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DER DICKE HUND: Das "heute journal" - Ein Fall für Rundfunkräte (die-tagespost.de)

DER DICKE HUND: Das "heute journal" - Ein Fall für Rundfunkräte

11. Oktober 2020

Framing im öffentlich-rechtlichen "Haltungsjournalismus" wird zunehmend zum schweren Ärgernis: Beim Thema Abtreibung wird inzwischen jenen mit positiver Einstellung zur Tötung ungeborener Kinder, von den Redaktionen anerkennend "Mut" attestiert. Die brutale Realität kommt in der Berichterstattung jedoch kaum vor.

Dass ein auf der Berlinale prämierter Film nun auch in Deutschland anläuft, ist eine Nachricht. Eine, die daher auch Zuschauern einer Nachrichtensendung wie dem „heute journal“ angereicht werden darf. So geschehen am 1. Oktober im ZDF. Auch dass es in „Niemals, selten, manchmal, immer“ um Abtreibungen geht, ist an und für sich kein Problem. Anderes gilt jedoch für den Rahmen, mit dem Moderatorin Marietta Slomka den Beitrag von Nadja Nasser versah.
Abtreibung, erklärt Slomka, sei ein „Tabuthema“. Eines, das für Blockbuster „absolut ungeeignet“ sei, weil es das US-amerikanische Publikum „polarisiere“ und „im Zweifelsfall auch Protestgruppen auf den Plan“ riefe. Wie etwas, das den US-Wahlkampf derzeit, wenn nicht gar dominiert, so zumindest doch entscheidend mitprägt, ein Publikum polarisieren und öffentliche Proteste hervorrufen kann, zugleich ein „Tabu“ sein könne, erklärt Slomka nicht. Wir verstehen: Wir sollen uns – noch vor dem Beitrag selbst – schon einmal vor dem Mut verbeugen, der US-Regisseurin Eliza Hittmann ein derart „heißes Eisen“ (Slomka) anfassen ließ.

Was folgt, ist ein Beitrag, der Szenenschnipsel aus dem Film, der die fiktive Geschichte eines 17-jährigen Mädchen erzählt, das von Pennsylvania nach New York aufbricht, um sich dort ohne Wissen ihrer Eltern einer Abtreibung zu unterziehen, mit Kommentaren der Regisseurin sowie einem positiven Fazit der Filmkritikerin Nasser kombiniert. Unwidersprochen behauptet Hittmann darin, die USA seien ein Land, „das Frauen immer noch feindlich gegenübersteht, vor allem, was ihr Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper angeht“ und nun „an einem Punkt“ angelangt sei, an dem die von Frauen „erkämpften Grundrechte“ wieder zurückgenommen werden könnten.

Wir lernen: Die „heute journal“-Redaktion ist offenbar der Ansicht, die „Selbstbestimmung über den eigenen Körper“ setze – zumindest bei Frauen – erst ein, wenn ein Schwangerschaftstest positiv ausfällt und es gäbe –zumindest für „Menschen mit Uterus“ – ein „Grundrecht auf vorgeburtliche Kindstötung“. Das kann man skandalisieren, muss man aber nicht. Denn sich intellektuell bis auf die Knochen zu blamieren, ist niemandem verboten, folglich auch dem ZDF nicht. Wer das nicht ertragen kann, kann vom Recht auf informationelle Selbstbestimmung Gebrauch machen und braucht weder Sender noch Nachrichtensendung einschalten.

Skandalös ist vielmehr, was der Beitrag verschweigt.
Denn zeitgleich mit Hittmanns Film laufen in Deutschland und den USA zwei weitere Filme, die das „heiße Eisen“ Abtreibung thematisieren: „Unplanned“ und „Gosnell“. Mit dem Unterschied, dass diese jeweils wahre Geschichten erzählen. Im Fall von „Unplanned“ geht es um das Leben der US-Amerikanerin Abby Johnson, die, nachdem sie selbst bei einer Abtreibung assistierte, ihren Job als Leiterin einer Planned Parenthood-Klinik aufgibt. Heute zählt Johnson zu den einflussreichsten US-Lebensrechtlerinnen.

„Gosnell“ handelt von dem weltweit Aufsehen erregenden Prozess gegen den Abtreibungsarzt Kermit Gosnell, der 2013 in Philadelphia wegen dreifachen Mordes an – nach misslungenen Spätabtreibungen – lebendgeborenen Säuglingen und Totschlags einer Schwangeren zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde. Die Verfilmung einer fiktiven Geschichte prominent auszustellen, die Ko-Existenz aktueller Verfilmungen wahrer Geschichten zum selben Thema jedoch totzuschweigen, ist für eine Nachrichtensendung ein dicker Hund. Einer, der Rundfunkräte beschäftigen sollte.
Kirchfahrter Archangelus
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Ich danke für Ihr Verständnis
Ihr
Kirchfahrter Archangelus
Boni
Der Tod von Ginsburg hat gewisse Leute in Panik versetzt. Die plumpe Befragung von Barrett im Senat hat dies gezeigt. Die Kindstötung scheint ein wichtiges Anliegen für gewisse Demokraten zu sein.
CollarUri
Ach wir kennen doch die Slomka und alle, die hinter ihr stehen. Auch wenn sie im Dunkeln stehen. Und danke für den Hinweis auf die beiden US-Filme.