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Christian Zeitz: Der Geist von 1683 (www.wienerakademikerund.org)

Der Geist von 1683

11. September 2020
von Christian Zeitz

Die aktuelle Corona-Politik hat vielfach den Blick auf das seit längerer Zeit im Gang befindliche Großprojekt der Beseitigung der Christlichen Kulturfundamente Europas verstellt. Dabei hängen die dramatischen Umwälzungen, die sich im Gefolge der international akkordierten Corona-Zwangsmaßnahmen-Politik abzeichnen, mit dem Wunsch nach einer globalen Neuordnung der Welt gemäß „multikultureller“ und „multireligiöser“ Vorstellungen eng zusammen.

Für die Erhaltung dessen, was Europa stark, erfolgreich und human gemacht hat, lieferte Österreich mehrmals substantielle Beiträge. Die wichtigsten der diesbezüglichen historischen Ereignisse sind wohl bekannt: die Zurückschlagung der Türken 1529 vor Wien und damit die mehrjährige militärische Destabilisierung der Armee des wohl mächtigsten Sultans aller Zeiten, Suleyman des Prächtigen; die Zerstörung der türkischen Flotte in der größten Seeschlacht aller Zeiten, Lepanto 1571 – immerhin unter dem Oberbefehl des österreichisch-stämmigen Don Juan de Austria; die heldenhafte Niederringung der materiell weit überlegenen Armee des Cara Mustafa Pascha mit Hilfe der Entsatzheere befreundeter Nationen 1683; die großflächige territorial Zurückschlagung der Osmanen durch Prinz Eugen, u.a. in den Schlachten von Zenta (1697) und Belgrad (1717) mit der Folge der Beseitigung des Islamisierungsprozesses in Ungarn und (zeitweilig) am Balkan.

Die herausragenden militärischen Leistungen großartiger österreichischer Feldherrn verstellen oft den Blick für die wesentliche Ressource, auf der wirksame Verteidigungsfähigkeit stets ruht: der unbedingte Wille, die eigene, als überlegen erkannte Ordnung zu erhalten und ihre geistigen und spirituellen Fundamente zu pflegen und auszubauen. Für Kaiser Leopold I, Ernst Rüdiger von Starhemberg, Karl von Lothringen, Prinz Eugen und anderen waren die Bedeutung eines christlich begründeten Selbstbewußtseins und die kompromißlose Zurückweisung des Zivilisationsregresses, wie er stets im Gefolge der Islamisierung in Gestalt einer schariatischen Rechtsordnung, der Versklavung der Gegner, eines Apartheitregimes und eines wirtschaftlichen Niederganges droht, eine absolute Selbstverständlichkeit.

Genau diese geistigen und geistlichen Grundlagen eines kulturellen und nationalen Selbsterhalts fehlen in unseren Tagen. Sie sind der Beseitigung der Kräfte des Selbsterhalts durch pathologische Antidiskriminierungsgesetze, Aushöhlung der Meinungsfreiheit und damit der geistigen Selbstverteidigungsfähigkeit sowie der Degeneration durch Multikulturalismus und Relativismus und besonders durch progrediente Ent-Christlichung zum Opfer gefallen. Die Besatzungsmacht der Europäischen Union, die bereits seit langem zu einem abgehobenen Elitenprojekt geworden ist, hat ein Übriges dazu getan.

Nachdem Geschichtslosigkeit zum allgegenwärtigen Phänomen geworden ist, darf es nicht verwundern, dass die Verbindungen zu den kulturbildenden und identitätsstiftenden Ereignissen der eigenen Vergangenheit verloren gegangen sind. Das wirkt sich umso fataler aus, als die gegenwärtige türkische Staatsführung ganz und gar nicht demselben Fehler verfallen ist wie die Länder Europas. Ganz im Gegenteil: Der türkische Präsident Recep Erdogan stellt gezielt regelmäßig historische Bezüge zu seiner eigenen Großmachtpolitik her und legitimiert dies mit dem Auftrag zur Islamisierung nicht-türkischer Gebiete und dem Mythos des Großreichs der Osmanen. Nachdem er derzeit offenbar keinen westlichen Machtträger gibt, der ihm dabei resolut entgegentritt, fühlt sich Erdogan ermutigt, in seiner Strategie immer dreister zu werden und die Schlagzahl seiner ideologischen ebenso wie der realpolitischen Angriffe zu erhöhen.

Islamische Symbolakte und militärische bzw. politische Kraftakte wechseln einander in dieser Strategie systematisch ab. Die Liste derartiger Akte ist gerade in allerletzter Zeit deutlich gewachsen. Dem Gewaltakt der Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee im vergangenen Juli – sie war zum Zeitpunkt ihrer Erbauung die größte Kirche der Christenheit und seit 1935 ein Museum – folgte die Verschärfung der militärischen Intervention in Libyen auf der Seite des IS-Verbündeten und derzeitigen Machthabers Fayiz as-Sarradsch zum Zweck der Ausdehnung des neo-osmanischen Einflusses in Afrika. Der nächste Akt war wieder ein Bestandteil der Symbolpolitik: Die großangelegte Feier in Ostanatolien, mit der Erdogan am 26. August den Jahrestag der Okkupation Kleinasiens in der Schlacht von Manzikert 1071 durch den Seldschukenführer Alp Arslan als beispielgebend für die heutige Politik der Türkei pries. Und unmittelbar darauf die Verschärfung der Einleitung von Maßnahmen zur Erschließung von Erdölfeldern im Mittelmeer.

“Wir müssen überall sein, wo unsere Ahnen waren”, proklamiert Erdogan unverhohlen, Und er legitimiert seinen Anspruch mit der Verpflichtung zur Ausdehnung und Universalisierung des islamischen Herrschaftsgebietes. Erdogan lästert regelmäßig über die Folgen des Vertrages von Lausanne 1923, der die Grenzen des ehemaligen Osmanischen Reiches, aufbauend auf dem Vertrag von Sevres, deutlich beschnitt. Allen ernstes will er mit diesem weiteren, scheinbar “nur” symbolischen, Bezug eine Verschiebung der syrisch-türkischen Grenze betreiben, mit der ganz Nord-Syrien, mindestens ein Drittel des derzeitigen Syriens, der Türkei zugeschlagen werden soll.

Die westliche Welt tritt diesem Treiben nicht entgegen, weil sie nicht bereit ist, den Kampf zunächst auf der (vermeintlich “nur” symbolischen) ideologisch-religiösen Ebene zu führen. Damit ist aber der Wunsch Erdogans, sein Reich wieder bis an die Grenzen Wiens auszudehen und die Schmach von 1683 zu tilgen, weit mehr als nur eine Phantasie-Vision. Erdogans Einfluß auf die vom türkischen Religionsministerium gesteuerte österreichische Moscheen-Gesellschaft ATIB (mit über 60 Standorten) ist hier nur als erster Schritt gedacht. Mangels eines adäquaten Islam-Gesetzes und einer konsequenten De-Islamisierungspolitik ist der Ausweitung des türkischen Einflusses auf die zahlreichen islamischen Subkulturen in Österreich keine Grenze gesetzt. Dies gilt ebenso für zahlreiche andere Länder Europas.

Was in Europa fehlt, ist der Geist von 1683 und das Bewußtsein, dass Zivilisationsfrüchte der letzten Jahrhunderte ohne das christliche Fundament des Kontinents unmöglich gewesen wären. Reconquista tut Not. Und sie kann funktionieren. Gegen die Illusion “multikultureller Vielfalt” und spiritueller Beliebigkeit. Europa braucht ein geistiges Entsatzheer am ideellen Kahlenberg des 21. Jahrhunderts.