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Santiago74

Credo: Biblische Seligkeit

Credo: Biblische Seligkeit

Zwischen subjektivem Glück und der Frage nach dem sittlich Guten: Robert Spaemann analysiert, was ein gelungenes Leben ausmacht und worin sein Glanz besteht.

Eine englische Bibel ist beim Psalter aufgeschlagen Foto: Yinzhong/stock.adobe.com

„Selig der Mann, der nicht wandelt nach dem Rate der Bösen ...“ Der Psalter, also das Gebetbuch, das Israel und die Christenheit gemeinsam haben, beginnt mit dem Wort „selig“, „glücklich“, und mit eben dieser Beobachtung beginnt der Psalmenkommentar, den Robert Spaemann unter dem Titel „Meditationen eines Christen“ vorgelegt hat.

Kann man sich eine glänzendere Rechtfertigung des Eudämonismus vorstellen? Einen solchen hat Spaemann sein Leben lang vertreten; um ihn geht es in seinem Hauptwerk „Glück und Wohlwollen“. Spaemann bevorzugt die Umschreibung des griechischen Wortes „eudaimonia“ mit „gelungenes Leben“. Die gewöhnliche Übersetzung mit „Glückseligkeit“ ist zwar nicht falsch, kann es aber schnell werden, sobald aus dem Begriff der „Glückseligkeit“ die ethische Dimension als eigenständige Urgegebenheit herausgestrichen, dem moralisch Guten also nur noch instrumenteller Wert zur Erlangung des eigenen Wohlbefindens zugeschrieben, das bonum honestum (das Ehrbare) auf das bonum utile (das Nützliche) reduziert wird. Im religiösen Kontext kommt dann eine Lohnethik heraus, die es Kritikern leicht macht, ihr etwa die Kantische Pflichtethik als höherwertig entgegenzustellen. Denn wenn ich das, was ich tun soll, nur tue, weil es mir nützt, dann habe ich den sittlichen Anspruch des Guten, der als solcher immer ein unbedingter ist, noch gar nicht verstanden.

Gebrauchsanweisung für ein gutes Leben

Spaemann weiß natürlich darum, und gerade der philosophischen Klärung dieser Spannungseinheit zwischen subjektivem Glück und unbedingtem Anspruch des Sittlichen ist sein Werk gewidmet. Einen ersten Ansatz zu dieser Klärung findet er bereits im zweiten Vers des ersten Psalms, der uns darüber Auskunft gibt, wodurch sich die Freude des Glückseligen von dem des Spötters unterscheidet: Er hat seine Freude am Gesetz der Herrn. „Und das ist die tiefste Kluft, die es gibt“, schreibt Spaemann. Diese Aussage ist keine fromme Übertreibung, sondern trifft exakt den Kern der Sache: Es ist die Kluft zwischen gut und böse. Es ist nicht mein Glück, das darüber entscheidet, was als Gut oder Böse zu gelten hat, sondern umgekehrt: Das Objekt meiner Freude entscheidet darüber, was meine Freude wert ist. Wenn das Gesetz des Herrn meine Freude ist, dann besteht mein Glück im sittlichen Wert, den mein Leben durch die Gesetzestreue erhält. Das Gesetz ist die Gebrauchsanweisung für ein gutes Leben, wobei hier mit „gut“ gemeint ist: „des Lobes würdig“. Nicht der ist selig, der es sich gut gehen lässt, sondern dessen Leben gut ist, weil es gerecht und richtig ist. Diese Recht-heit, Lobwürdigkeit und Güte des Lebens, zu der uns das Gesetz des Herrn verhilft, ist der „Glanz einer göttlichen Wirklichkeit“.

Aber weil der Mensch nicht nur ein Vernunft-, sondern auch ein Lebewesen ist, hängt sein Glück nicht nur von seinem eigenen Tun (der Erfüllung des Gesetzes), sondern auch von Lebensumständen ab, die er nicht in der Hand hat, von Gesundheit, Schmerzfreiheit, Erfüllung seiner vitalen Bedürfnisse. Und das bedeutet: Das Gelingen seines Lebens ist immer auch bedroht, und zwar besonders durch die Macht der Gottlosen, wie sie im Psalm genannt werden. Das sind jene, die sich nicht um das Gesetz des Herrn scheren, für die nur der Eigennutz zählt. Gottlose, Gesetzeslose, Sünder, Spötter: In der Perspektive des Psalmisten sind das Synonyme. Diese Macht der Bösen kann der Gerechte nicht aus eigener Kraft durch seine Gesetzestreue bannen. Dass es ihm tatsächlich gut ergeht, hängt vom Wirken Gottes ab, und Gott wirkt sein Heil im Gericht. Im ersten Psalm erscheint Gottes Gericht als der tröstliche Garant dafür, dass dem Gerechten Recht verschafft wird und der Pfad der Gottlosen ins Verderben führt.

Die Reihe zu Robert Spaemann wird im nächsten „Credo“ fortgesetzt