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Staatsreligion - Von der fortschreitenden Sakralisierung der Staatsgesellschaft (tichyseinblick.de)

Staatsreligion - Von der fortschreitenden Sakralisierung der Staatsgesellschaft

Von Josef Kraus

5. September 2018

Mit Unterstützung des Staatsoberhauptes grölen die neuen Hohepriester zum Kampf gegen alles, was nicht links ist. Der Mensch ist ein Wesen, das auch oder gerade inmitten eines selbstgewählten metaphysischen Vakuums des Religiösen, zumindest des quasi-religiös Rituellen bedarf. Deshalb erleben wir alljährlich – auch auf Kirchentagen – ein Patchwork an Religionsversatzstücken und einen bunten Synkretismus/ Eklektizismus, der alle Gegensätze vereint: Astrologie, Kosmologie, Reinkarnation, Zen Buddhismus, Esoterik, magische und okkulte Praktiken. Dazu den Genderismus! Für wieder andere – oder auch dieselben – ist die Klimakatastrophe oder der Antifaschismus oder die Anti-Atomkraft-Bewegung zur Religion geworden.

Interessant ist übrigens, dass – wie Albert Camus 1957 festgestellt hat – der Ort solcher ideologischer Konformität eine Linke ist, die die „schlechte“ Welt des Schöpfers ummontieren möchte in die gute Welt. Dazu braucht der Mensch offenbar Religionen. Auch wenn es sich laut Émile Durkheim hier um „Religionen ohne Religion“ handelt. Religion light eben! Raymond Aron hat dies in seinem Hauptwerk „Opium für Intellektuelle“ (1955) deutlich gemacht. Kommunismus etwa ist für ihn „säkulare Religion“. (Der Buchtitel „Opium für Intellektuelle übrigens wurde bewusst in Anlehnung an Marx’ „Religion als Opium des Volkes“ gewählt.) Für den großen Ausleuchter der Tiefen der menschlichen Seele, Sigmund Freud, war Religion ohnehin nichts anderes als eine universelle, ritualisierte Zwangsneurose.

1989 hatte Francis Fukuyama das Ende der Geschichte angesagt, und er meinte, dass jetzt die liberale Ordnung gesiegt habe, weil sich alle (quasireligiösen) Ideologien erschöpft hätten. Fukuyama lag und liegt falsch. Richtig liegt Joachim Fest: „Die vom Sozialismus gebundenen Bedürfnisse nach einem Glauben und einer Daseinsbotschaft sind mit dessen Ende ziellos geworden und werden nicht lange damit warten, neue Uniformen anzulegen und unter neuen Fahnen zu neuen Phantasiereichen aufzubrechen.“
Neue Phantasiereiche, ein neuer naiver Futurismus? Man lese in diesem Zusammenhang Karl Poppers monumentales Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ – Band II, das 14. Kapitel: „Die orakelnde Philosophie und der Aufstand gegen die Vernunft“. Darin beklagt Popper einen „moralischen Futurismus“, einen „orakelnden Irrationalismus“, mit dem Gefühle und Leidenschaften über Denken und Erfahrung dominierten. Hermann Lübbe würde sagen: Moralismus ist überhaupt der Versuch, Wissenschaft und Empirie durch Moralisieren unschädlich zu machen. Rational ist das nicht: Es ist dies der Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft, der Stimmung über das Denken, des Bedarfs an Wohlbefinden über die Erkenntnis. Es ist dies im Endeffekt Realitäts- und Wissenschaftsfeindlichkeit. Religionssoziologisch muten viele der heutigen, von den staatstragenden Medien orchestrierten Debatten an wie der Ausdruck eines unstillbaren Devotionsbedürfnisses im Dienste einer guten und gerechten Welt. Der große Wiener Ökonom und Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek aber wusste zu gut, auf was der Anspruch totaler irdischer Gerechtigkeit hinausläuft: Für ihn ist „Gerechtigkeit“ das Trojanische Pferd des Totalitarismus.

Jedenfalls ist es schon eigenartig: Das Religiöse – Ausnahme: Islam – wird mehr und mehr säkularisiert, die Kirchen mausern sich zu politisierenden Moralagenturen, die Zahl der Kirchenbesucher sinkt und sinkt, die Zahl der Kirchenaustritte steigt und steigt. Und dann dies: Das Alltägliche, Profane, Politische bzw. das, was man dafür hält, wird mehr und mehr sakralisiert.
„Zivilgesellschaft“ ist zum zivilreligiösen Narrativ geworden. Keiner weiß zwar, was Zivilgesellschaft eigentlich ist. Hauptsache freilich ist, es kommt links daher und reklamiert für sich, „Mitte“ zu sein. Und Hauptsache, es hat einen sakralen, schier heiligen Touch.

Rituale einer universellen Zwangsneurose? Sigmund Freud würde sich bestätigt fühlen, wenn er allein die Vorgänge in und um Chemnitz analysierte bzw. auf seine „Couch“ legte. Denn zur Zeit wird mal wieder ritualisiert „Gesicht gezeigt“; und ständig werden „Zeichen gesetzt“. Man verliert den Überblick. Es fehlen als Steigerung nur noch die Lichterketten. Aber damit ist man ja ein paar Mal ins Leere gelaufen. Zum Beispiel damals, als es keine Neonazis, sondern Araber waren, die im Jahr 2000 einen Brandanschlag auf eine Synagoge in Düsseldorf inszenierten. Schier klammheimlich willkommen ist all den Gutmenschen nun eben „Chemnitz“. Und so grölen die neuen Hohepriestern nun erneut gegen alles an, was nicht links ist: die Grönemeyers, die „Toten Hosen“, „Kraftclub“ (so könnte übrigens auch eine rechtsradikale Band heißen), die „Fischfilets“ von der „Feinen Sahne“. Zum „Konzert“ der drei genannten Gruppen strömten – vermutlich aus der ganzen zivilgesellschaftlichen Republik – am 3. September rund 50.000 Gutmenschen, „Christen“, Linke, Gewerkschaftler und Co. nach Chemnitz. Kirchentage bringen auch nicht mehr Leute an einem Tag auf die Beine. Wobei thematisch zwischen so manchen Kirchentagen und solchen Konzerten nur noch geringe graduelle Unterschiede bestehen.

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