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Als sich das reformierte Zürich mit Spuk und Armen-Seelen-Phänomenen herumschlagen musste

Copertino
Bemerkenswerte Recherchen der Historikerin Eveline Szarka, die aktenkundige Fälle über ausserordentliche Phänomene in Zürich in der Zeit nach der Reformation ausgewertet hat. Sie hat bei ihrer …More
Bemerkenswerte Recherchen der Historikerin Eveline Szarka, die aktenkundige Fälle über ausserordentliche Phänomene in Zürich in der Zeit nach der Reformation ausgewertet hat. Sie hat bei ihrer Forschung über Spukerscheinungen in der Zwinglistadt Erstaunliches aufgedeckt. Ihr kommt das Verdienst zu, Licht auf ein verschwiegenes und vergessenes Kapitel der Reformationsgeschichte geworfen zu haben.

www.tagesanzeiger.ch/…/30238645

Mit der Reformation hatten Phänomene von Spuk und Geistererscheinungen auf Zürcher Kantonsgebiet nämlich nicht etwa aufgehört, im Gegenteil. Szarkas Recherchen zeigen, dass die Aggressivität solcher Erscheinungen nach der Reformation gar noch zunahm, die von den Reformatoren gerne katholischer Hysterie zugeschrieben wurde. Da konnten die Reformatoren den Glauben an unerlöste verstorbene Seelen noch so sehr als Aberglauben abtun, nun sahen sie sich zu ihrem Entsetzen weiterhin mit Fällen konfrontiert, wo Menschen über Erscheinungen von Verstorbenen oder von Poltergeistern berichteten.

Man kann sich die Situation vielleicht ähnlich vorstellen wie heute die Lage von Zeitgenossen mit einer Nahtoderfahrung. Oft sehen sie sich dem Unverständnis ihrer Umgebung ausgesetzt wie auch mit Kritik von wissenschaftlicher Seite her, wo solche Erlebnisse zwischen Leben und Tod etwa als "Begleiterscheinungen eines Sauerstoffmangels" wegerklärt werden. Da wird man es kaum mehr wagen, darüber viele Worte zu verlieren und mit Vorteil schweigen. Genauso glaubten natürlich viele Menschen nach der Reformation weiterhin an "arme Seelen", aber das Instrumentarium, um damit angstfrei umzugehen, etwa im fürbittenden Gebet für die Verstorbenen oder im Spenden von Seelenmessen, das alles war ihnen obrigkeitlich unter Strafandrohung untersagt.

Wie also mit solchen Phänomenen umgehen, gerade wenn man selbst davon betroffen war? Wie reagierte die reformierte Kirchenobrigkeit in Zürich auf solche Berichte? Auch für Seelsorger war durch den neuen Glauben der Weg versperrt, zum Gebet für die Verstorbenen anzuhalten und die Situation damit auch psychologisch zu entschärfen. Ebenso war der Brauch, von Spuk betroffene Orte und Häuser von Geistlichen "aussegnen" zu lassen, durch die neue Ordnung unterbunden. Ein klar definiertes kirchliches Repertoire von Massnahmen bei Verdacht auf dämonische Aktivitäten stand nicht mehr zur Verfügung und war als erklärter Aberglaube mit dem Bann belegt. Als einziges erlaubtes Mittel blieb noch das Gebet.

An dieser Stelle sei erinnert an die Erfahrungen der Urkirche, wo gläubige Christen von Paulus benutzte Schweisstücher auflegten und geheilt wurden. Die Erfahrung mag zeigen, dass der christliche Glaube immer auch eine leibliche Komponente beinhaltet. Im Nachgang der Entsorgung altkirchlicher Abwehrpraktiken konnte also nicht sein, was theologisch nicht mehr sein durfte: Wenn ein reformierter Untertan in einer behaupteten Geisterscheinung einen bestimmten Verstorbenen erkannt zu haben glaubte, hatte er damit ein echtes Problem.

In offizieller Lesart hatte eine solche aussersinnliche Wahrnehmung in jedem Fall eine dämonische Erscheinung zu sein. Wer über solche Erfahrungen berichtete, wurde vor versammelter Gemeinde vom Pfarrer gescholten und offen gedemütigt. Das erklärt Eveline Szarka in ihrer Untersuchung. Bemerkenswert, dass heute, vor allem im freievangelischen Bereich, doch wieder "Exorzisten" agieren, also Pastoren, welche in Fällen von vermeintlich dämonischen Attacken ihre Befreiungsgebete anbieten. In den Jahren nach Einführung der Reformation wären solche Dienste noch mit dem Tode bestraft worden!

So erklärt sich von selbst, dass man sich fortan eher die Zunge abbiss als paranormale oder okkulte Phänomene allzu offen auszutauschen. Das mag erklären, dass Volkskundler in katholischen Gebieten heute eher fündig werden, wenn sie sich auf die Suche nach Spuk- und Geistergeschichten machen. In reformierten Gegenden verblieben meistens nur die aktenkundige Fälle, weil es darüber kaum mündliche Überlieferungen gab. Vermutlich hat der zugestanden berechtigte Wille der reformierten Obrigkeit, den Aberglauben zu bekämpfen, das Kind mit dem Bad ausgeschüttet und dazu geführt, dass viele solcher spontan auftretenden Fälle nicht mehr wie in der katholischen Pastoral kirchenoffiziell mit Segnungen, Medaillen bis hin zu Exorzismen "kanalisiert" werden konnten .

Das erklärt, dass ein entsprechende Abhilfe-Angebot im reformierten Untergrund wohl umso stärker angeheizt wurde. Historikerin Eveline Sarka stellte im Zuge ihrer Recherchen gar fest, dass in der Zeit nach der Reformation in Zürich paranormale Angriffe wütender und bedrohlicher wurden als je zuvor. Von ihren Kirchenoberen allein gelassen suchten von Spukerscheinungen Betroffene deshalb verzweifelt Abhilfe bei selbsternannten Gesundbetern, welche in der Hinterhand auch noch manche Spezialität anboten, die in hartnäckigen Fällen vielleicht doch noch helfen würden, und wäre es nur dem Geldbeutel des Helfers. Es wäre vor diesem Hintergrund vielleicht eine Untersuchung wert, warum sich die alternative Gesundheitsszene vor allem im reformierten Ausserrhoden und nicht im katholischen innerrhodischen Kantonsteil etablierte.

Historikerin Stark nennt laut Aussagen in den Zürcher Gerichtsakten Arznei- und Rezeptbücher, denen Bannsprüche oder Anleitungen zur Herstellung von Amuletten zu entnehmen sind. Ein beliebtes Mittel sei ein gebundener Leinenbeutel gewesen, der in die Türschwellen vergraben wurde, gefüllt gar mit Stücken aus wohl heimlich entwendeten Brotresten des kirchlichen Abendmahls, oder auch mit Salz, Kräutern und Bibelsprüchen. Mit solchen Mitteln sollte auch in Zwinglis Landen den Geistern der Zugang zum Haus oder Stall verwehrt werden.