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Mutter und Kind schauen sorgenvoll in die Zukunft. Möglicherweise sieht das Jesuskind voller Entsetzen schon seinen Leidenstod voraus

Sixtinische Madonna von Raphael

Das Marienbildnis wurde in den Jahren 1512/1513 von Raffaello Santi für den Hochaltar der Klosterkirche San Sisto in Piacenza geschaffen. Es handelt sich um ein von Papst Julius II. in Auftrag gegebenes Werk, das den Sieg des Papstes über die in Italien eingefallenen Franzosen feiert und aus Anlass der Einverleibung der Stadt Piacenza in den Kirchenstaat (1512) gestiftet wurde.

In der Klosterkirche wurden die Reliquien der hll. Barbara und Sixtus II. verwahrt. Beide sind auf dem Gemälde abgebildet; dem heiligen Sixtus wurde das Kloster geweiht; nach ihm ist letztendlich Raffaels Madonnenbildnis benannt. Zudem hatte sich der Onkel von Papst Julius II., Papst Sixtus IV., einst nach dem heiligen Sixtus benannt und somit war das Werk eine Ehrerweisung innerhalb der Familie Della Rovere, der Neffe und Onkel entstammten.

August III. von Polen-Sachsen, ein großer Kunstsammler, hatte sich bereits im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts vergeblich darum bemüht, ein anderes Gemälde Raffaels, die Madonna von Foligno, zu erwerben. Als ihm zu Ohren kam, dass die Mönche von San Sisto zur Finanzierung der Renovierung ihres Klosters bereit seien, die Sixtinische Madonna zu verkaufen, begannen zweijährige Verhandlungen, deren Ergebnis Papst Benedikt XIV., sowie der Herzog von Parma, Philipp, zustimmten. Als Verkaufspreis wird die damals enorme Summe von 25.000 Scudi vermutet. Im Januar 1754 wurde das Gemälde von August III. erworben und in seine Sammlung nach Dresden gebracht, wo es am 1. März 1754 ankam und immer noch zu besichtigen ist.

Im Kloster San Sisto wurde eine bereits 1730 von Pier Antonio Avanzini angefertigte Kopie des Bildes aufgestellt.

In der Zeit des Siebenjährigen Krieges wurde das Gemälde in der Festung Königstein aufbewahrt. Im Zweiten Weltkrieg wurde es in einen Eisenbahntunnel in Großcotta evakuiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gemälde 1945 von der sowjetischen Siegermacht als Beutekunst beschlagnahmt und nach Moskau gebracht. Die Rückgabe an die DDR erfolgte 1955.

2012 feierten die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden den 500. Jahrestag des Gemäldes mit der Sonderausstellung Raffaels Kultbild wird 500. Zu diesem Anlass erhielt das Bild einen neuen Rahmen und eine neue Verglasung. Auf eine Restaurierung des Gemäldes selbst, wurde verzichtet.

Schemenhafte Engelsköpfe am oberen Rand

Es wurde in der Forschung diskutiert, inwiefern das Altarbild eine Sacra Conversazione darstellt. Inzwischen ist man mehrheitlich der Auffassung, dass Raffael mit der Sixtina einen eigenen Bildtypus kreiert habe. Die klassisch in Rot und Blau gewandete Madonna mit dem Jesuskind wird von Papst Sixtus II., der die Porträtzüge von Julius II. trägt, und der heiligen Barbara flankiert. Die drei Figuren sind im Dreieck angeordnet; zurückgeschlagene Vorhänge in den oberen Bildecken betonen die geometrische Bildkomposition. Der heilige Sixtus, zu dessen Füßen die Tiara als Insigne steht, weist aus dem Bild hinaus auf das Kruzifix im Lettner. Die Madonna und das Kind blicken ernst in die gewiesene Richtung, während die heilige Barbara zur Rechten den Blick demütig niederschlägt. An seinem ursprünglichen Platz war das Bild an der Rückwand des Altars gegenüber einem großen Kruzifix angebracht. Kruzifix und Lettner, der den Chorraum der Mönche abtrennte, sind nicht mehr vorhanden. Die Körpersprache der Figuren und insbesondere der Gesichtsausdruck des Jesuskindes wie der seiner Mutter scheinen eine Vorahnung des Kreuzestodes Christi auszudrücken.

Bildausschnitt: Raffaels Engel

Der Blick des Betrachters wird auf den hl. Sixtus links gelenkt. Danach wird durch die Bildkomposition der Blick im Bild gehalten. Der hl. Sixtus blickt auf die Madonna mit Kind, der Blick des Betrachters wird im Weiteren auf die Figur der hl. Barbara geleitet. Deren Blickrichtung weist auf die Engel am unteren Bildrand, die durch ihre Kopfhaltung wiederum zur heiligen Barbara führen. Von der anderen Seite wird der Blick des Betrachters mit dem Arm des heiligen Sixtus auf die Engel, von diesen zur heiligen Barbara und dann wiederum auf die Madonna gelenkt. Zusätzlich wird das Kind in der Hand durch den Gegenschwung des Schleiers aufgefangen. Dieser Kreis fängt den Blick des Betrachters immer wieder auf und lenkt ihn auf die Madonna.

Eine maltechnische Meisterleistung dieses Werkes birgt der Hintergrund – aus größerer Entfernung glaubt man, Wolken zu sehen, bei näherer Betrachtung sind es jedoch die Häupter zahlloser Engel. Das Bild insgesamt kann als eine Visionsdarstellung gedeutet werden. So schreibt Andreas Henning: „Das Bild zeigt eine Epiphanie: Die geistige Welt tritt dem Betrachter entgegen. Gekonnt hat Raffael beide Sphären, die irdische und die himmlische, in dem Bild zusammengefügt.“

Diese Vision wird dabei auch so gedeutet, dass sie einen inneren Erfahrungsweg der Seele darstellt, der durch die Stufen von Reinigung, Erleuchtung und Einung führt. Seine Grundlage ist auf der einen Seite der Renaissanceplatonismus von Marsilio Ficino und Aegidius de Viterbo; auf der anderen Seite greift Raffael Aspekte der Rheinischen Mystik (Meister Eckhart), der Devotio moderna und insbesondere des Nikolaus von Kues auf. Die Seele entwickelt sich durch die Stufen der Putten, des Sixtus und der Barbara zur Maria als der reinen Seele, in der sich die Gottesgeburt vollzieht.

Friedrich Nietzsche nennt in Der Wanderer und sein Schatten Raphael einen ehrlichen Maler, der die Vision der zukünftigen Gattin gemalt habe, eines klugen, seelisch vornehmen, sehr schönen, schweigsamen Weibes. Sie trage ihren Erstgeborenen auf dem Arm, der mit Männeraugen den Betrachter ansehe. Raphael sei wenig an der ekstatischen Frömmigkeit der Auftraggeber des Bildes gelegen gewesen. Dem widerspricht die an den Gesichtern des Jesuskindes und seiner Mutter ablesbare Reaktion auf das in San Sisto nicht mehr vorhandene Kruzifix in der ehemaligen Chorschranke gegenüber. Damit sollte das Vermögen der Betrachter stimuliert werden, Christi Erlösungswerk am Kreuz durch unschuldiges Leiden und Sterben mitempfinden zu können. Zu Nietzsches Zeit war die Aufstellung des Gemäldes dem Lettnerkreuz gegenüber noch nicht bekannt. So interpretierte der Philosoph den Ausdruck der Madonna als Sinnbild des Schicksals der Frau generell. Andreas Prater hingegen hat erstmals überzeugend dargestellt, dass sich der leidende Gesichtsausdruck der Madonna und das Entsetzen im Blick des Kindes dadurch erklärt, dass der Leidenstod am Kreuz hier von beiden als zukünftiges Schicksal vorausgesehen wird.

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