Elista
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Russland will mehr Weizen exportieren, Ukraine kann nicht

Landwirte ernten mit ihren Mähdreschern Weizen auf einem Weizenfeld in der Region Krasnodar im Südwesten Russlands.Foto: Vitaly Timkiv/AP/dpa

Wegen des Krieges sitzen Millionen Tonnen Getreide in der Ukraine fest und fehlen auf dem Weltmarkt. Russlands Präsident Wladimir Putin kündigt nun einen Ernterekord an und will den Weizenexport steigern.

Russlands Präsident Wladimir Putin erwartet in diesem Jahr eine Rekordernte beim Weizen und hat eine Steigerung des Exports angekündigt.

„Nach Einschätzung von Spezialisten – das sind natürlich nur vorläufige Schätzungen – könnte sich die Getreideernte auf 130 Millionen Tonnen belaufen, darunter 87 Millionen Tonnen Weizen“, sagte der Kremlchef auf einer Regierungssitzung. Seinen Angaben nach wäre das ein Rekord beim Weizen.
Russland ist einer der größten Getreideproduzenten weltweit, mit einer wichtigen Rolle für die Welternährung. Immer problematischer wird die Situation in den Getreidelagern der Ukraine, die ebenfalls zu den wichtigsten Weizenexporteuren der Welt zählt: „20 Millionen Tonnen Getreide müssen die Ukraine in weniger als drei Monaten verlassen“, sagte die für Verkehr zuständige EU-Kommissarin Adina Valean. Das Getreide drohe die Lagerstätten zu blockieren, die für die nächsten Ernten benötigt würden. Die Ukraine kann wegen der durch Russland blockierten Häfen im Schwarzen Meer derzeit nichts ausführen.
Putin kündigte an, bei einem entsprechenden Ernteresultat auch den Export wieder anzukurbeln. Der Rekord „erlaubt es uns, nicht nur problemlos unsere eigenen Bedürfnisse zu decken, sondern auch die Lieferungen auf den Weltmarkt für unsere Partner zu steigern, was für den globalen Lebensmittelmarkt wichtig ist“, sagte er.
Vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine sind die Lebensmittelpreise in den vergangenen Wochen deutlich gestiegen. In vielen Regionen wird eine schlechte Ernte erwartet, weil die vom Westen verhängten Sanktionen gegen Russland und Belarus auch den Export von Düngemitteln beeinträchtigen.
Aktionsplan der EU-Kommission
Wegen der angespannten Lage hat die EU-Kommission nun einen Aktionsplan veröffentlicht, wie Exporte der Ukraine auf dem Landweg verkauft werden können. Zu den Herausforderungen zähle jedoch, dass die ukrainischen Waggons nicht mit dem Großteil des EU-Schienennetzes kompatibel seien, sodass die meisten Waren auf Lastwagen oder andere Waggons umgeladen werden müssten. Für diesen zeitaufwendigen Prozess gebe es an den Grenzen zudem nur wenige Anlagen.

Die EU-Kommission ruft nun private und staatliche Stellen auf, mehr Fahrzeuge zur Verfügung zu stellen und eine Logistikplattform einzurichten, um Prozesse zu koordinieren. Lebensmittelexporten aus der Ukraine solle Vorrang eingeräumt werden, und EU-Staaten seien auch aufgerufen, den Zoll und andere Stellen mit ausreichend Personal auszustatten sowie „ein Höchstmaß an Flexibilität walten zu lassen“.
Die angespannte Lage auf den Agrarmärkten steht an diesem Freitag und Samstag auch im Zentrum eines Treffens der G7-Agrarminister in Stuttgart. Erwartet wird auch der ukrainische Ressortchef. Der G7-Gruppe gehören Deutschland, Kanada, Frankreich, Italien, Japan, die USA und Großbritannien an. (dpa/red)
Vered Lavan
Vered Lavan
"Brillante Analyse von Gabor Steingart im heutigen Morningbriefing zum UKRAINEKRIEG, der ihn unumwunden als das benennt, was er ist: ein STELLVERTRETERKRIEG.

DER GESAMTE TEXT (SEHR LESENSWERT):

„Das in seiner politischen DNA pazifistische Deutschland denkt beim Krieg in der Ukraine zuerst an die beiden großen Risiken: Weltkrieg und Wohlstandsverlust.

Eingedenk der eigenen historischen Erfa…More
"Brillante Analyse von Gabor Steingart im heutigen Morningbriefing zum UKRAINEKRIEG, der ihn unumwunden als das benennt, was er ist: ein STELLVERTRETERKRIEG.

DER GESAMTE TEXT (SEHR LESENSWERT):

„Das in seiner politischen DNA pazifistische Deutschland denkt beim Krieg in der Ukraine zuerst an die beiden großen Risiken: Weltkrieg und Wohlstandsverlust.

Eingedenk der eigenen historischen Erfahrung und der militärischen Impotenz der Bundeswehr ist der Krieg keine Versuchung, sondern eine Bedrohung. Oder wie der Publizist und strategische Berater von John McCain, Robert Kagan, einst sagte:

„Wenn du keinen Hammer hast, willst du nirgends einen Nagel sehen.“

Das in seiner Grundstruktur bellizistische Amerika schaut mit anderen Augen auf denselben Sachverhalt. Zumindest die politische und militärische Führung der USA ist geübt darin, Risiken zu taxieren, um Chancen zu nutzen. Die Augen der Verantwortlichen sind zu Schießscharten verengt. Oder wie Kagan sich ausdrückt:

„Wenn du einen Hammer hast, fangen alle Probleme an, wie Nägel auszusehen. “

Die Treffsicherheit dieser Beschreibung erweist sich in diesen Tagen. Der deutsche Kanzler zögert und zaudert; das Tastende seiner Politik ist der Spiegel unserer Seele – und Ausdruck unser begrenzten Möglichkeiten.

Der amerikanische Präsident dagegen setzt am globalen Spieltisch kraftvoll seine Jetons. Der Krieg – zumal der Krieg weit außerhalb des eigenen Landes – ist für die USA eine jahrzehntelange Übung, bei der nur die Namen der Einsatzorte wechseln. Jeder amerikanische Präsident sieht zuerst die Chancen – auf mehr Macht, neue Verbündete und zusätzlichen Wohlstand.

So haben denn die USA nach kurzem Zögern den Fehdehandschuh des Wladimir Putin angenommen. Eine verdeckte Kriegsführung ist in Gang gekommen, die alle Merkmale des typischen Stellvertreterkrieges erfüllt und drei strategische Ziele verfolgt:

Ziel 1: Reputationsmanagement für den Präsidenten. Biden will die Schmach von Kabul vergessen machen und sein Image aufpolieren, das durch Trumps Etikettierung als „sleepy Joe“ Schaden nahm. Seine Rhetorik („I think he is a war criminal”) zielt auf Zuspitzung; die Symbolik (Rede vor dem Warschauer Königsschloss) auf die traditionelle Rolle als Führer der freien Welt. Die Tatsache, dass First Lady Jill Biden als Botschafterin nach Kiew geschickt wurde, zeigt wie lustvoll und variantenreich das Weiße Haus die Bühne im europäischen Theater zu besetzen gedenkt:

„The people of the United States stand with the people of Ukraine“, sagte sie dem ukrainischen Präsidenten.

Ziel 2: Die militärische Schwächung der Russischen Föderation. Putin hat die USA geradezu eingeladen, das russische Militär zu testen. Bidens Antwort: Yes, we can. Ohne Risiko für Leib und Leben der Amerikaner und mit vergleichsweise kleinen Dollarbeträgen stürzen sich die Amerikaner in diesen Stellvertreterkrieg, der bei CNN längst auch als „Proxy War“ bezeichnet wird.

Die USA sind zum größten Unterstützer der Ukraine geworden, nachdem sie im März ein 13,6-Milliarden-Dollar-Paket an wirtschaftlicher, humanitärer und militärischer Hilfe für die Ukraine bewilligt hatten, das nun fast ausgeschöpft ist. Weitere 33 Milliarden will Biden sich vom Kongress genehmigen lassen. Insgesamt wären das rund fünf Prozent des US-Militärbudgets des Jahres 2021 – also Spielgeld.

Laut Berichten von „New York Times“ und „NBC“ gelingen der ukrainischen Armee vor allem dank des Einsatzes amerikanischer Aufklärungstechnik spektakuläre Schläge, wie die Versenkung des russischen Kreuzers „Moskwa“ und die Tötung von zwölf Generälen. CIA-Chef William Burns erklärte am Samstag in Washington auf einem Event der „Financial Times“ nicht ohne Stolz:

„Es sind nicht nur Stinger-Raketen, die Russen töten und Ausrüstung zerstören. Auch Aufklärung ist eine Waffe.“

Ziel 3: Das Decoupling zwischen den westlichen Volkswirtschaften und den autoritären Regime in Russland und China. Das Sanktionsregime gegen Russland, das auf Drängen der USA die Energielieferungen, die Zahlungssysteme und jegliche Produktionsstätten in Russland betrifft, bedeutet für die Volkswirtschaft der USA eine Stärkung. Durch die gestiegenen Energiepreise und die vollen Auftragsbücher der US-Rüstungsfirmen hat sich dieser Krieg für die USA finanziell schon gelohnt. Die drei größten US-Öl- und Gaskonzerne, ExxonMobil, Chevron und ConocoPhillips, erwirtschafteten im ersten Quartal des Jahres 16 Milliarden Euro Gewinn. Die Aktien der Rüstungskonzerne Lockheed Martin (+24 Prozent), Northrop Grumman (+18 Prozent) und Raytheon (+6 Prozent) schießen seit Anfang des Jahres in die Höhe.

Von der Rückverlagerung der Wertschöpfungsketten – mittlerweile hat Biden auch den Putin-Partner China ins Visier genommen – verspricht man sich in Washington eine Renaissance der amerikanischen Exportindustrie, die durch den Aufstieg Chinas unter die Räder geraten ist. Auch wenn Donald Trump nicht mehr regiert, sein ökonomisch konnotiertes „America first“ gilt weiterhin, jetzt sogar erst recht. Auch Biden will die blue collar workers für sich gewinnen.

Selbst in den USA wird manchem schon mulmig bei dem Gedanken, der politisch leicht lädierte Biden könnte mit seiner verdeckten Kriegsführung zu weit gehen. CNN-White-House-Reporter Stephen Collinson sagt:

„Biden muss kalkulieren, wie weit er in der Ukraine gehen kann, ohne die rote Linie zu überqueren, die Putin nie genau definiert hat.“

Auch ihm ist aufgefallen, was in diesen Tagen fehlt und was Biden gar nicht erst versucht hat:

„Es gibt bisher keine gehaltvolle diplomatische Offensive des Westens, um den Krieg zu beenden.“

Wir lernen: Die USA sind durch diesen Stellvertreterkrieg zum Paten der Selenskyj-Regierung geworden. Die Regierungschefs aus Kiew und Washington sind einander, wie die Amerikaner sagen würden, „brothers in arms“.

Fazit: Wenn das Vorgehen des amerikanischen Paten gut geht, bekommt Selenskyj den Friedensnobelpreis. Wenn es schief geht, wir Putins Armee.“ " ( zitiert aus Tatjana Festerling auf vk.com / Tatjana Festerling | VK)