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Das am 29. Juni 1881 von Papst Leo XIII. veröffentlichte Rundschreiben Diuturnum (Rom-Kurier)

Rom-Kurier
Mai - Juni 2020 Nr. 240

Das am 29. Juni 1881 von Papst Leo XIII. veröffentlichte Rundschreiben Diuturnum

Der aus der Familie Pecci stammende Papst Leo XIII. erinnert uns an die Tatsache, daß die falsche Gegenkirche schon lange Zeit Krieg geführt und darauf abzielt, die wahre Kirche Christi in eine schlimme Lage zu bringen; ja die wirkliche Kirche schwebt in großer Gefahr – doch sie kann nicht untergehen, weil Gott sie beschützt – aber auch die bürgerliche Gesellschaft ist bedroht, weil die auf Umsturz bedachten Anarchisten die staatliche Gemeinschaft in den Abgrund stürzen wollen.

Diese Tatsache ist vollkommen klar; vor allem in jenen Jahren, als Papst Leo XIII. in Rom regierte (er schrieb die erwähnte Enzyklika im Jahre 1881) lehnten die nach der Revolution strebenden Kräfte des (verdorbenen) Volkes jegliche Autorität ab und verweigerten jede Unterordnung unter die bestehenden Gesetze. Die katholische Religion hatte den Staaten das solide Fundament von Ordnung und Stabilität gegeben, so dass der verdeckte Krieg gegen die Kirche nur zum Umsturz und Aufstand gegen Staaten und Herrscher führen konnte. Die Kirche hatte es verstanden, den Rechten und Pflichten von Untergebenen und Führern die richtige Form zu geben. Der Heiland hat den Führern, die leiten dürfen und den Personen, die gehorchen müssen, die Pflicht auferlegt, im bürgerlichen und staatlichen Bereich die Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten. Leider stachelten nach der Erbsünde die sinnlichen Triebe und der Stolz die Menschen dazu an, den Gehorsam zu verweigern; aber wie auch immer die bürgerliche Gesellschaft aussehen mag, es besteht die Notwendigkeit, daß die echte Autorität gebietet und die Untergebenen gehorchen.

Wenn aber jemand dem Staat und der bürgerlichen Gesellschaft das Prinzip der Autorität und das Haupt, dem man folgen muß, wegnimmt und raubt, dann bricht dieses staatliche und gesellschaftliche System zusammen; dann ist der Zweck, für den Gott Staat und Gesellschaft gemacht hat, nämlich das zeitliche Allgemeinwohl nicht mehr erreichbar. Der Untergang begann vor allem mit dem Humanismus und der Renaissance. Um das fünfzehnte Jahrhundert herum wollte die Masse der Menschen im Staat mehr Freiheit haben; willkürlich überschritt sie die Grenzen und stellte neue Theorien auf, was den Ursprung und den Aufbau der Staaten angeht. Von der klassischen Anschauung war dies sehr verschieden; die traditionelle Ansicht gründete auf der durch die politische Philosophie von Aristoteles und Thomas von Aquin gegebenen Unterweisung. Das moderne politische Recht glaubt fälschlicherweise die Staatsgewalt stamme nicht von Gott, sondern komme von unten, vom Volk. Das Volk könne die Macht so handhaben, wie es wolle und ihm günstig erscheint. Dazu sagt die katholische Lehre folgendes: Selbst wenn das Volk die Regierenden durch Wahlen bestimmt, so kommt die Macht und die Autorität doch von Gott, wie es bei jeder menschlichen Autorität der Fall ist. Das Volk sei fähig, die Staatsgewalt aufzuheben, aber Gott ist es, der den Regierenden die Macht verleiht; dabei ist das Volk nur das Mittel, es besitzt daher nicht die Gewalt, welche Gott der legitim gewählten und gesetzlich errichteten Autorität verliehen hat. Kurz gesagt: Falls das Volk (im Staat) die Regierung wählen darf, so kann es trotzdem nicht die Regierungsgewalt übertragen. Es gibt drei Formen der Regierungsgewalt: Erstens: die Monarchie (wenn ein Mann herrscht) – die Entartung dieser Form ist die Tyrannei; zweitens: die Aristokratie (wenn die Besten im Staat regieren) – die Entartung davon ist die Oligarchie; drittens: die Politie, gemeinhin Demokratie genannt (das Volk regiert) – die Entartung der demokratischen Staatsform stellt die Demagogie dar. Alle drei Regierungsformen sind deshalb legitim, weil sie das Allgemeinwohl der Gesellschaft und Bürger im Auge haben. Die entarteten Regierungsformen vernachlässigen das Allgemeinwohl der menschlichen Gesellschaft, weil sie nur auf die Vorteile eines bestimmten Teiles der menschlichen Gemeinschaft sehen (d.h. sie begünstigen den einzelnen Tyrannen oder den Kreis der Oligarchen oder die große Masse des Volkes). Der Papst legt dar, von welchen Versen der Hl. Schrift wir die Tatsache entnehmen können, daß die Staatsgewalt von Gott kommt. Daher lehrt er auch, daß die Menschen diese Wahrheiten, die Gott ihnen gelehrt hat, vergessen haben, als der neuheidnische Aberglauben aufzutauchen begann. Aber dann brach der Glanz des Evangeliums Christi durch, auch die Wahrheit der Staatsgewalt und der Regierung des Volkes begann zu strahlen.

Nachdem Leo XIII. die Kirchenväter, welche dieselbe Lehre über den Ursprung der Autorität gelehrt haben, zitiert und angeführt hat, lieferte er den theologischen Grund für diese Lehre, indem er folgenden Schluß (Syllogismus) machte: Von seiner Natur her ist der Mensch ein Gemeinschaftswesen. Nun aber gibt es keine Gesellschaft ohne Autorität. Daher muß von der Natur der Dinge aus betrachtet, in der Gesellschaft die Autorität existieren, welche gebietet, und (auf der anderen Seite) die Untertanen, welche gehorchen. Die bürgerliche Gesellschaft, das gemeinsame Leben unter der Autorität stammt nicht von der Übereinstimmung der Menschen oder vom Gesellschaftsvertrag; nach diesem von Roussseau so bezeichneten Übereinkommen hat jeder Mensch einen bestimmten Teil seines Rechts selbst zu leiten, abgegeben, alle begeben sich freiwillig in die Gewalt der von ihnen gewählten Regierenden. Nach katholischer Auffassung verhält es sich nicht so. Papst Leo XIII. betonte: Der Mensch ist kein wildes Lebewesen, das allein herumschweifen müßte; Gott hat den Menschen dazu bestimmt, mit anderen zusammen zu leben und so die Gesellschaft zu bilden (die erste Gemeinschaft ist die Familie, dann kommt die bürgerliche Gesellschaft); in ihr zu leben bringt mehr Sicherheit; da können die Menschen das zeitliche Allgemeinwohl erlangen. Das zeitliche Wohl ist dem geistigen untergeordnet, weil der Mensch aus Körper und Seele (der bessere Teil) zusammengesetzt ist. Aus der ganzen Argumentation können wir erkennen, wie sehr die politische Lehre von der natürlichen Gemeinschaft dem Allgemeinwohl der Bürger, der Staatenlenker und der bürgerlichen Gesellschaft den Menschen hilft. Gott hat diese Doktrin geoffenbart; auch der griechische Philosoph Aristoteles lehrte sie; ihm folgten die Kirchenväter, der hl. Thomas von Aquin und die anderen großen Scholastiker. Da die Gewalt der Staatenlenker von Gott kommt und damit „gleichsam eine Mitteilung der göttlichen Macht darstellt, besitzt sie aus diesem Grunde mehr Würde als der rein menschlich begründete Machtbesitz (Leo XIII. das päpstliche Rundschreiben Diuturnum in „Alle Rundschreiben der Päpste /Tutte le Encicliche dei Sommi Pontefici“, Mailand, Verlag Dall’Oglio, V. Auflage, 1959, Band I, Seite 367). Deshalb ist es notwendig, daß die Bürger den Fürsten wie Gott (im Himmel) gehorchen und ihnen untertan sind. Der Grund für den Gehorsam ist nicht so sehr die Furcht vor Strafen, vielmehr ist die Ehrfurcht vor der Majestät entscheidend. Nicht die Schmeichelei, sondern das Bewußtsein der Pflichterfüllung gibt den Ausschlag. Wenn die Gewalt tatsächlich von Gott kommt, dann gehorcht der Mensch mehr aus Liebe. Wer die menschliche Autorität nicht beachtet und ihr gehorcht, muß wissen, daß er damit auch gegenüber Gott ungehorsam ist. Freilich gibt es die Ausnahme.

Der Ungehorsam und der öffentliche Widerstand gegen die bürgerliche Autorität sind dann erlaubt, wenn die politischen Führer von den Bürgern etwas verlangen, was gegen das natürliche und göttliche Recht verstößt. In diesem Fall dürfen die Untertanen nicht gehorchen, da sie dann den Gehorsam gegenüber Gott mißachten würden. „Alle Dinge, welche das natürliche und göttliche Gesetz verletzen, sind boshaft und ungerecht; dies gilt für den Auftraggeber und auch für jenen, der die falschen Maßnahmen ausführt. Sollte jemand in die Lage kommen, daß er gezwungen ist, zwischen diesen beiden Gegebenheiten zu wählen, d.h. die Gebote Gottes oder die Anweisungen des Fürsten zu verachten, dann muß er dem Gottessohn Jesus Christus gehorchen.
Keinesfalls dürfen wir die Personen, deren Verhalten richtig ist beschuldigen, sie hätten es an Gehorsam fehlen lassen, denn wenn der Wille der führenden Personen, dem Willen Gottes und den göttlichen Gesetzen widerspricht, dann überschreiten sie die Grenzen ihrer Macht und zerstören die Gerechtigkeit; in einem solchen Fall hat ihre Autorität keine Geltung, sie ist nichtig, weil die Gerechtigkeit fehlt“ (a.a.O. Seite 367). Weiterhin gilt folgendes: Damit in der Ausübung der Staatsgewalt die Gerechtigkeit herrscht, ist es notwendig, daß die Personen, welche die Macht ausüben, richtig verstanden haben, daß Gott die Regierungsgewalt nicht zum privaten Vorteil der Führer, sondern zum Nutzen der Bürger verliehen hat. Die Regierenden müssen ihre Taten vor Gott verantworten, dem strengen Gerichte Gottes können sie später nicht entkommen. Wenn die Beziehungen zwischen der bürgerlichen und religiösen Gewalt, zwischen dem Staat und der Kirche ruhig und gut sind, so dauert die Freundschaft und die Eintracht fort, dann läuft auch alles andere einwandfrei ab. Tatsächlich nützt die Unterordnung der zeitlichen Gewalt unter die geistige Macht in der Praxis sowohl dem Staat als auch der Kirche. Falls die Völker unruhig werden und Schritte machen, die Autorität aufzuheben, dann sucht die Kirche Versöhnung zu stiften und alle an ihre Pflichten zu erinnern. Wenn aber die politischen Führer absichtlich Fehler begehen und Mißbrauch treiben, sodaß sie nicht für das Allgemeinwohl sorgen, sondern nur zum eigenen Vorteil und Interesse regieren, dann erinnert die Kirche sie an die von ihnen übernommenen Pflichten und an die den Völkern zustehenden Rechte; dann rät sie den Fürsten Milde, Ehrlichkeit, Billigkeit und Güte walten zu lassen. Auf diese Weise gelang es der Kirche oft, die Gefahren von Aufruhr und Bürgerkrieg zu beseitigen. Der moderne Staat versucht alles, um den Umsturz herbeizuführen; er meint (fälschlicherweise), die Autorität komme vom Volk, weil es sie ausübt; so nimmt er der Autorität jede Macht und jede Möglichkeit Bestand zu haben, da er behauptet, sie würde nicht von Gott stammen. Damit öffnet er die Tore für Umsturzbewegungen und Aufstände gegen die Autorität. Wie der Staat vom Volk die Gewalt erhalten habe, so könne er sie auch dem Volk wieder nehmen. Was die richtige politische Philosophie und die Lehre der Konstitution der Staaten angeht, hat die moderne Zeit in ihren Umsturzversuchen folgende Etappen durchlaufen: den Protestantismus, die falsche Aufklärung (Illuminismus) und den Kommunismus. Mit diesen Bezeichnungen hat Papst Leo XIII. sie zusammengefaßt. Sodann machte der Papst darauf aufmerksam, die richtigen Grundsätze seien zu beachten, was die Wiederherstellung der Ordnung und den Begriff der Autorität angeht. Tatsächlich wäre es ein schwerer Fehler, zu meinen, man könne die bürgerliche Gesellschaft, welche durch die Umsturzversuche durcheinander gebracht wurde, allein durch die Strenge des Gesetzes wieder herstellen, ohne gleichzeitig dafür zu sorgen, die wahre Lehre vom göttlichen Ursprung der menschlichen Autorität zu erneuern und wieder in Ordnung bringen. So soll zwischen Staat und Kirche die Eintracht und Einheit wieder aufkommen. Das Heilmittel für so viele politische und gesellschaftliche Übel und Verwirrungen besteht darin, die richtige Lehre des hl. Paulus anzunehmen, daß jede menschliche Gewalt im Staat von Gott kommt (omnis potestas a Deo). Daraus können wir ableiten, ja müssen sogar feststellen, wie weit das Papsttum davon entfernt ist, Hader, Zwiespalt und Aufstände gegen die bürgerliche Gewalt zu erregen; denn die höchste religiöse Gewalt in der Kirche ist besser als jede andere Institution, um für den allgemeinen Nutzen des Staates (res publica) zu sorgen.

Daher mahnt der aus der Peccifamilie stammende Papst die Fürsten, die Religion zu schützen, doch vor allem die einzig wahre von Gott gegründete katholische Kirche zu fördern. Sodann kommt er auf die Lehre der Gegenreformation kurz zu sprechen und erinnert daran, auf welche Weise Franziskus Suarez und der heilige Robert Bellarmin die Beziehungen zwischen der geistigen und zeitlichen Gewalt gesehen haben. Nach ihrer Ansicht besitzen die zeitlichen Fürsten die direkte Gewalt über die zeitgebundene Materie, während die kirchlichen Prälaten die geistigen Dinge regeln. Was die gemischten Materien angeht – sie betreffen dieselben Personen, insofern sie mit der Seele der Kirche, mit dem Körper dem Staat untergeordnet sind – so weist er auf die Eintracht hin und erinnert daran, daß im Interesse sowohl der Kirche als auch des Staates, diese Tugenden immer herrschen sollten. Das hier behandelte päpstliche Rundschreiben ist immer noch gültig und wirkungsvoll, weil es darauf aufmerksam macht, wie die unveränderlichen Grundsätze der politischen Philosophie die praktischen sozialen Folgerungen der Metaphysik darstellen. Weiterhin ist die Enzyklika heute ganz besonders aktuell, weil sie uns daran erinnert, daß gar keine Verpflichtung besteht, ungesetzlichen Anordnungen zu gehorchen; weit eher als den Regulierungen, welche zu Übeln und Irrtümern hinführen, müssen wir dem natürlichen und göttlichen Gesetz unsere Zustimmung geben.
Joachim sì sì no no 31.10.2018

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