Vom Bußleben Adams

(Netzfund, kopiert von fb)
Kehren wir zur Geschichte der Stammeltern zurück. Auf die Frage, an welchem Ort sie nach dem Verlust des Paradieses gewohnt hatten, lässt sich keine ganz bestimmte Antwort geben. Die gottselige Anna Katharina Emmerich versichert, am Ölberg habe der unglückliche Stammvater zuerst die unwirtbare Erde betreten, und im Geist habe sie geschaut, wie Adam und Eva in einer Höhle des Ölbergs getrauert und gebetet hätten. Andere fromme Schriftsteller erzählen uns, es seien die Stammeltern hierauf nördlich ins Syrerland gezogen und hätten dort in einer Felsenhöhle, die heute noch den Pilgern gezeigt wird, nahe der späteren Stadt Damaskus, ihren bleibenden Aufenthalt genommen.
Hier mussten sie nun im Schweiße ihres Angesichtes das Feld bebauen. Raue Tierfelle waren ihr Kleid, Baumfrüchte und Kräuter ihre Nahrung. Wie tief und schmerzlich erkannten sie jetzt die Schwere ihrer Sünde! Im Glück hatten sie Gott vergessen: durch Unglück und Trübsal sollten sie wieder zu Ihm zurückgeführt werden. Was sie am bittersten beweinten, war, dass sie jetzt so fern von Gott leben mussten, und dass sein mildes Angesicht ihnen nicht mehr leuchtete. Deshalb beweinten sie täglich miteinander ihre gemeinsame Schuld, und in stiller Ergebung beugten sie sich unter die strafende Hand der göttlichen Gerechtigkeit!
So führten denn unsere Stammeltern, wie Sankt Augustinus und viele Kirchenlehrer versichern, ein strenges und gar heiliges Bußleben in vieler Mühe und Arbeit, unter reuigem Flehen und reichlichen Tränen, und gaben dadurch allen ihren sündigen Nachkommen ein Beispiel, wie sie durch Buße wieder zu ihrem Gott zurückkehren können und sollen. Eine schöne und lehrreiche Parabel erzählt uns: nach dem Sündenfall habe sich Adam, nach vieler Mühe, einen Garten geschaffen voll Bäume und Pflanzen; die Ähren seines Ackers wogten im Glanz der Abendsonne, die Bäume standen voll Blüten, andere voll Früchte. Die Stammeltern ruhten auf einem Hügel und schauten die Herrlichkeit des Feldes und die Abendröte. Da trat der Cherub aus dem Paradies, ohne sein Flammenschwert, zu ihnen. Sein Antlitz war freundlich. "Seht", sprach er, "wenn auch die Frucht euch nicht mehr, wie ehemals, von selbst wächst, so freut ihr euch doch, nach der Mühe, um so mehr der selbstgewonnenen Frucht. Wie lieblich glänzen die vollen Ähren! Jahwe, der Barmherzige, hat euch ein Mittel gegeben, euch selbst ein Paradies zu bauen." - "Wohl", erwiderte Adam, "ist seine Güte groß, auch wenn Er züchtigt. Aber ehemals war Jahwe uns nahe, sein Angesicht leuchtete uns, und wie Kinder zu ihrem Vater, so konnten wir von Mund zu Mund mit IHM sprechen. Dieser süße Verkehr ist uns genommen; ach, und was ward uns dafür?" - "Das Gebet", antwortete der Cherub. Durch Arbeit gibt Er euch die irdische, durch Gebet die himmlische Gabe."
Ja, im Gebet war dem Menschen ein süßer Trost, ein Ersatz für den früheren seligen Umgang mit Gott geblieben. Im Gebet konnte Adam auch jetzt noch auf vertraulichste Weise mit Gott sich unterreden, sein Bitten und Seufzen Ihm vortragen; im Gebet vernahm er die Stimme des gütigen Vaters, der ihm die Verzeihung seiner Sünde zusicherte, und die trostreiche Verheißung des Erlösers stets wieder erneuerte. - Das waren die Tröstungen, welche in die dunkle Nacht seines Bußlebens, gleich freundlichen Sternlein herabflimmerten.
O lass auch hier, meine Seele, diese Sternlein durch den Unglauben unserer trostlosen Zeit niemals hinwegstehlen! Wenn Finsternis dich umgibt und schwere Trauer dein Gemüt bedrückt, wenn du das Elend und die allseitige ARmut des Erdenlebens bitter empfindest und das Heimweh nach einer anderen, schöneren Welt mit Ungestüm dich ergreift: o dann falle nieder und bete - bete wie ein Kind recht inbrünstig und vertrauensvoll; sprich mit Adam: "Mein Erlöser kommt" - oder mit Job: "Ich weiß, dass mein Erlöser lebt" - und das bittere Herzeleid wird sich in stille, selige Freude auflösen...