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Corona: Ausnahmezustand darf nicht zum Dauerzustand werden!

Kopp-Report-Archiv

Torsten Groß

Corona: Ausnahmezustand darf nicht zum Dauerzustand werden!


Am Montag hat sich Matthias Döpfner, seines Zeichens Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE und Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger, in einem Artikel in der Tageszeitung Die Welt zur Corona-Krise geäußert. Döpfner bringt darin seine große Verunsicherung und Ambivalenz zum Ausdruck, die sich aus der Fülle widerstreitender Informationen und Expertenmeinungen ergeben: Einerseits die Tatsache, dass laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) bislang knapp 17.747 Menschen auf dem Globus an COVID-19 verstorben sind, was weniger ist, als die Grippewelle 2017/2018 in Deutschland an Opfern gefordert hat. Die soll rund 25.000 Menschenleben gefordert haben, wobei diese Zahl aber auf einer Hochrechnung basiert, mit der die angenommene Dunkelziffer abgebildet werden soll. Registriert wurden von Robert-Koch-Institut (RKI) »nur« 1.674 Tote.

Allerdings scheint die Sterberate beim neuen Corona-Virus bezogen auf die Gesamtheit der Infizierten deutlich höher zu sein als bei der Grippe (4,3 Prozent weltweit versus 0,1-0,2 Prozent).

Nur: Die tatsächliche Zahl der Virusträger ist gar nicht bekannt, weil bislang üblicherweise nur solche Menschen auf den Erreger getestet werden, die Krankheitssymptome zeigen oder einer Risikogruppe angehören (z.B. Ältere, medizinisches Personal etc.). In China soll die Dunkelziffer der Corona-Fälle bei über 80 Prozent gelegen haben. Die tatsächliche Mortalität dürfte deshalb viel geringer sein, als die offiziell veröffentlichten Zahlen vermuten lassen. Es stellt sich deshalb die Frage, ob die rigiden Maßnahmen der Politik nicht nur in Deutschland angesichts der massiven Folgen für die Wirtschaft, die absehbar in eine schwere Rezession mit Massenarbeitslosigkeit und sozialen Verwerfungen abgleiten werden, tatsächlich gerechtfertigt sind.

Am Ende könnten die negativen Folgen der Virusbekämpfung gravierender sein als COVID-19 selbst!

Andererseits ist die Dynamik, mit der sich das neuartige Coronavirus ausbreitet, dramatisch: Ende Dezember 2019 wurde COVID-19 erstmals in China nachgewiesen. Jetzt – nur drei Monate später – sind laut WHO bereits rund 335.000 Infizierte registriert. Am 16. März waren es noch 166.799. Das bedeutet einen Anstieg von mehr als 100 Prozent in nur einer Woche. In Deutschland ist die Zahl der amtlich festgestellten Infektionen im gleichen Zeitraum sogar um 356 Prozent gestiegen.

COVID-19 breitet sich damit sehr viel schneller aus als normale Grippeviren. Durchschnittlich 20 Prozent der Infizierten müssen im Krankenhaus behandelt werden, etwa 6 Prozent intensivmedizinisch. Ginge der Anstieg der Fallzahlen in diesem Tempo weiter, dann wäre es nur eine Frage der Zeit, bis auch das deutsche Gesundheitswesen unter der Last der stationär zu versorgenden Corona-Patienten kollabierte, wie es teilweise schon jetzt in Italien und Spanien der Fall ist. Dann aber würde auch die Zahl der Toten rasant steigen, weil auf kurz oder lang die Beatmungsgeräte ausgingen, um das Leben der schwer Erkrankten auf den Intensivstationen zu retten.

Die Ärzte wären gezwungen, eine Auswahl zu treffen, welchen Betroffenen mit den nur begrenzten Ressourcen geholfen werden kann und welche man abweisen muss, um sie ihrem tödlichen Schicksal zu überlassen. Genau dieses, in der Fachsprache als Triage bezeichnetes Verfahren, kommt in Italien bereits zur Anwendung. In Deutschland sind wir von diesem Szenario glücklicherweise noch ein gutes Stück entfernt, weil die Zahl der Beatmungsgeräte hierzulande schon vor Beginn der Krise mit knapp 30 pro 100.000 Einwohner etwa doppelt so hoch war wie in Italien. Auch stehen bei uns mehr Krankenhausbetten zur Verfügung.

Sollte sich die Expansion des Virus aber in der jetzigen Geschwindigkeit fortsetzen, wird auch das deutsche Gesundheitswesen absehbar die Grenzen seiner Kapazitäten erreichen. Deshalb muss es darum gehen, die Ausbreitung des Krankheitserregers so weit wie möglich einzudämmen und die Zahl der Neuerkrankungen zu senken. So wird Zeit gewonnen, auch für die Entwicklung wirksamer Medikamente und eines Impfstoffs. Neuansteckungen lassen sich am besten dadurch vermeiden, dass die physische Interaktion der Menschen auf das unbedingt erforderliche Maß reduziert wird. Das ist die Begrünung der Politik für die umfangreichen Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen, die jetzt beschlossen worden sind.

Klar ist aber auch: Dieser Ausnahmezustand kann nicht ewig andauern. Andernfalls drohen erhebliche wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Verwerfungen, die auch das reiche Deutschland nicht verkraften würde. Wenn der Chef des Robert-Koch-Instituts, Prof. Dr. Lothar Wieler, meint, die Beschränkungen könnten bis zu zwei Jahre dauern, um das Virus in den Griff zu bekommen, dann ist das völlig realitätsfern.

Bereits ein Stillstand von wenigen Monaten würde die deutsche Volkswirtschaft massiv schädigen und könnte sogar eine neue Banken- und Finanzkrise auslösen, vor der Experten wie die Ökonomen Markus Krall und Max Otte bereits seit Längerem warnen. Das Ifo-Institut hat ausgerechnet, dass schon ein »Shutdown« von nur vier Wochen im günstigsten Fall zu Produktionsausfällen in einem Volumen von 152 Milliarden Euro führen würde – sofern es gelänge, die Wirtschaft nach dem Ende der Beschränkungen rasch wieder hochzufahren. Andernfalls wären die Einbußen noch deutlich größer. Außerdem sind so weitreichende Grundrechtseingriffe, wie sie jetzt auf Basis des Infektionsschutzgesetzes vorgenommen werden, verfassungsrechtlich nur zulässig, wenn die Maßnahmen zeitlich befristet bleiben.

Die Politik dürfte deshalb schon bald einen Kurswechsel vollziehen: Anstatt das ganze Land lahmzulegen, wird man die Schutzmaßnahmen auf besonders gefährdete Menschen fokussieren, bei denen die Wahrscheinlichkeit eines schweren Krankheitsverlaufs der Infektion besonders hoch ist, also auf Ältere und Personen mit Vorerkrankungen. Sie machen etwa 5-10 Prozent der Bevölkerung aus und stellen das Gros der behandlungsbedürftigen bzw. verstorbenen Patienten. Alle anderen müssen möglichst rasch in den Alltag und an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, damit das wirtschaftliche Leben als Grundlage unseres Wohlstands wieder in Gang kommt.

Notwendig sind deshalb flächendeckende Corona-Tests, um möglichst alle Infizierten zu ermitteln, also auch solche, die keine oder nur schwache Symptome zeigen, angefangen mit den Belegschaften besonders wichtiger Unternehmen. Wer gesund ist, erhält eine entsprechende Bescheinigung und kann sich frei bewegen. Alle anderen kommen in häusliche Isolation oder werden in Krankenhäusern behandelt, bis sie genesen sind und dann eine zumindest temporäre Immunität gegen das Virus ausgebildet haben.

Experten erwarten, dass noch in diesem Monat zuverlässige Schnelltests in Deutschland verfügbar sein werden, um solche Massenuntersuchungen durchführbar zu machen. Dann hätte man endlich auch belastbare Daten, um besser als derzeit einschätzen zu können, wie gefährlich das Virus tatsächlich ist.

Einen langandauernden Shutdown können wir uns nicht leisten, weder in Deutschland noch in anderen Industriestaaten. Andernfalls wird die Bekämpfung des Virus am Ende mehr Schaden anrichten und Menschenleben fordern als COVID-19 selbst!

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