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Unsere Liebe Frau auf dem Berge Karmel (16. Juli)

Heiligenvita aus:
Alban Stolz, Legende. oder: Der christliche Sternenhimmel, Freiburg i. Br. 1867.


16. Juli.

Das Fest Mariä vom Karmel.
(Das Skapulier.)

Nazareth liegt an der aufsteigenden Wand eines Berghthales, rings von Anhöhen umschlossen. Wenn man weiter hinaufsteigt und gegen Abend schaut, so sieht man das Meer und ein großes Gebirg, den Karmel, der sich wie eine mächtige Mauer bis in’s Meer hinstreckt. Auf der letzten Höhe, wo die Bergwand steil zum Meer absinkt, steht das schöne Kloster der Karmeliten. Eine edle prachtvolle Kirche von Marmor steht dort zur Ehre derjenigen erbaut, welche drüben in Nazareth vor 1800 Jahren als arme Jungfrau gelebt hat. Fast tausend Jahre früher noch hat an jenem Berge der große Prophet Elias gelebt und hat Schüler um sich gesammelt, wie auch jetzt noch eine große Höhle unten am Berg gezeigt wird, welche die Prophetenschule heißt, weil hier Elias seine Schüler unterrichtet haben soll. Der Mönchsorden der Karmeliten betrachtet auch den Propheten Elias als seinen allerersten Stifter.

Der Karmeliterorden verbreitete sich vom Berge Karmel in Asien auch in unsern Welttheil und zeichnete sich durch besonders eifrige Verehrung der seligen Jungfrau Maria aus. Um die Zeit aber, als auch nach England Karmeliten kamen, lebte daselbst ein wunderbarer Mann, Namens Simon. Dieser, von einer vornehmen Familie entsprossen, war schon in seinem zwölften Jahre so vom Geist der Gottseligkeit ergriffen, daß er sein väterliches Haus verließ und in die Einöde ging um dort ganz allein dem Dienste Gottes und der Verehrung der Jungfrau Maria zu leben. Seine Wohnung dort war eine hohle Eiche, wovon er den Namen Stock bekam; er konnte darin nur aufrecht sein, dennoch diente ihm die Höhlung der Eiche als Bett, als Stube und als Kapelle zugleich. Das Gebet war seine einzige Beschäftigung und er erreichte in diesem Büßerleben einen so hohen Grad von Vollkommenheit, daß er mit himmlischen Geistern in Umgang kam, ja daß er selbst von der Mutter Gottes Erscheinungen hatte. Insbesondere offenbarte sie ihm, daß die Brüder vom Karmel in England angekommen seien und er solle sich ihnen beigesellen. Alsbald verließ Simon Stock seinen Baum und die Wildniß, wo er länger als dreißig Jahre verweilt hatte, suchte die Karmeliten auf, bat sie um Aufnahme in ihren Orden und fand hier eine so heilige Gesellschaft, daß ihm der Umgang mit den Engeln dadurch ersetzt wurde.

Als Simon aufgenommen war, bekam er ein großes Verlangen in das heilige Land zu pilgern, was ihm von seinen Vorstehern auch bewilligt wurde. Barfuß besuchte er alle die Stellen, welche der Heiland durch seine göttliche Gegenwart geheiligt hat; dann zog er sich auf den Karmel zurück, wo er sechs Jahre lang ein ganz übernatürliches Leben führte und nur mit himmlischen Geistern seine Unterhaltung hatte. Es ging die Sage, daß die heiligste Jungfrau Maria selbst auf wunderbare Weise ihn hier genährt habe. Als er nach England zurück gekehrt war, suchte er allenthalben das göttliche Feuer anzuzünden, wovon er selbst entflammt war, und zwar mit solchem Erfolg, daß nicht nur die Ordensmitglieder, sondern auch das Volk von der innigsten Liebe und Verehrung zur Mutter Gottes erfüllt wurde.

Simon Stock wurde einstimmig zum General d. h. obersten Vorsteher des ganzen Karmeliterordens auf Erden gewählt. De flehte er nun durch inständiges Gebet die Mutter Gottes an, daß sie ein Pfand ihrer Wohlgewogenheit gegen den Karmeliterorden und ein Zeichen ihres beständigen Schutzes schenken möge. Nach mehreren Jahren der Thränen, der Buße und des Gebetes erhörte die Mutter der Barmherzigkeit das Flehen ihres Dieners. Im Jahr 1251 hatte Simon zu London eine Erscheinung der seligsten Jungfrau; in großem Glanze von Engelschaaren umgeben sprach sie zu ihm: „Geliebter Sohn, nimm dieses Skapulier als Zeichen meiner Freundschaft und Vorrecht der Karmeliten; wer darin stirbt, soll nicht in das höllische Feuer kommen; siehe ein Zeichen des Heils, ein Bund des Friedens und ewigen Vertrags.“

Dergleichen Offenbarungen sind erst dann ganz sicher, wenn sie von der katholischen Kirche, welche eine Grundsäule und Grundfeste der Wahrheit ist, untersucht und gutgeheißen sind. Mehrere Päpste billigten und empfahlen nun aber das Tragen des Skapuliers als Zeichen besonderer Verehrung der seligsten Jungfrau Maria, und verliehen denjenigen Ablässe, welche die damit vorgeschriebenen Andachten verrichten. Fürsten und Völker beeiferten sich das Skapulier zu tragen, und Hülfe aller Art, besonders zahllose Rettungen bei Feuersbrunst, Schiffbruch und andern Lebensgefahren werden erzählt, wodurch Gott sein Wohlgefallen denen zu erkennen gab, welche in Verehrung seiner Mutter das Skapulier tragen.

Nun könnte man aber an den Worten: das Skapulier bewahre vor der ewigen Verdammung, Aergerniß nehmen; mancher könnte sagen: „Also kann man treiben, was man will, man kommt auf keinen Fall in die Hölle, wenn man nur das Skapulier trägt.“ Allein es versteht sich von selbst, daß jene Worte nur mit der nämlichen Bedingung gelten, wie die Worte der h. Schrift, wenn es z. B. heißt: „Wer glaubt und getauft ist, wird selig werden;“ oder: „selig sind die Traurigen“; oder: „das Almosen erlöset vom Tod.“ Alle diese Bibelstellen gelten nur in soweit, als der Mensch es nicht an dem fehlen läßt, ohne was Niemand selig wird, z. B. sich vor jeder Todsünde hütet, sich bemüht seine Pflichten zu erfüllen, Jedermann von Herzen verzeiht u. s. w. Ebenso darf der, welcher das Skapulier trägt, nur dann erwarten, daß die Fürbitte der Jungfrau Maria ihn vor dem höllischen Feuer bewahren werde, wenn er sich bemüht ein Leben zu führen, wie es dem Christen und Verehrer der heiligsten Jungfrau gemäß ist. Während somit das Sakpulier auf keinen Fall den vor der Verdammung erretten kann, welcher im Zustand des geistlichen Todes in die andere Welt hinübergeht, so werden anderseits manche Fälle erzählt, wo solche Sünder, die das Skapulier tragen, in auffallender Weise von einem bösen Tod bewahrt und zur Bekehrung gebracht wurden.

Außer der besondern Fürbitte und Schutzes der seligsten Jungfrau schließt sich der, welcher in Verehrung zu ihr das Skapulier trägt, dem Karmeliterorden an und bekommt deßhalb Theil an allen guten Werken und Verdiensten, welche der Karmeliterorden durch strenges Leben, Fasten, Stillschweigen, Weinen, Geißeln, Beten, Empfang der h. Sakramente, Meßandachten und Uebung aller Tugenden erwirbt. Auch hat der Papst Paul V. denen, welche in die Bruderschaft des Skapuliers eintreten, mehrfache Ablässe verliehen, insbesondere vollkommenen Ablaß jedem Mitglied, welches nach reumüthiger Beicht und Kommunion in der Todesstunde den Namen Jesu mit dem Munde oder im Herzen ausspricht.

Die Bedingungen dieser Bruderschaft bestehen aber darin, daß man das Skapulier immer trage, daß man die standesgemäße Keuschheit beobachte, daß man täglich das sogenannte kleine Officium zu Ehren der Mutter Gottes bete, oder wer nicht lesen kann statt dessen am Mittwoch und Freitag vom Fleischessen sich enthalte. Das Skapulier selbst ist ein Stück Zeug, welches am Hals getragen wird und wovon ein Theil vorn an der Brust, der andere rückwärts herabhängt. Es versteht sich von selbst, daß es an sich keine eigenthümliche Kraft hat und nicht als Amulet oder Zaubermittel angesehen werden darf, sondern es ist nur das sinnliche Zeichen und Bekenntniß, daß man die Jungfrau Maria besonders treu verehren wolle.

Man könnte nun aber hiegegen die Einwendung machen: „Warum soll ich das Skapulier tragen und die Statuten der Bruderschaft beobachten; wenn es mir nichts nützt ohne ganz christlichen Wandel? Führe ich aber einen ganz christlichen Wandel, so werde ich auch ohne Skapulier zur Seligkeit gelangen.“ Als Antwort hierauf gelte der Ausspruch des Apostels Petrus: „Wenn aber der Gerechte kaum gerettet wird, wo wird der Sünder bleiben?“ Es ist keine Kleinigkeit selig zu werden, und so lange wir leben schwebt unser Heil in großer Gefahr; darum wird der wachsame Christ gern Alles benützen, was dazu beitragen mag sein Heil sicher zu stellen; es ist darum gewiß auch von großem Werth sich die besondere Fürsprache der Mutter Gottes zu erwerben. Dieses geschieht aber durch Theilnahme an der Skapulierbruderschaft. Bist du in Sünden, so magst du leichter die Gnade der Bekehrung erreichen; bist du im Stand der Gnade, so wirst du eher standhaft bleiben bis an’s End, magst höhere Verdienste erwerben und leichter und bälder der Pein des Fegfeuers entgehen. Aus Dank für so große Gunst, welche die seligste Jungfrau dem Karmeliterorden zugewendet hat, wird auf den heutigen Tag ein eigenes Fest gefeiert mit dem Titel „der Jungfrau Maria vom Berge Karmel“, und die Kirche schreibt hiebei folgendes Gebet vor: „Heilige Maria, komm’ zu Hülfe den Elenden, stehe bei den Kleinmüthigen, tröste die Weinenden; bitte für das Volk, nimm dich an der Geistlichkeit, sei Fürsprecherin dem frommen weiblichen Geschlecht; mögen inne werden deine Hülfe alle, welche dein festliches Andenken feiern. Gott, der du den Karmeliterorden mit dem Titel deiner Gebärerin und seligsten Jungfrau Maria geschmückt hast, verleihe uns gnädig, daß wir, beschützt durch die Verwendung derjenigen, deren Andenken wir heute festlich begehen, zu den ewigen Freuden zu gelangen gewürdigt werden – der du lebst und regierst mit Gott dem Vater in Einigkeit des h. Geistes gleicher Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“
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