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Non possumus!

Mit Stentorstimme rief Stefan Kardinal Wyszynski von seinem Thronsessel in Warschaus Kathedrale: »Non possumus!« ("Wir können nicht!"). Wieder und wieder hallte der Kardinalsruf durch das Gotteshaus, und jedesmal stieß der Primas von Polen dabei seinen Krummstab auf den Boden.

Heiliger Krieg

»Non possumus« -- das ist die traditionelle Formel, mit der römische Kirchenfürsten der weltlichen Macht den Gehorsam aufkündigen. Oberhirten jenseits von Oder und Neiße gebrauchten diese Formel zweimal gegen Machthaber in Berlin -- gegen Bismarck und Hitler.

Als Bismarck im preußischen Kulturkampf das berühmte Priesterseminar von Gnesen auflösen wollte, antworteten die Bischöfe: »Non possumus« -- und kamen damit durch. Bei Hitler gelang die Beschwörung nicht: Gnesens Seminar wurde Polizeischule.

Nach Deutschlands Preußen und Braunen wollten nun Polens Rote Hand an Gnesen und drei weitere Priesterseminare legen. KP-Chef Gomulka verlangte ihre Schließung, Kirchen-Primas Wyszynski aber antwortete in der Kathedrale, dies sei ein Fall, da »man Gott mehr gehorchen muß als den Menschen«.

Der zum Heiligen Krieg eskalierte Seminar-Streit hatte sich vor Jahren an einem Erlaß des Warschauer Erziehungsministeriums entzündet. Das Dekret unterstellte den Unterricht an Polens 48 Priesterseminaren mit zur Zeit rund 4000 Absolventen staatlicher Kontrolle -- allerdings nur in den weltlichen Fächern, wie Jura und Geschichte.

Begründung: Die Jung-Theologen würden in einer »dem Staat nicht freundlichen Atmosphäre« erzogen (so das KP-Sprachrohr »Trybuna Ludu").

Der Argwohn war berechtigt. Denn während der Vatikan unter Johannes XXIII. und Paul VI. vorsichtig eine Koexistenz zwischen römischer Kirche und roten Regimes anbahnte, beharrte der ultrakonservative Polen-Primas Wyszynski auf den von Plus XII. errichteten Positionen feindseliger Ablehnung.

Als einige der Staats-Inspektoren auch in rein theologischen Vorlesungen schnüffelten, beschwerte sich Wyszynski bei Gomulka und erhielt prompt die schriftliche Zusicherung, die Kontrolle Werde wieder auf die weltlichen Fächer beschränkt. Da verlangte Wyszynski plötzlich mehr: die Abschaffung sämtlicher Inspektionen.

Gomulka nahm die Herausforderung an. Er verordnete nun seinerseits, daß der Staat künftig auch bei der Auswahl der Seminar-Lehrkräfte mitreden werde.

Daraufhin verriegelten einige Seminare, darunter das von Gnesen, auf Wyszynskis Geheiß ihre Pforten vor den Inspektoren. Gomulkas Gegenzug: Er drohte, vier Priesterseminare zu schließen. Wyszynskis dramatisches »Non possumus« brachte jetzt das Regime in eine fatale Lage.

Denn Polens Kommunisten wollen und können sich einerseits einen offenen Kirchenkampf nicht leisten; 1966 feierte Polens Kirche ihr tausendjähriges Jubiläum, und es wurde eine triumphale Loyalitätskundgebung der Polen für ihre Kirche. Andererseits können die Kommunisten nicht ungetarnt zu Kreuze kriechen. Sie verlegten sich aufs Verhandeln. Doch obgleich sie heute von Kardinal Wyszynski nur noch fordern, daß er die Inspektoren wieder in die Seminare läßt, scheiterte eine erste Friedenskonferenz zwischen Polit-Bürokraten und Prälaten. Weihbischof Choromanski: »Die Beziehungen zwischen Staat und Kirche sind so schlecht wie nie zuvor.«

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„Non possumus“: In der Auseinandersetzung mit den kommunistischen Herrschern der Volksrepublik Polen zeigte Kardinal Stefan Wyszynski nicht nur Mut und aristokratische Standhaftigkeit, sondern auch, dass kirchliche Dialogbereitschaft Grenzen hat.