Clicks873

Sakralität und Entsakralisierung

Sakralität und Entsakralisierung
Rechtzeitig zum 20. Todestag des großen katholischen Philosophen am 6. November 2017 erscheint in der Reihe Topos Taschenbücher eine Auswahl seiner Beiträge zur Gegenwart des Heiligen in der Liturgie. In ihnen schlägt sich die Sorge Piepers um die symbolische Ordnung des katholischen Glaubens und des kirchlichen Lebens nieder. Mit einer Ausnahme sind alle Beiträge nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil entstanden. Sie beschäftigen sich mit dem Sinn für Zeichen, Symbole, heilige Zeiten, heilige Handlungen und heilige Orte. Sie kreisen um das, was Pieper „praeambula sacramenti“ nennt: Erfahrungen und Begriffe des Sakralen, die den Sakramenten gleichsam vorausliegen.

Für den Philosophen Josef Pieper gehört zu einer heiligen Handlung wie der Liturgie auch ein sakraler Raum – dieser Ansp... Foto: dpa

Rechtzeitig zum 20. Todestag des großen katholischen Philosophen am 6. November 2017 erscheint in der Reihe Topos Taschenbücher eine Auswahl seiner Beiträge zur Gegenwart des Heiligen in der Liturgie. In ihnen schlägt sich die Sorge Piepers um die symbolische Ordnung des katholischen Glaubens und des kirchlichen Lebens nieder. Mit einer Ausnahme sind alle Beiträge nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil entstanden. Sie beschäftigen sich mit dem Sinn für Zeichen, Symbole, heilige Zeiten, heilige Handlungen und heilige Orte. Sie kreisen um das, was Pieper „praeambula sacramenti“ nennt: Erfahrungen und Begriffe des Sakralen, die den Sakramenten gleichsam vorausliegen.
Den Anfang der von Berthold Wald, Herausgeber der Josef Pieper-Werkausgabe, mit einem einleitenden Vorwort besorgten Sammlung bildet der Text „Über die Schwierigkeit, heute zu glauben“ (1969). Darin spricht Pieper im Anschluss an Hegel von „Verwüstungen in der Theologie“. Gemeint ist eine Theologie, die sich von ihrem Fundament, dem überlieferten Glauben der Kirche, löst. Piepers Frage, ob es für den Glauben „einen endgültig legitimierten Interpreten“ gibt oder der Pluralismus theologischer Meinungen das letzte Wort hat, stellt sich heute mit noch größerer Dringlichkeit als in der Zeit unmittelbar nach dem Konzil.
Schlüsseltext der Sammlung ist der Beitrag „Sakralität und ,Entsakralisierung‘“ (1969). Um ihn herum gruppieren sich Überlegungen zum Verständnis sakramentaler Symbolhandlungen, Klärungsversuche eines Laien (Nichtpriester und Nichttheologen) zur differentia specifica des Weihepriestertums sowie Stellungnahmen zur Liturgiesprache und zur Kirche als Sakralbau.
Eine Kirche wird durch ihre Weihe zu einem heiligen Raum. Pieper wendet sich gegen die nach dem Konzil erhobene Forderung nach einem nichtsakralen Kirchenbau. Eine Kirche, so Pieper, müsse den Ansprüchen an einen sakralen Raum genügen, da sie Ort einer heiligen Handlung ist. Das Zweite Vatikanische Konzil nennt die Liturgie eine im vorzüglichen Sinne „heilige Handlung“ (SC 7: actio sacra).
Ziel der Liturgiereform war es, die Wahrnehmung für das Heilige in der Liturgie zu fördern (SC 21). Allerdings wurde schon in der Zeit kurz nach dem Konzil der Ruf nach Entsakralisierung der Liturgie laut. Mit der Menschwerdung des Gottessohnes sei der Unterschied zwischen sakral und profan aufgehoben worden. „Feierlich“ sollte der Gottesdienst sein, aber nicht „sakral“. Liturgiker vermieden es, den Kultbegriff zu verwenden, während er von den Konzilsvätern noch ganz selbstverständlich gebraucht wurde (SC 7 u.ö.). In der Dogmatik ging man auf Distanz zur sazerdotale Dimension des Priesteramtes. Aus dem Priester als „minister sacer“, der das Opfer der Eucharistie darbringt, wurde der Vorsteher der Liturgie.
Die Entsakralisierung betraf auch die Sprache. Codewort wurde die dynamische Äquivalenz von Ziel- und Ursprungssprache. Damit war eine freie Übertragung der lateinischen Liturgiesprache gemeint, gegebenenfalls auch unter Verwendung von Umgangssprache. Die ursprünglichen Richtlinien, die aber keinen Bestand hatten, sahen dagegen eine wortgetreue Übersetzung vor. Unter den Beispielen für einen entsakralisierenden Sprachgebrauch nennt Pieper die Wiedergabe von consecratio (Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi) durch den Begriff „Einsetzungsbericht“. Scharf kritisiert Pieper, dass die Ordnung des deutschen Messbuchs die Unterscheidung von Offertorium, Wandlung und Kommunion für den eucharistischen Teil der Liturgie nivelliert hat. Auch bei der Wiedergabe von cantus ad offertorium mit „Gesang zur Gabenbereitung“ statt „Gesang zur Darbringung (der Opfergaben)“ oder „oratio super oblata“ mit „Gabengebet“ statt „Gebet über die Opfergaben“ handelt es sich um entsakralisierenden Sprachgebrauch.
Nicht berücksichtigt ist in Walds Sammlung Piepers zunächst in der katholischen Zeitschrift „Communio“ erschienener Beitrag „Angemessenes und Unangemessenes. Kritische Anmerkungen zur deutschen Studienausgabe der neuen Messordnung“ (1973). Auch in ihm weist Pieper die „Entsakralisierung“ der Liturgiesprache zurück. Er hätte daher gut in die Sammlung gepasst, zumal er nichts von seiner Bedeutung verloren hat: In seinem Motu proprio „Magnum principium“ (2017) nennt Papst Franziskus die Verstehbarkeit der Texte als das große Prinzip ihrer Übertragung aus den römischen Liturgiebüchern. Pieper hätte vermutlich gefragt: Was heißt Verstehbarkeit, unmittelbare Verstehbarkeit, ohne dass man mit der Liturgie der Kirche und ihrer Sprache vertraut ist? Verstehbarkeit auch um den Preis einer nicht mehr sakralen Sprache? Pieper war davon überzeugt, dass ein Gespür für die Sakralität der Liturgie nur dort bewahrt werden kann, wo Liturgie durch die ars celebrandi noch als etwas Nichtalltägliches erfahrbar ist. Der verlorene Sinn für das Heilige und das Sakramentale hängt für Pieper in der Tiefe mit dem modernen Mensch der Technik zusammen, sofern dieser Schwierigkeiten hat, Zeichen und Symbole zu verstehen. Besonders gilt dies für Real-Symbole, also Zeichen, wie die Sakramente, die bewirken, was sie bezeichnen. Sakramente, so Pieper, können nicht empfangen werden, so wie es ihnen entspricht, „wenn nicht der symbolische oder sakramentale Sinn genährt ist“ (Goethe).
Die Krise der symbolischen Ordnung der Kirche, davon war Pieper überzeugt, kann nur überwunden werden, wenn die Menschen wieder neu verstehen lernen, was mit heiliger Zeit, heiliger Handlung und heiligen Zeichen gemeint ist, da es sich beim christlichen Kult um die Feier eines Mysteriums handelt, in der Gott selbst in Jesus Christus gegenwärtig ist. Im Verlust des sakramentalen Denkens, dem Verblassen der theozentrischen Dimension in der Liturgie und ihrer verbreiteten Formlosigkeit sah Pieper Folgen der Entsakralisierung.
Bis heute wird in der katholischen Kirche um die Liturgie gerungen. Dies betrifft ihre Riten und Texte, die Ästhetik der liturgischen Gegenstände, die Gebetsrichtung, die Liturgiesprache und die Architektur des gottesdienstlichen Raumes. Pieper hatte eine ausgeprägte Sensorik für die Probleme und Verwerfungen in der Liturgieentwicklung nach dem Konzil. Viele davon hat er in seinen klugen und stilsicher abgefassten Einsprüchen offen angesprochen. Eine Relecture lohnt sich, der Leser gewinnt Einblicke in die Anfänge einer Debatte, die bis heute anhält.
Josef Pieper: Die Anwesenheit des Heiligen; herausgegeben von Berthold Wald. Verlagsgemeinschaft topus.plus, Kevelaer 2017, 208 Seiten, EUR 12,–

m.facebook.com
Joachim-Anna
Herzlich Dank für diesen sehr wichtigen Beitrag, der für mich das Kernproblem in der heutigen Wahrnehmung unserer Kirche ist. Sie glauben an das Weltliche, an das, was sie mit ihren fünf Sinnen wahrnehmen können, nicht mehr an die unsichtbaren Kräfte, die über die Symbolik und das Ritual die eigentliche,starke Verbindung schaffen. Genauer genommen sind aber gerade sie die starken "Sender" , die …More
Herzlich Dank für diesen sehr wichtigen Beitrag, der für mich das Kernproblem in der heutigen Wahrnehmung unserer Kirche ist. Sie glauben an das Weltliche, an das, was sie mit ihren fünf Sinnen wahrnehmen können, nicht mehr an die unsichtbaren Kräfte, die über die Symbolik und das Ritual die eigentliche,starke Verbindung schaffen. Genauer genommen sind aber gerade sie die starken "Sender" , die auch ein Symbol für das Wir- müssen -ihm -entgegen- gehen sein können. Die stärkere Aussendung erfolgt in der gemeinsamen, gleichzeitigen Handlung (Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind......) und nicht in einem individuellen Ritual, wie seinerzeit Hanoncourt behauptete:"Die wesensgemäße Feier kommt vor dem traditionellen Ritual". Die Bündelung und Stärkung der Kräfte wurde sogar in parapsychologischen Experimenten nachgewiesen. Wir sollten erkennen, wieviel stärker ein gleichbleibendes weltumfassendes Ritual, eine gleiche Sprache, ein gemeinsames Gebet in der Heiligen Messe sein kann.
Sonia Chrisye
@Mission 2020
@Santiago74
@Anno

Das Todesurteil über eigene Wege gegen den Willen Gottes finden wir vorgeschattet im AT am Beispiel des Ussa, der für den Transport der Bundeslade in den Tempel von Jerusam verantwortlich war.
Ussa musste sterben.
2. Samuel 6,3 Und sie setzten die Lade Gottes auf einen neuen Wagen und holten sie aus dem Haus Abinadabs, das auf dem Hügel war. Ussa aber und …More
@Mission 2020
@Santiago74
@Anno

Das Todesurteil über eigene Wege gegen den Willen Gottes finden wir vorgeschattet im AT am Beispiel des Ussa, der für den Transport der Bundeslade in den Tempel von Jerusam verantwortlich war.
Ussa musste sterben.
2. Samuel 6,3 Und sie setzten die Lade Gottes auf einen neuen Wagen und holten sie aus dem Haus Abinadabs, das auf dem Hügel war. Ussa aber und Achio, die Söhne Abinadabs, lenkten den neuen Wagen.
2. Samuel 6,6 Und als sie zur Tenne Nachons kamen, griff Ussa nach der Lade Gottes und hielt sie fest; denn die Rinder waren ausgeglitten.
2. Samuel 6,7 Da entbrannte der Zorn des Herrn gegen Ussa; und Gott schlug ihn dort wegen des Vergehens; so starb er dort bei der Lade Gottes.
2. Samuel 6,8 Aber David entbrannte darüber, daß der Herr mit Ussa einen solchen Riß gemacht hatte; darum nennt man diesen Ort Perez-Ussa bis zu diesem Tag.
Mission 2020
Es beruht auf die Zerstörung der traditionellen Werte in den 1960 und 1970 Jahren als da wären Familie, Katholischer Glaube, Sitten und Gebräuche ja die ganze christliche Kultur. Gefördert bis in die heutige Zeit durch den Geist der 68 der durch die Maintream Medien transportiert wird und alles für Gut heist was Gott beleidigt. Ganz vorne sind selbstverständlich Politiker die früher oft radikale …More
Es beruht auf die Zerstörung der traditionellen Werte in den 1960 und 1970 Jahren als da wären Familie, Katholischer Glaube, Sitten und Gebräuche ja die ganze christliche Kultur. Gefördert bis in die heutige Zeit durch den Geist der 68 der durch die Maintream Medien transportiert wird und alles für Gut heist was Gott beleidigt. Ganz vorne sind selbstverständlich Politiker die früher oft radikale Kommunisten waren.
Mission 2020
Video zum Thema ( Intersssant):youtu.be/JJKYJxEKyvk
Anno
Alles begann schon in den 1950'er-Jahren, als man Kirchen in Industriearchitektur baute, damit sich die "Arbeiter" wohler fühlen und den Kirchenraum mit der Werkshalle assoziieren.
Für diese Fehlentwicklung gibt es einige erschütternde Beispiele, als dann noch das Konzil kam, gab es kein Halten mehr und die Kirchen wurden radikal ausgeräumt und verluthert.
Sonia Chrisye
Manchen Entwicklungen konnte er nur noch zusehen. Ihm wird sicherlich nicht alles gefallen haben, zumal man auch, in die Gegenrichtung gedacht, vieles überhöhen kann.
Ja, wir müssen Maß und Mitte finden nach Gottes Wille.
USA im AT ist ein Beispiel für die verheerenden Folgen, wenn man eigene Wege geht.