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Rundbrief der actio spes unica April 2020

actio spes unica e.V.

Schulstraße 7
65795 Hattersheim

Mainz, im April 2020

Liebe glaubenstreue in der actio spes unica vereinte Katholiken,

in der Ihnen angefügt zugehenden Predigt unseres H.H.P. Milch wird überaus deutlich, was unter richtiger Erziehung von Kindern zu verstehen ist. Leider wird mittlerweile die Vorgabe des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland, daß für die Erziehung der Kinder die Eltern an erster Stelle stehen, so verwässert, daß allgemein davon ausgegangen wird, daß dies staatliche oder wie auch immer geartete Sozialdienste viel besser könnten. Das geht einher mit gezielten Maßnahmen – auch gesetzlichen – zur Bekämpfung der traditionellen Familie.

Häufig wird in unserem Land von Nachhaltigkeit geredet, hauptsächlich wenn es um Schützenswertes in Fauna und Flora geht. Das einzige, was nicht geschützt wird, ist das menschliche Leben, ein Menschenrecht auf Abtreibung wird proklamiert. Andererseits wird der sogenannte demographische Wandel, dem man mit fragwürdigen Maßnahmen beikommen will, beklagt.

Mit der Oratio zum 1. Passionssonntag haben wir gebetet: Wir bitten Dich, allmächtiger Gott: sieh gnädig herab auf Deine Familie, damit durch Deine Freigebigkeit ihr leibliches Leben Führung und ihr geistiges Leben durch Deine Obhut Schutz habe. Dieses Gebet sollte uns in den Zeiten, in denen wir leben, ständig begleiten.

Leider ist der für den 22. März geplante spes-unica-Sonntag dem Coronavirus zum Opfer gefallen. Ob, wann und wo wir unsere Glaubenskundgebung in diesem Jahr noch veranstalten können – darüber können wir in der momentanen Situation nur spekulieren.

Und so verbleibe ich in der Hoffnung, daß Sie sich trotz aller Bedrückung die Osterfreude bewahrt haben, mit herzlichen Grüßen

Ihr

Hans-Frieder Wedel

www.spes-unica.de

Niederschrift der Predigt von Pfarrer Milch Weißer Sonntag 1983

Meine lieben Brüder und Schwestern,

morgen gehen Kinder zum erstenmal zur Kommunion. Sie empfangen Christus. Einige Gedanken zur Erziehung der Kinder, schon angedeutet im Sonntagsbrief.

Was die Erziehung der Kinder anbetrifft, betrifft unsere eigene Haltung, unser eigenes Ergriffensein, Gepacktsein, Nicht-Fertigwerden damit, was wir glauben. Denn glauben und Fertigsein mit dem Glauben ist ein innerer Widerspruch: "Ich glaube ja" – aus, Schluß, gute Nacht, kann gut schlafen – "ich glaube ja": Da sind mir die lieber, die zunächst zweifeln oder gar nicht glauben. Die halten das, was geglaubt wird, für so ungeheuerlich, so über alle Begriffe gehend, daß sie's gar nicht für möglich halten. Die haben oft die viel bessere Chance zu glauben als diejenigen, die das eben alles so schlucken und trinken wie kaltes Wasser! Deshalb laßt, meine Lieben, den zweifelnden Menschen, der unter seinem Unglauben leidet, in Ruhe, solange er unter seinem Unglauben leidet!

Es gibt selbstverständlich eine Art Zweifel, die gar kein Zweifel ist. Das ist dann nur ein Alibi. "Ich bin ein Suchender. Ich zweifle. Ich komme damit nicht zurecht." – Im Grunde ist das nur eine Ausflucht, Selbsttäuschung, Bequemlichkeit, zweifellos. Das muß man dann erkennen. Aber auch dann hat es nicht viel Zweck, viel zu reden, sondern zu beten und zu zeigen, daß man darübersteht über dieser engen, armseligen Geisteshaltung. Vieles Reden, Überhäufen, Überschütten, Packen von Schriften usw. einem geben stößt nur ab! Laßt dem anderen Raum, daß er sich selber finde und Gott.

Sehen Sie: Thomas. – War das so ungeheuerlich, daß dieser gemarterte, zertretene, durchbohrte, geschlagene Leib leben sollte, daß er es einfach nicht glauben konnte? Das war ihm so gewaltig, so erschauernd, daß es ihm zuviel war. "Was sagt Ihr da? Ihr habt Ihn gesehen? Habt Ihr Ihn wirklich gesehen? Macht Ihr euch auch nichts vor? Bitte, ich will meine Hände in Seine Seite legen. Ich will meine Hände in Seine Wundmale legen. Ich will merken und sehen, daß es Fleisch und Blut ist, daß Er es ist, so wie wir Ihn kennen. So will ich Ihn wiedersehen." Und dann offenbart Sich ihm Jesus und läßt ihn tasten, läßt ihn schauen. Und dann sinkt er zu Boden, ergriffen, überwältigt. Es ist um ihn geschehen: "Mein Herr und mein Gott!" Damit wird er seinen Taglang nicht mehr fertig. Er ist es in der Tat! Er glaubt!

Und Christus sagt ihm: "Siehst Du, weil Du Mich gesehen hast, glaubst Du. Du hättest eigentlich aufgrund dessen, was Ich euch erschlossen habe anhand der Schriften des Gesetzes und der Propheten, glauben sollen." Denn Christus hat ja die Schrift nicht nur erschlossen auf dem Wege nach Emmaus bei den zwei Jüngern. Hier hat Er es wiederum getan. Hier hat Er es besonders intensiv getan! Aber Er hat es ja vorher laufend geschehen lassen, daß die Jünger hören sollten: Das steht in der Schrift, das wird dem Menschensohne geschehen. – Sie waren einfach so blind, daß sie es nicht fassen konnten. "Unmöglich. Du, der offensichtlich Gottgesandte, Du, der die höchsten Wunder wirkt, der Worte des ewigen Lebens sagt, Du sollst gegeißelt, gemartert, getreten und an den Schandgalgen genagelt werden, den Tod, den schändlichsten Tod des Verbrechers erleiden? – Unvorstellbar!" Sie hatten gar keinen Zugang dazu. Sie hätten ihn haben sollen! Und dann hätten sie gleich geglaubt, auch Thomas. "Du hättest nicht zu sehen brauchen, um es so zu wissen."

Und unser Glaube ist festes Wissen. Glaube läßt keinen Rest von Ungewißheit! – Ein verbreiteter Wahn: Das muß man halt glauben. "Ein anständiger Mensch glaubt eben" wird manchmal gesagt. Wenn in ihm Zweifel aufkommen: niederdrücken, unterdrücken! Ich hab schon oft darauf hingewiesen. "Ich hatte Glaubenszweifel." – "Was haben Sie dann mit dem Glaubenszweifel gemacht?" – "Ich hab sie unterdrückt." – Das ist genau das Falsche! Das ist völlig falsch!

Gehen Sie den Glaubenszweifeln nach! Lassen Sie nicht locker! Sie brauchen vor der Auskunft unseres Geistes keine Angst zu haben. Unser geschaffener Menschengeist, unsere geschaffene Vernunft ist der zuverlässigste Anwalt für den Glauben. Glaube heißt absolutes Wissen, und darin besteht unsere Erlösung! Alle, die da so rumquaken und knatschen und geistiges Bauchweh haben ihr Lebtag lang wie Peter Wust, "Ungewißheit und Wagnis" – das sind alles so moderne Worte, bei denen der Fünfuhr-Tee besonders gut schmeckt –, das sind Dekadenzerscheinungen! Glaube ist weder Ungewißheit noch Wagnis, sondern die Gewißheit, der allerfesteste Boden unter unseren Füßen! Das ist Glaube!

Als dem hl. Thomas von Aquin gesagt wurde: "Komm nach Neapel. In der heiligen Hostie bei der Aussetzung" – und es war ja damals die große Zeit der Entdeckung, daß der Herr weiterhin gegenwärtig ist nach dem Opfer im Tabernakel, daß die Menschen, getrieben von Begeisterung, Ihn hinaustrugen durch die Straßen der Dörfer und Stätte, die große Zeit des Beginns der Fronleichnamsprozessionen; und der große Geistesmann schrieb ja die Hymnen dazu, die unvergleichlichen – und es wurde ihm gesagt: "Komm nach Neapel, ein Wunder. Man sieht in der heiligen Hostie im Strahlenglanz das Jesuskind." – Er sagte: "Ich gehe nicht hin. Ich denke nicht daran. Ich brauche nicht zu sehen. Ich brauche keine Vision!"

Wer glaubt, braucht keine Bestätigung durch eine Erscheinung. Die Erscheinungen brauchen ihre Bestätigung durch den Glauben – aber der Glaube braucht keine Bestätigung durch eine Erscheinung! Wir wissen durch den Glauben es so absolut, daß wir keiner Vision und Audition und sonstiger Absonderlichkeit bedürfen. Und wer auf solche Dinge springt und aus ist und jeder Erscheinung und jedem Wunder usw. nachrennt, beweist, daß er einen außerordentlich schwachen Glauben hat!

Ich hatte sehr unchristliche Gefühle der Schadenfreude, als an einem "Erscheinungsort" das Wasser versiegt war und es nur noch so ein paar Tröpfchen kamen. Die Massen standen da, und es gab Messerstechereien. Alles unter dem Schutzmantel der Madonna. Ha, ha, ha! Da hat man mal wieder gesehen, mit welcher Vorsicht man derlei Absonderlichkeiten und Sensatiönchen behandeln soll. Wenn man so etwas hört: Glacéhandschuhe anziehen, Nase zuhalten, Abstand, Vorsicht, abwarten, prüfen lassen. Der Glaube bedarf solcher Dinge rundherum gar nicht!

Sehen Sie, meine lieben Freunde, Glaube heißt Niederfallen, "Mein Herr und mein Gott". Der große Apostel Thomas war ergriffen. Er durfte hinlangen, anfassen, schauen. Aber es ist deshalb nicht, wie mal ein Artikelschreiber in den letzten Jahren zu Ostern vermerkte, "ein Gott zum Anfassen". So nicht! So plump vertraulich – nie und nimmer! Das ist ja so ein Modewort: "Präsident zum Anfassen", "Papst zum Anfassen" und selbstverständlich im Innenraum, im offiziellen, besetzten Innenraum der Kirche auch "die heilige Messe zum Anfassen", kindertümlich, angepaßt, altersgemäß, seniorengemäß, jugendgemäß, kindgemäß – lauter Gemäßheiten!

Aber die Messe ist nicht "gemäß". Sie ist groß, souverän, entrückt, vorgegeben! Nicht zum Anfassen, sondern zum Staunen, zum Niederfallen, "Mein Herr und mein Gott"! – Und als Maria Magdalena Ihn in ihrem liebenden Ungestüm umarmen wollte – "Rabboni" –, da sagte Er: "Rühre Mich nicht an. Denn Ich bin auf dem Wege, aufzusteigen zu Meinem Vater und zu Eurem Vater."

So etwas ist nicht zum Anfassen! Das wird nicht nah, plump, vertraulich. Und ich wies in Werktagsmessen schon darauf hin, daß selbst in diesem schönen Heiligtum der Altar noch zu nahe ist. Man müßte noch weiter, noch entrückter, noch leuchtender, noch entfernter sein. Denn nur in der Entfernung läßt sich erschauen, läßt sich wissen, erkennen das Heilige.

Als Jesus entschwand den Emmaus-Jüngern erkannten sie Ihn. Sie erkennen Ihn immer nur im Zeichen "Tabor", des Unfaßbaren, hoch sich Aufrichtenden. Nie mehr hätte Thomas gewagt, nachdem Er vor Ihm niederfiel auf die Knie, Ihn anzurühren – "Mein Herr und mein Gott". Wer selbst so begeistert ist, im Staunen befangen – man muß darum beten, man kann es nicht aus sich herausstampfen. Man muß darum beten und flehen: "Herr, gib mir Begeisterung, gib mir Leidenschaft, Staunen, Ehrfurcht, Anbetung. Laß mich in der Entfernung Wissender sein. Laß mich anbeten, eh ich es wage, Dich zu empfangen." Wer dies hat, wird es seinem Kinde übertragen. Denn das religiöse Erziehen heißt Erziehen zum Staunen, zur Ehrfurcht, zum inneren Abstand, zur Anbetung!

Es ist vollkommen falsch, dem Kind einen Gott "zum Anfassen" zu bieten. Da wird schon im Kindesalter das Beste zerstört. Das Kind soll wissen, daß es im Noch-Nicht ist, daß es im Hell-Dunkel des wissenden Nicht-Wissens, des verstehenden Nicht-Verstehens weiter voranschreiten soll unter dem Einfluß des Heiligen Geistes. Und wenn Sie dies dem Kinde mitteilen – das ist der Sinn der Erziehung! – teilen Sie auch dem Kinde mit, daß Sie selber vor dem Kinde Ehrfurcht haben. Ziel der Erziehung, die vorbereitet wird durch das Ziehen, durchaus in Härte, Klarheit, Eindeutigkeit, Unnachgiebigkeit und Strenge, wenn es sein muß, einmal gesagt, wird nie widerufen. Man muß sich zu einem Faktor machen, mit dem das Kind rechnet in Ehrfurcht, von dem es weiß, daß es damit nicht spielen kann. Wenn diese Voraussetzungen geschaffen sind, wenn Autorität da ist, dann kann diese Autorität dem Kinde plausibel zu höchster Selbstachtung verhelfen. Gerade die Autorität, wenn sie zeigt, daß sie Ehrfurcht hat vor dem, der der Autorität zugewiesen ist, läßt den so Anvertrauten heranwachsen zu sich selber. Denn niemand kann sich selber finden, wenn er nicht Ehrfurcht hat und Achtung vor sich selber.

Es ist vollkommen falsch, Kinder zu behandeln als dreiviertel oder viertel oder halbe Menschen. "Ihr seid ja noch nichts. Ihr werdet ja erst noch Menschen. Ihr seid ja erst Bruchstücke. Ihr habt noch gar keine Rechte. Das, was ihr arbeitet, eure Schularbeiten sind lächerliche Spielereien, Unwichtigkeiten. Nur der Erwachsene, was der arbeitet, ist wichtig." So wird es doch bewußt oder unbewußt, mehr oder weniger dem Kinde suggeriert. – Falsch! Die Arbeit des Kindes ist genauso viel wert wie die Arbeit des Erwachsenen! Ohne Christus ist die noch so wichtige Arbeit des Erwachsenen ohnehin nur eine Summe von Nullen. Wenn die Eins davor fehlt, die Christus heißt, ist alle noch so wichtige Geschäftigkeit erwachsener Menschen ein Bündel Lächerlichkeit. Das gilt für den Erwachsenen wie für das Kind. Wenn aber das Kind seine Schularbeiten macht, zu Hause hilft usw., usw., dann sind diese Arbeiten, wenn es in Christus geschieht, genauso wichtig, mächtig, ausstrahlungskräftig wie die Arbeit der Erwachsenen. Das Leiden der Kinder – und was leiden Kinder! Glauben Sie nicht an die Illusion, an das Ammenmärchen von der "seligen Kinderzeit". Kinder leiden unsäglich! Und auch ihr Leiden hat Anteil am Leiden des Herrn. Und ihre Dummheiten und Kleinkariertheiten, daß sie sich – ich schreibe es im Sonntagsbrief – um ein Dreirad oder um einen Roller balgen oder ein Mädchen neidisch ist auf die Puppe ihrer Freundin: Ist das ein Unterschied zum Neid der Frau Müller auf das Kleid ihrer Nachbarin oder ist das ein Unterschied zum Neid des Herrn Schmidt auf die schnittige Karosserie seines Nachbarn? – Es ist ein und dieselbe Dummheit und ein und dieselbe Kleinkariertheit! Psychisch bleiben wir weithin Vier-, Fünf-, Sechsjährige. Und wenn wir das wahrhaft Kindhafte, das gut Kindhafte, das Werden-Wollende, Staunende, Fragende bewahren, dann sind wir sogar als Erwachsene überhaupt erst mündig und überhaupt erst gültig.

Das sollten wir wissen, wenn wir's mit Kindern zu tun haben. Ich ärgere mich immer, wenn immer nur über Kinder gelacht wird. Die können sich irgendwie äußern – sofort "Ha, ha, ha". Das sagt ja nur ein Kind, und es ist nicht ernstzunehmen.

Es ist sehr ernstzunehmen, was ein Kind sagt! Oder sind deine Interessen soviel wichtiger und soviel ernster zu nehmen als die Spiele von Kindern? Denken Sie an die Skatbrüder, die sich an den Kopf kriegen. Sind die soviel gescheiter als Dreijährige? – Bilden wir also uns nichts ein, als Erwachsene den Kindern überlegen zu sein. Kinder beschämen uns, und wir können von ihnen lernen, meine lieben Freunde. Und wenn wir dies wissen, können wir Kinder führen zu ihrem Selbstbewußtsein. Und das selbstbewußte Kind, das schon weiß, daß es Königin und König ist in Christus, wird gedeihen. Sie werden sehr wenig Sorgen mit ihm haben.

AMEN.