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„Dem Deutschen Volke“: Jetzt auch mit Lyrik?

Braucht der Deutsche Bundestag einen Parlamentspoeten?

Stand: 05.01.2022

Von Mladen Gladić, Marc Reichwein

Schriftsteller fordern das Amt eines Parlamentspoeten im Deutschen Bundestag. Sinnvoll oder nicht? Ja, denn die Französische Revolution lehrt uns etwas, meint Mladen Gladić. Nein, das kann nur peinlich werden, sagt Marc Reichwein.

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Ja, meint Mladen Gladić:

Eine Initiative spricht sich dafür aus, das Amt einer „parlamentarischen Poetin“ zu schaffen. Einen prominenten Fürsprecher hat man schon: „Das Parlament“, sagte Alexander Kluge im Deutschlandfunk, „ist unser Gesetzgeber. Es ist ein Kernstück unserer Republik. Und es würde den Gesetzen guttun, wenn sie auch gesungen werden könnten. Und dazu ist die Poetik da.“

Nun ist der große 89-Jährige eine seltene Verkörperung all dessen, was heute nicht platt dem Zeitgeist nach dem Mund plappert. Dieser herrschende Zeitgeist stellt sich beim Zusammenklang der Worte „Poesie“ und „Politik“ allenfalls „Kulturschaffende“ vor, die um Brocken aus den Töpfen der staatlichen Förderung bei Regierungsstellen antichambrieren. Vielleicht auch den nicht ganz textsicheren Vortrag der Nationalhymne, zumal in Sportstätten, die nach Versicherungskonzernen benannt sind: „brüh im Lichte …“.

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Klingt auch nicht gerade altehrwürdig, „parlamentarische Poetin“ oder „Parlamentspoet“, ganz anders als das erklärte Vorbild, das Amt des „parliamentary poet laureate“ in Kanada. Da schwingt im Wörtchen „laureate“ der Lorbeer mit, jenes Signum unsterblichen Ruhms, den zu erringen – und den zu besingen – die Poesie einst angetreten war. Politischer Ruhm aber ist suspekt geworden, während Kritik allzeit erwünscht scheint, und sehr leicht über die Lippen geht. Vor allem Kritik an der „Politik“, mit der der deutsche Michel noch immer nicht viel zu schaffen haben will, solange sie ihn des Nachts nur ruhig schlafen lässt, moderat besteuert, und sich zünftig beschimpfen lassen lässt – auf Twitter, Facebook, ganz intim im Telegramm-Kanal, oder wie früher in der Wirtschaft.

Die Berührungsängste, die sich einstellen, wenn von Dichtung und Politik gesprochen wird, kommen trotzdem nicht von ungefähr: Denn das klingt nach Panegyrik, neudeutsch: Propaganda, Manipulation, Schönfärberei. Zum Beispiel nach der von Pfeifenrauch geschwängerten Schreibstube eines hemdsärmeligen Günter Grass, der SPD-Slogans dichtet. Oder nach „Burka“ und „Burgunder“ – den verunglückten Stabreimen Thor Kunkels für die AfD.

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Nun geht es bei dem Vorstoß, den Simone Buchholz, Dmitrij Kapitelman und Mithu Sanyal gemacht haben, keineswegs um Parteienwerbung, die sich ja – Beispiel Österreich – auch immer öfter auf ganz andere Akteure als Literaten verlässt. Um Herrscherlob geht es allerdings schon, insofern in Deutschland alle Macht vom Volk ausgeht und dieses Volk durch das Parlament repräsentiert wird.

Hans Haackes Kunstwerk „Der Bevölkerung“ im Deutschen Bundestag
Quelle: picture-alliance / dpa

Dass uns Panegyrik heute suspekt vorkommt und noch dazu ziemlich gestrig, hat Gründe. Als Lob des Herrschers war sie nicht nur darauf gerichtet, was ein einzelner Souverän tat und sein ließ, sondern auch darauf, was er verkörperte: Die Ewigkeit des Amtes, das er nur bekleidete. Königlicher Ornat, in Öl gemalte Porträts, mehr oder weniger schwülstige Dichtung: All das war Teil einer Logik, nach der sich der menschlich allzumenschliche, natürliche und sterbliche Körper des Königs an den überzeitlichen und unsterblichen politischen Körper des Königtums annäherte. Das änderte sich freilich in Europa auf blutige Weise 1789 mit der französischen Revolution und der Entleibung der Monarchie durch die Guillotine: „Le Roi est mort, vive la République!“.

Aber auch die brauchte einen Ort, eine Verkörperung: Edmund Burke, der große Konservative, Zeitgenosse und Gegner der Revolution, sprach von der „kannibalische Republik“. Die Demokratie betreibe „body snatching“ am Königskörper, so hat es der Politologe Philip Manow in jüngerer Zeit ausgedrückt. Denn sie setzt das Parlament auf den leeren Platz des Königs, an dem es seinerseits lediglich die Verkörperung des neuen Souveräns darstellt: des Volkes, das als ewig und heilig verstanden wird, während seine Vertreter nicht mehr im Turnus ihrer Lebensspanne oder von Krönungen und Abdankungen wechseln, sondern gemäß eines festgelegten Wahlvorgangs, der einem gleichfalls festen Rhythmus folgt. Ein anderer Revolutionszeuge, der Abbé Sieyès, wechselte zwar das metaphorische Register, als er schrieb, der soziale Körper erschaffe sich mit dem Parlament seinen Kopf selbst, betonte aber auch damit, dass das Parlament den Platz des nun kopflos gewordenen Monarchen eingenommen hatte, ohne den die Souveränität des Volkes kaum denkbar ist.

„Es gibt keine Möglichkeit, die Leute aufzuhalten, ohne zu schießen“

Kopflos erscheint Deutschland dieser Tage, der revolutionäre Glanz des Parlaments ist verblasst, die Erinnerung daran, dass es uns alle verkörpert, unserer sinnlichen Wahrnehmung entzogen. Und das in Zeiten, in denen die Exekutive zu häufig an der Legislative vorbeiregiert und Aktivisten durch die Flure des Reichstags turnen, während sie Volksvertreter anpöbeln. Warum diese wichtige Erinnerung also nicht ein bisschen greifbarer machen, sie in ein „Fühlen, Sehen, Schmecken, Metaphernfinden“ überführen, im Gesang eines Poeten oder einer Poetin im Parlament.

Nein, meint Marc Reichwein:

Ja, es ist immer klug, ins Ausland zu schauen und sich von anderen Ländern, anderen Sitten anregen zu lassen. Und nein, wir brauchen keinen staatlich bestellten poeta laureatus, der zu besonderen parlamentarischen Gelegenheiten Gedichte vorträgt: Das Haiku zur Haushaltsdebatte? Ein Sonett zur Sommerpause? Das Volkslied zum Ausschuss für Wirtschaft und Energie („Ein schöner Land“) hatten wir ja schon – im grünen Wahlkampf. Der Deutsche Bundestag braucht keine postmodernen Hofsänger, die aus parlamentarischen Gremien Poesie und aus Debatten Thesentheater schöpfen.

„Warum haben wir keine Poetinnen und Poeten im Bundestag?“ Das fragen Simone Buchholz, Mithu Sanyal und Dmitrij Kapitelman allen Ernstes in der „Süddeutschen Zeitung“. Die beiden Schriftstellerinnen und der Schriftsteller könnten sich doch aufstellen und selbst reinwählen lassen, politisch hellwache und sogar witzige Bücher legitimieren sie, doch nein: Sie schlagen eine Parlamentspoetin nach kanadischem Vorbild vor. Was sie konkret fordern, ist ein Stipendium. Ein staatlich finanziertes Honorar, mit dem ein Schriftsteller „die sinnliche Welt des Fühlens, Sehens, Schmeckens, Metaphernfindens, der Synästhesie in den Bundestag bringen“ soll.

Spätestens hier wird die Intervention romantisch. „Es gibt Dinge, über die wir nicht in der Sprache von Statistiken, Analysen und Fraktionsmehrheiten reden können“, schreiben Buchholz, Kapitelman und Sanyal, als wollten sie Novalis zum 250. Geburtstag grüßen. Der dichtete einst: „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren / Sind Schlüssel aller Kreaturen / Wenn die, so singen oder küssen / Mehr als die Tiefgelehrten wissen … Dann fliegt vor einem geheimen Wort / Das ganze verkehrte Wesen fort“.

Als Novalis die Braunkohle propagierte

Ein Novalis für woke Waldorfschüler scheint der aktuelle Vorstoß zu sein: „Die Hauptaufgabe dieser poetischen Amtsinhaberinnen und Amtsinhaber wäre, mit Abgeordneten zu reden, um parlamentarische Diskurse, politische Debatten und Strömungen in Poesie oder Prosa zu gießen“. Gemeint ist das tatsächlich „als Irritation, als Störfaktor“. Etwa durch „Leuchtschriften oder Lichtinstallationen an der Bundestagsfassade“, „über Flyer, Postkarten, Bücher“ – das klingt doch sehr nach einem größenwahnsinnigen Deutsch- und Gemeinschaftskundekurs, der den Bundestag zur Bühne seiner Projekttage macht: „Und es muss gar nicht unbedingt nur Literatur sein, die diese Aufgabe übernimmt, es könnte auch Musik sein.“

Überlassen wir den Ausdruckstanz des Haushaltsausschusses (oder Sportausschusses? Verrenken müssen sich beide!) doch bitte den wirklich freischaffenden Künstlern. Spätestens an der Stelle, an der Buchholz, Kapitelman und Sanyal „Heilung“ und „Versöhnung“ fördern, wird man endgültig misstrauisch. Es ist doch nicht Aufgabe der Literatur, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu besorgen! Was nicht heißt, dass Literatur nicht politisch sprechen kann. Aber den staatlich-offiziellen Repräsentationsauftrag hat sie mit dem Feudalsystem hinter sich gelassen, sie hat mit der Aufklärung eine Mündigkeit und Autonomie erreicht, hinter die sie nie mehr zurücktreten sollte.

Das Amt des parlamentarischen Poeten oder der parlamentarischen Poetin soll laut Buchholz, Kapitelman, Sanyal rotieren und Ausdruck unserer diversen Gesellschaft sein, und auch dieser Punkt wird betont, es wäre „endlich mal etwas, das die AfD aushalten muss“. Das ist eine seltsam verquere Idee von Repräsentation neben der gewählten Repräsentation. Eine Art Stadtschreiberposten im Parlament. Denn, mit Verlaub, den Poetisierungsposten können Schriftstellerinnen und Schriftsteller doch jederzeit einnehmen. Sie können, wie weiland Rainald Goetz, auf der Zuschauertribüne Platz nehmen. Dass Goetz seinen großen Bundestagsroman bis heute noch nicht veröffentlicht hat, zeigt ja, dass die Idee der diskursiven Einmischung literarisch nicht so leicht ist, wenn sie gut sein will.

Schriftsteller Rainald Goetz
Quelle: picture alliance / dpa

Roger Willemsen saß ein Jahr im „Hohen Haus“, um in seinem gleichnamigen Bundestags-Jahresprotokoll festzustellen, dass es hier keinen einzigen poetischen Moment gibt. Wenn in den Fraktionen und Sitzungen zu wenig Poesie stattfindet, kann man das bedauern. Man möchte sich deswegen aber trotzdem nicht wünschen, dass noch mehr Möchtegern-Poesie reinkommt in die Sprache des Parlaments. Noch mehr Erklärbär-Rhetorik, noch mehr „Gute Kita“-Gesetze, die genau so heißen, brauchen wir nicht. Politische Kommunikation soll politische Kommunikation bleiben, Hermeneutik findet in anderen Disziplinen der Gesellschaft statt. Man mag das, sortenrein sortiert, luhmannesk stumpf finden, aber wie peinlich können und sollen die Auftritts-Gelegenheiten für die parlamentarische Poesie denn sein?

Wir brauchen Verlage, die politisch relevante Literatur publizieren, weil Schriftsteller aller Couleur sie schreiben, und nicht weil diese Schriftsteller ein staatlich finanziertes Stipendium haben, um den Bundestag somehow-situationistisch durch Poesie zu stören. Wenn muss dieser poetische Situationismus aus den Parlamentsdebatten selbst kommen, nicht aus dem Comeback des Hofnarren. Literatur in die Rolle eines Bundestagsmaskottchens zu drängen, ist sehr naive Romantik fürs Novalis-Jahr.

Parlamentspoet im Bundestag: Pro & Contra - WELT