Jesus lieben lernen Aus dem Werk des hl. Alphons von Liguori (1696 – 1787, Fest 2. August)

Die Liebe ist nicht eifersüchtig
Der von der Liebe Jesu Christi erfüllte Mensch beneidet die Großen dieser Welt nicht, sondern strebt jenen nach, die Jesus Christus lieben.
Es gibt zwei Weisen, etwas mit Eifer zu suchen, eine schlechte und eine gute. Die krankhafte Eifersucht schaut mit Neid und Traurigkeit auf Güter dieser Welt, die andere besitzen. Der heilige Eifer hat Mitleid und keineswegs Neid gegenüber den Großen der Erde, die in irdischen Ehren und Vergnügungen aufgehen. Der wahre Wetteifer richtet sich ganz auf Gott und lässt sich in diesem Leben durch nichts ablenken vom Verlangen, ihn immer mehr zu lieben; er lässt sich aneifern von jenen, die ihn am meisten lieben.
Das Ziel der Heiligen ist schon auf Erden ganz und gar das höchste Gut, das die Liebe an sich zieht, so dass der von der Liebe Gottes Getroffene sagen kann: „Du hast mein Herz berückt mit einem einzigen Blick Deiner Augen“ (Hld 4,9). Wir können an den ungetrübten Blick der Gott verbundenen Seele denken, der geradlinig darauf gerichtet ist, in allem Gott zu gefallen, im Unterschied zu den Menschen, die in vielfältiger Weise schielen, je nach den verschiedenen Zielen, die sie verfolgen: menschliches Lob und Ehre zu erhaschen, reich zu werden, den Eigenwillen zu befriedigen. Die Heiligen dagegen sehen alles im Blick auf das Wohlgefallen Gottes: „Wen hätte ich denn im Himmel? Und bin ich bei Dir, so ersehne ich nichts mehr auf Erden“ (Ps 73,25). Du, o Gott, bist mein Anteil, der einzige Herr meines Herzens.

Es genügt also nicht, gute Werke zu tun; sondern es gilt, mit Eifer darauf bedacht zu sein, sie mit reiner Absicht zu tun, allein das Wohlgefallen Gottes zu suchen. Hierbei gebührt Jesus jeglicher Lobpreis. Er hat nicht nur große Werke vollbracht, sondern hat alles gutgemacht (vgl. Mk 7,37). Viele Werke verdienen an sich Lob, doch sie gelten vor Gott wenig oder nichts; denn sie geschehen nicht, um Gott zu ehren, sondern aus einem anderen Motiv. Gott wiegt die reine Absicht. Ich erinnere mich an einen alten heiligmäßigen Ordensmann, der im Dienste Gottes unermüdlich war und im Ruf der Heiligkeit starb. Eines Tages sagte er mir im Rückblick auf sein Leben mit Reueschmerz: „Schaue ich mir alle Werke meines Lebens genauer an, so finde ich kein einziges, das ich nur um Gottes willen getan habe.“ Die verfluchte Eigenliebe lässt uns ganz oder doch teilweise den Wert unserer Handlungen verlieren. Wie viele Prediger, Beichtväter, Missionare mühen sich in ihren so heiligen Tätigkeiten ab und gewinnen dabei wenig oder nichts, weil sie nicht Gott allein im Blick haben, sondern auf weltliche Ehren oder Interessen, auf eitle Gefallsucht oder den Eigenwillen schielen.
Der Herr mahnt uns: „Hütet euch, eure Frömmigkeit vor den Menschen zur Schau zu stellen; sonst habt ihr keinen Lohn von eurem Vater im Himmel zu erwarten“ (Mt 6,1). Wer sich abmüht, um seine Schrullen zu befriedigen, hat als Lohn nicht mehr als ein bisschen Rauch, eine vorübergehende Genugtuung; seine Seele geht leer aus. Der Prophet Haggai sieht alle Mühen, wenn es nicht zu Gottes Wohlgefallen geschieht, als ein „Sparen in einen löchrigen Beutel“ an (Hag 1,6). Die unruhige Sorge ist dabei ein Zeichen, dass man nicht aussschließlich auf die Ehre Gottes bedacht ist. Wer dagegen alles zur größten Ehre Gottes unternimmt, bleibt ruhig, auch wenn er einmal keinen Erfolg erzielt; denn er hat ja das Wichtigste erreicht: das Wohlgefallen Gottes aufgrund seiner reinen Absicht.
Folgendes sind die Anzeichen, dass man sich wirklich für Gott allein eingesetzt hat:
1. Man lässt sich nicht aus der Fassung bringen, wenn man das beabsichtigte Ziel nicht erreicht; denn wenn Gott den Erfolg nicht will, will man ihn selbst auch nicht.
2. Man freut sich an dem Guten, das andere vollbracht haben, genau so, als ob man es selbst hätte tun dürfen.
3. Man verbeißt sich nicht auf eine bestimmte Tätigkeit, sondern tut mit Freude, was der Gehorsam verlangt.
4. Nach getanem Werk hascht man nicht nach Dank und Lob; deshalb lässt man sich nicht drausbringen, wenn man Kritik einheimst, da man zufrieden ist, wenn man dem Wohlgefallen Gottes gedient hat. Empfängt man dagegen von Menschen Lob, so wird man nicht selbstgefällig; falls sich Ruhmsucht als Gefährtin anbietet, wird man ihr sagen: „Weg! Du meldest dich zu spät, da ja das Werk schon ganz und gar Gott übergeben ist.“
So tritt man in die Freude des Herrn ein, das heißt, man freut sich mit Gott mit, wie es dem treuen Diener versprochen ist: „Sehr schön, du bist ein guter und treuer Knecht. Du hast das Wenige zuverlässig verwaltet… Nimm teil am Festmahl deines Herrn“ (Mt 25,23). Wenn Gott uns gestattet, etwas Ihm Wohlgefälliges zu tun, was anderes sollen wir dann noch suchen? Denn es gibt für ein Geschöpf kein größeres Glück als das Wohlgefallen seines Schöpfers.
Und genau das hat Jesus mit der Ihn liebenden Seele im Sinn. „Tue ich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel an deinem Arm“ (Hld 8,6). Das Siegel des Herzens ist die reine Absicht, alles aus Liebe zu Gott zu tun; das Siegel des Armes ist, dass man bei der Ausführung alles Gott zum Wohlgefallen tut. Teresa von Avila sah im ausschließlichen Verlangen, Gott wohlzugefallen, den Weg zur Heiligkeit. Das geringste Werk, das man für Gott tut, ist unbezahlbar. Denn alles, was man um des Wohlgefallens Gottes willen tut, sind Akte der Liebe, die uns mit Gott vereinigen und die ewigen Güter erwerben.
Die reine Absicht nennt man die himmlische Alchemie, durch die aus Eisen Gold wird, das heißt, aus alltäglichem Tun wie Arbeit, Essen, Erholung, Ruhe wird das Gold heiliger Liebe, wenn es für Gott getan wird. Von einem heiligen Einsiedler wird erzählt, dass er vor jedem Tun ein wenig innehielt und den Blick nach oben richtete. Als man ihn fragte, was das bedeute, antwortete er: „Ich will sicher sein, dass ich treffe.“ Damit wir treffsichere Schützen sind, hilft es viel, von Zeit zu Zeit in unserem Tun innezuhalten, um auf die Reinheit unserer Absicht achtzugeben.
Jene, die in ihrem Tun nichts anderes im Sinn haben als den Willen Gottes, erfreuen sich der heiligen Geistesfreiheit der Kinder Gottes, kraft deren sie alles unternehmen, was Jesus Christus gefällt, auch wenn die Eigenliebe oder Menschenfurcht Einspruch erheben möchten. Die Liebe zu Jesus Christus gefällt, auch wenn die Eigenliebe oder Menschenfurcht Einspruch erheben möchten. Die Liebe zu Jesus Christus gibt den Liebenden jene Freiheit, die ihnen erlaubt, sich mit dem gleichen Herzensfrieden großen oder kleinen, angenehmen oder unangenehmen Aufgaben zuzuwenden: es genügt ihnen, dass sie Gott gefallen.
Andere dagegen wollen Gott in einer fixierten Tätigkeit, an einem bestimmten Ort, mit gewissen Gefährten oder unter bestimmten Bedingungen dienen; sonst weigern sie sich oder tun alles mit Widerwillen. Sie leben in Unruhe, und das Joch Jesu Christi erscheint ihnen hart. Die wahren Liebhaber Jesu Christi haben Freude, nur das zu tun, was Ihm gefällt, wann und wo Er es will und wie Er es will, ganz gleich, ob der Herr sie in einer von der Welt geachteten Stellung oder in einem geringgeschätzten oder verachteten Leben in Dienst nehmen will. Das heißt Jesus Christus mit reiner Liebe dienen. Darum müssen wir eifrig sein im Kampf gegen die Regungen verkehrter Eigenliebe.
Dieses Freisein für den Herrn betrifft auch die geistlichen Übungen, wenn uns der Herr nach Seinem Wohlgefallen zu anderem Tun ruft. Wer die innere Ruhe verliert, falls Gehorsam oder Nächstenliebe verlangen, dass man auf die üblichen Andachtsformen verzichtet, der soll sich klar sein, dass diese Unruhe nicht von Gott kommt, sondern vom bösen Feind oder von der Eigenliebe. Gott gefallen oder sterben, das ist der Grundplan der Heiligen.

Zwiesprache und Gebet
... Dich liebe ich, mein Jesus, von ganzem Herzen, mehr als mich selbst, einzige Liebe meiner Seele; denn es gibt außer Dir niemand, der aus Liebe zu mir Sein Leben hingegeben hat.

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(Mit leichten Anpassungen an die neue Rechtschreibung aus: Alphons von Liguori, Jesus lieben lernen, Brendow Verlag, Moers 1990, S. 54 – 58)