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Ein 10jähriger erzählt vom Katholizismus kurz vor dem Krieg.

Netzfund: Der kleine Karlheinz, der sowohl Ministrant als auch im Jungvolk war, schreibt über die Drangsale der Katholiken in Deutschland:

1937 wurde ich zehn. Das war ein Jahr der Weichenstellung. Die Aufnahmeprüfung in das Graf-Götzen-Gymnasium stand an und in der Stadtpfarrkirche die Vorbereitung auf die Erstkommunion. Auch die Katholischen Pfadfinder warben um einen. Gleichzeitig wurde alljährlich am 20. April, an „Führers-Geburtstag“, ein neuer Jahrgang ins Jungvolk aufgenommen. Mein Jahrgang, 1927, war dran. Ich erinnere mich, dass mein Vater damals sagte: „Pimpf oder Pfadfinder, das ist dasselbe. Und eines geht nur (zeitlich) neben Schule und Klavierstunde.“ Im Herrenbekleidungs- und Uniformgeschäft Hempel in der Schwedeldorfer Straße wurde statt des schilfgrünen Hemds der Pfadfinder das braune des Jungvolks gekauft. Das Braun der Hemden war kurioser Weise nicht ganz farbecht. Nach einigen Wäschen wurde es heller, und im Sommer bleichte es die Sonne aus.

Nach der Erstkommunion im Frühsommer und mit dem Beginn des Latein-Unterrichts am Gymnasium fragten die Kapläne und Pfarrer an, „Hast du nicht Lust…“ – nein, sie bestimmten geradezu: „Du wirst Ministrant!” Ich wurde Ministrant.

In der Schule lernten wir als Latein-Anfänger noch Simpelsätze wie „Avia mamamus“ (Wir lieben die Großmutter) oder „Avia rurihabitat“ (Großmutter wohnt auf dem Lande) – wir waren jedenfalls noch weit weg von Caesars „De Bello Gallico“, vom Übersetzen des „Gallischen Kriegs. Aber in der Sakristei wurde uns Zehnjährigen nicht nur das behutsame Schwenken des Weihrauchfäßchens beigebracht, sondern auch Kirchenlatein. Jedenfalls alles, was dem Pfarrer zu antworten war, in der mit ehrfurcht lateinisch gelesenen Messe. „Adiutorium nostrum in nomine Domini“ (Unsere Hilfe ist im Namen Herrn), begann der Pfarrer, und wir murmelten mehr phonetisch, als von Vokabel- und Grammatik-Kenntnissen getrübt: „Qui fecit coelum et terram“ (Der Himmel und Erde erschaffen hat). Erst dann schritten wir aus der Sakristei zum Altar.

Manchmal folgte unmittelbar auf die Heilige Messe der Jungvolkdienst. Es blieb uns keine Zeit, nach Hause zu rennen und das Hemd zu wechseln. So huschten wir halt halbuniformiert in die Sakristei. Über das braune Jungvolkhemd wurde schnell das weiß wallende Rochett gezogen. Die langen Röcke in den jeweiligen Liturgie-Farben von Rot bis Violett deckten im Sommer die kurzen schwarzen Cordhosen und die grauen Kniestrümpfe der Uniform und im Winter die langen sogenannten Überfallhosen. Die hatten mit Überfall nichts zu tun; sie hießen nur so, weil sie an der Wade „überfallend“ in einem Bund endeten. Koppel, Schulterriemen, Fahrtenmesser, das schwarze Dreiecktuch und den braunen Knoten, all die übrigen markigen Uniformteile haben wir meist schon vor Betreten der Kirche abgelegt und als Bündel mitgenommen.

In den Kriegsjahren häuften sich die Jungvolk- und Hitlerjugend- Verpflichtungen an den Sonntag-Vormittagen. Den Altardienst hatten längst Jüngere übernommen. Aber ich bin immer noch morgens um 8 Uhr zur Messe gegangen; darauf bestand schon die Mutter. – Prälat Dr. Monse wollte uns in Braunhemden oder den schwarzen Winter-Blousons natürlich nicht in den Bänken gleich unter der Kanzel sehen. Selbst wenn wir manches, was die Uniform vervollständigte (Halstuch und Schulterriemen), abgelegt hatten und nun die Hosentaschen beulte. Mit einem unmissverständlichen Wink dirigierte uns Kirchendiener Chaloupka in unserem Halbzivil in die hintersten Bänke. Dort saßen wir dann, hofften, dass die Predigt nicht zu lang geriet, schauten wenig andächtig immer wieder auf die Armbanduhr (ein Erstkommunion-Geschenk) und stürmten mit dem letzten Segenswort aus der Kirche, um der NS Feierlichkeiten beizuwohnen.

Die Lieder, die wir zur Ausgestaltung dieser - ja, heute möchte man sagen, verlogenen NS – Feierstunden beitrugen, sollten allesamt Vaterlandsliebe und Nationalbewusstsein, nein, nationalsozialistisches Bewusstsein, schüren: „Heilig Vaterland in Gefahren,,“ oder „Deutschland, heiliges Wort, du voll Unendlichkeit, / über die Zeiten fort seist du gebenedeit. / Heilig sind deine Seen, heilig dein Wald…“

Alles durfte uns heilig sein, nur die Kirche nicht. Obwohl sich die den Nationalsozialisten genehmen Liedermacher gern kirchlichen Wortschatzes bedienten. Das in unserem Alltagsvokabular ungewöhnliche Wort „gebenedeit“, das wir eigentlich nur aus dem „Gegrüßet seist du, Maria“ kannten, hier tauchte es wieder auf – im „Liederbuch der Hitlerjugend“.

Ich erinnere mich, dass wir in unserer Singschar einmal einen Disput hatten über einen Liedtext. Es war vor einem der letzten Kriegsweihnachten. Wir probten ein Lied, um es bei den von der NSDAP arrangierten Besuchen in den Lazaretten zu singen. Eines der Mädchen kannte den Text und sprach ihn vor: „Es ist für uns eine Zeit angekommen, / es ist für uns eine große Gnad’. / Unser Heiland Jesus Christ, / der für uns, der für uns, / der für uns gestorben ist.“ – Nein, nein, das sei ein veralteter Text, unterbrach die Chorleiterin und las aus ihrem Liederbuch die neue Version vor: „Es ist für uns eine Zeit angekommen, / sie bringt uns eine große Freud’. / Übers schneebeglänzte Feld / wandern wir, wandern wir / durch die weite, weiße Welt.“ – jeder christliche Bezug war gestrichen. Nur in der dritten Strophe kam das Wort „Himmel“ noch vor: „Vom hohen Himmel ein leuchtendes Schweigen / erfüllt die Herzen mit Seligkeit…“

Wir sangen bei den Morgenfeiern auch „Nichts kann uns rauben / Liebe und Glauben / zu unserem Land“, und kaum eine Stunde vorher hatten wir mit Prälat Dr. Monse in der Messe das Apostolische Glaubensbekenntnis gesprochen. Woran glauben? Wir waren allein gelassen mit dem Glauben, so sehr sich auch die Kapläne, Pater Hubertus Günther OFM, Kurt Ungrad und Joseph Buchmann, den wir wegen seiner blonden Locken „Prager Jesulein“ nannten, um uns kümmerten.

In einem stockkatholischen Dorf im Südoldenburgischen, predigte der Pfarrer in der Sonntagsmesse ein paar Sätze, die dem örtlichen SA-Führer nicht passten. Mitten in die Predigt hinein rief der: „SA auf! SA raus!“ Strammen Schrittes marschierte er aus der Kirche – und keiner folgte ihm.

Der „Raus“-Rufer war übrigens Lehrer in der Gemeinde und fortan, zumindest bei einigen, nicht mehr gelitten. Er wurde 1940 nach Osten versetzt – „dienstverpflichtet“, hieß es, – wo er eine Hauptlehrerstelle bekam.

Zurück ins NS Zeltlager: Auf dem Tagesplan stand Gepäckmarsch. „Gelobt sei, was hart macht.“ Das war auch so ein Spruch dieser Zeit. Vor dem Abmarsch inspizierten der Lagerführer und seine beiden Stellvertreter, ob die Tornister ordentlich gepackt waren. Ob die darauf geschnallte Decke stramm gerollt war, genau mit der Unterkante des Tornisters abschloss und nicht etwa wie Wurstzipfel herunter hing.

Die Gruppe, für die ich verantwortlich war, wurde von einem kontrolliert, der eigentlich schon über das Hitlerjungen-Alter hinaus war. An der Ostfront hatte er durch Granatsplitter den rechten Arm verloren. Er trug noch keine Prothese; der Ärmel seines Braunhemds hing leer herunter und war im Koppel festgeklemmt. „Heil kann ich nicht mehr machen. Da ist nichts mehr heil“, hörte ich ihn einmal sagen. – Als er mit dem gesunden Arm schwungvoll den Tornister eines Jungen anhob, fiel ein Rosenkranz heraus. „Was soll das?“ kam barsch die Frage. Der Junge stammelte „Meine Mutter…“; weiter kam er nicht, da sagte der Einarmige schon in gemäßigterem Ton: „Steck das weg, das gehört nicht hierher.“ – Eine eher belanglose Begebenheit. Jedoch vier Jahre später musste ich an ihn denken, an den Jungen mit dem Rosenkranz.