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Elista
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Wenn die Zäune eingerissen werden...

COVID19 - Auf einmal wird im Ausfall des Normalen, Alltäglichen dessen Besonderheit wiedererkannt. Wenn Sünde die Wurzel allen Unheils ist, dann sind es Umkehr, Buße und Vergebung, die Rettung bringen. Von Walter Kardinal Brandmüller
Vatikanstadt (kath.net) Im Jahre 139 nach Christus als Mausoleum für Kaiser Hadrian vollendet, heißt das gewaltige Bauwerk heute seit Jahrhunderten Castel Sant’Angelo – Engelsburg. Es ist die sie machtvoll krönende Bronzestatue, die den Erzengel Michael zeigt, wie er eben sein gezücktes Schwert in die Scheide zurücksteckt. Papst Gregor der Große hatte im Jahre 590 jene Erscheinung des Erzengels, mit der er das Ende einer verheerenden Seuche ankündigte.

Wird er es heute wieder tun, da das Corona-Virus nicht mehr nur die Stadt Rom bedroht, sondern weltweit wütet?

Nun rätselt alle Welt über die Ursachen des Unheils. Realistische Erklärungsversuche wechseln mit Verschwörungstheorien ab – das Rätsel bleibt. Doch was sollen Spekulationen, wo es gilt, der Gefahr wirksam zu begegnen? – mag man fragen. Hier jedoch geht es eigentlich um mehr als um Gesundheit und um Medizin. Es gilt vielmehr, den Vorhang wegzuschieben und den Blick auf die Hintergründe des gegenwärtigen Geschehens zu richten. Aber nicht nur Ursachenforschung, sondern Lagebeurteilung und -bewältigung sind Gebot der Stunde. Dabei kann, ja darf es nicht nur um Medizin und Politik gehen, sondern, wie gesagt, um Hintergründe. Und diese sind theologisch-spiritueller Art.

Wenn dem so ist, dann ist zunächst zu fragen, wie die Kirche – Hirten und Gläubige – sich dieser Bedrohung stellen. Es ist ein dissonantes Konzert von Antworten auf diese Frage. Die offenbare Ratlosigkeit ist deswegen so groß, weil ein wirklich vergleichbarer Präzedenzfall ziemlich genau hundert Jahre zurückliegt. Die große Grippeepidemie nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hat bis 1920 mehr als 25 Millionen Menschenleben gefordert.

Nun hat auch das Corona-Virus weltweite Verbreitung gefunden. Eine Situation, der sich auch Papst, Bischöfe, Priester und Gläubige stellen müssen. Sie sind aber nicht zuerst zu Hilfsmaßnahmen, sondern vor allem zu einer theologisch-spirituellen Standortbestimmung herausgefordert. Da nun ist es bestürzend zu sehen, wie rat- und hilflos die Hirten der Kirche dieser Lage gegenüberstehen.

Die Unterschiede, ja Widersprüche in kirchlichen Verlautbarungen und Maßnahmen sind beredter Ausdruck der Überforderung. Die eine Diözese verbietet alle öffentlichen Gottesdienste, anderswo gilt das Gegenteil. Hier verbietet man Mund- bzw. Handkommunion wie auch den Friedensgruß, dort werden Weihwasserbecken geleert. Die bischöflichen Anweisungen widersprechen einander und offenbaren zugleich die eher gläubige oder eher weltliche Geisteshaltung der Hirten. Kaum verständlich sind auch mehrfache einander widersprechende Anweisungen für das Bistum Rom, wo die Rechte anscheinend nicht wusste, was die Linke tat.

Es gilt nun, zwischen rein säkularem Pragmatismus und naiver Gläubigkeit, beide Extreme recht gewichtend, die rechte Mitte zu finden.

Erstaunlich ist es und beeindruckend, was gläubige pastorale Phantasie für Wege findet, mit der Ausnahmesituation umzugehen. Da zeigt auch die moderne Kommunikationstechnik positive Seiten, wenn eine Familie mit dem Gotteslob in der Hand um einen Fernsehapparat versammelt einen übertragenen Gottesdienst mitfeiert. Dort wiederum werden lokale Rundfunk- und Fernsehsender für die Übertragung von Messfeiern gewonnen.

Es mehren sich die Nachrichten über einfallsreiche Initiativen einzelner Priester, die Gläubigen in situationsgerechten Formen an der Liturgie der Kirche Anteil nehmen zu lassen bzw. die Sakramente zu spenden. Inzwischen haben auch Gottesdienst-Kongregation und Apostolische Pönitentiarie mit den hier nicht darzustellenden Maßnahmen reagiert (kath.net hat berichtet).

Kurzum, diese besondere Gefahrenlage hat in der Tat auch manch positive Folge, hat im Glauben wurzelnde Kreativität entbunden. Auf einmal wird im Ausfall des Normalen, Alltäglichen dessen Besonderheit wiedererkannt. Solange Kirchen offen, Gottesdienste selbstverständlich, Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen zeitgerecht und wunschgemäß vollzogen und als alltäglich empfunden wurden, wurde all dies in seiner wirklichen Bedeutung eher verkannt. Nun aber ist auf einmal nichts mehr selbstverständlich, und manch einer mag jetzt darüber nachzudenken beginnen.

Da wird nun auch die uralte, immer wieder bedrängende Frage laut, wie denn ein gütiger, allmächtiger Gott solches Unheil zulassen könne. Auch die düstere Vorstellung eines aus dem Dunkel heraus zuschlagenden blinden Schicksals taucht wieder auf. Natürlich auch das Bild des strafenden Richters. Ob nicht das Corona-Virus wie einst Attila die Geißeln Gottes sind, mit denen er sein Strafgerichte vollstreckt? So fragen viele. Ist es aber in Wahrheit nicht vielmehr der Mensch, der sich selbst bestraft?

In der Tat: Gottes Gebote sind doch nicht Fesseln für seine Geschöpfe! Sie sind in Wahrheit Zäune, gesetzt, um die Grundlagen menschlichen Lebens schützend zu umhegen! Ehe, Familie, Eigentum, Wahrheit und Leben – sind es nicht jene Güter, ohne die menschliches Leben, menschliche Gemeinschaft nicht gedeihen? Reißen wir aber dennoch die schützenden Zäune der Zehn Gebote um diese vitalen Güter im Namen unserer Freiheit nieder – was ist das dann anderes als Selbstdestruktion der Person, der Gemeinschaft?

So ist es doch wahrlich nicht Gott, es ist der sich autonom gebärdende Mensch, der sich selbst bestraft, wenn dann das Übel über ihn hereinbricht. Alles Übel dieser Welt ist die giftig-bittere Frucht von Adams und eines jeden seiner Nachkommen Sünde, nicht aber Strafe eines beleidigt zürnenden Gottes.

Mit dieser Einsicht ist schon der Weg zur Heilung erkannt. Wenn Sünde die Wurzel allen Unheils ist, dann sind es Umkehr, Buße und Vergebung, die Rettung bringen. Und wiederum umgekehrt: ernten wir mit dieser Coronaseuche nicht die Folgen des jahrzehntelangen Vergessens, Verdrängens der Realität von Sünde und Vergebung in Theologie und Predigt in dieser Epoche? Hatten sich noch in den Sechziger-Jahren des vergangenen Jahrhunderts vor Ostern, vor den Herz-Jesu-Freitagen vor den Beichtstühlen Schlangen gebildet, so herrscht da seit Langem gähnende Leere.

Es war beflissenen, von modischer Psychologie inspirierten Moraltheologen gelungen, samt ihren gedankenlosen Nachbetern zusammen mit manch ungesunden Skrupeln auch das Bewusstsein von Versuchbarkeit und Sünde auszutreiben. So galt die Beichte bald eher noch als Relikt aus vorkonziliaren Zeiten. Ein heutiger „mündiger Christ“ bedurfte dessen nicht mehr. Die Folgen waren und sind noch eindeutig. So eindeutig, dass das Programm des „Deutschen Synodalen Weges“ von all dem mit keiner Silbe spricht. Wie viele Priester gibt es, die selbst seit Jahren nicht mehr gebeichtet haben!

Nun also zeigen in der die Welt bedrohenden Pandemie die Sünde und der Böse ihre erschreckende Gorgonenfratze – und bei ihrem Anblick erschrickt die Welt. In Schockstarre verfallen sollte sie nicht. Wenigstens die Christen sollten endlich wieder bedenken, dass alles Unheil in der Schöpfung dadurch entfesselt worden ist, dass das Geschöpf Mensch sich gegen seinen Schöpfer erhob, und dass wiederum Heil geschieht, wenn er zu ihm zurückkehrt.

Um den Menschen zurückzuholen, ist Gott selbst in Jesus Christus Mensch geworden. Ihm die Türen zur Welt, zu uns selbst zu öffnen, wäre die Rettung. Natürlich sind in der Notsituation der Corona-Seuche Medizin und Politik zur Mobilisierung ihrer Möglichkeiten aufgerufen. Natürlich muss die Gesellschaft insgesamt die Notwendigkeit erkennen, dem Egoismus des Individuums um des Gemeinwohls willen Zügel anzulegen.

Aber: ob all diesen notwendigen Anstrengungen Erfolg beschieden sein wird – das hängt letztendlich nicht vom Menschen ab, sondern von Gott, dem Schöpfer, Erhalter und Vollender seiner Welt.

kath.net/news/71124
Mk 16,16
Von den Bischöfen ist schon sehr lange nichts katholisches mehr zu erwarten. Die treuen Gläubigen übernehmen jetzt die Verteidigung des Glaubens.
Elista
Worte von Walter Kardinal Brandmüller 😇