen Schwestern. Die sind nicht schwach, bestimmt nicht.
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Augustinus:
«Gross bist du, Herr, und höchstes Lobes würdig. Gross ist deine Macht, und deine Weisheit hat keine Grenze. Und dich will loben ein Mensch (...), der seine Sterblichkeit mit sich herumschleppt, das Zeugnis seiner Sünde (...) Du treibst ihn an, dass er seine Freude daran finde, dich zu loben, denn auf dich hin hast du uns gemacht, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.
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