Bundestagspräsident Lammert verschärft Kritik am Zölibat

Bundestagspräsident Norbert Lammert erneuerte am Mittwoch seine Kritik am Zölibat. Der deutsche Kardinal Walter Brandmüller erklärte dagegen, die Politik solle sich aus dieser Frage heraushalten.
Lammert schreibt in der neuesten Ausgabe der Hamburger Wochenzeitung «Die ZEIT», wer «eisern am überkommenen Pflichtzölibat festhält, führt die Gemeinden sehenden Auges in den seelsorgerischen Notstand». Der CDU-Politiker verwies auf einen Priestermangel in Deutschland: «1960 waren knapp 15.500 Geistliche in der Pfarrseelsorge tätig, derzeit sind es noch 8.500. Gerade noch 150 Männer wollten 2010 in Deutschland katholische Priester werden.»
Lammert bekräftigte seinen Vorschlag, in Zukunft auch Verheirateten den Weg zum Priesterberuf zu öffnen. Gegebenenfalls sollte auch eine regionale Ausnahmeregelung für Deutschland in Erwägung gezogen werden. Der CDU-Politiker räumte ein, es gebe «durchaus beachtliche Gründe für den Zölibat», etwa die «Freiheit für den priesterlichen Dienst, sich unabhängig von Pflichten des Ehemanns oder Vaters voll und ganz der Seelsorge zu widmen». Allerdings gebe es «in Deutschland längst eine außerordentliche pastorale Notsituation.
Vielen Gläubigen wird bereits heute ihr Recht auf die sonntägliche Messfeier vorenthalten oder ihr Wunsch unverhältnismäßig erschwert».
Kardinal Brandmüller: Einmischung in innerkirchliche Angelegenheit
Brandmüller sprach demgegenüber von einer «Kampagne» deutscher Politiker. Sie bedeute eine «persönliche Beleidigung» für die «überwältigende Zahl von Priestern, die den Zölibat überlegt und aus freien Stücken» übernommen hätten und treu lebten, heißt es in einem Offenen Brief. Letztlich werde dadurch auch Jesus Christus selbst beleidigt.
«Was legitimiert Sie als Politiker, zu einem innerkirchlichen Thema Stellung zu beziehen, das Sie weder von Amts wegen noch persönlich betrifft?», heißt es in dem Schreiben des aus Bayern stammenden Kirchenhistorikers. In der vergangenen Woche hatten Lammert, Bundesbildungsministerin Annette Schavan sowie die früheren Ministerpräsidenten Bernhard Vogel, Erwin Teufel und Dieter Althaus (alle CDU) die deutschen Bischöfe aufgefordert, sich in Rom für eine Priesterweihe von sogenannten «viri probati», einzusetzen.
Die Initiative nähre den Verdacht, dass es nicht nur um den Zölibat, «sondern um erste Schritte hin zu einer anderen Kirche» gehe, so Brandmüller. Einen deutschen Sonderweg ins Spiel zu bringen, führe «in die Nähe eines Schismas, einer Nationalkirche». Die Berufung auf den Priestermangel erscheine angesichts der sinkenden Zahl von Gottesdienstbesuchern und Gläubigen in einem «merkwürdigen Licht».
Brandmüller verteidigte den Zölibat unter Hinweis auf die Tradition.
Es sei «gesichertes Forschungsergebnis, dass anfangs gewiss verheiratete Männer zu Bischöfen und Priestern geweiht wurden, diese aber vom Tag der Weihe an zwar das Familienleben, nicht aber die eheliche Gemeinschaft fortsetzten», schreibt der Kirchenhistoriker.
Der ehelos lebende Priester mache sich als Jünger Jesu die Lebensweise «des Meisters» zu eigen. Die Weltkirche und auch ein ökumenisches Konzil dürfe und könne diese apostolische Überlieferung nicht ignorieren.
Forum Deutscher Katholiken: Politiker sollen sich um Lebensschutz kümmern
Auch das Forum Deutscher Katholiken verurteilte den Vorstoß der katholischen Unionspolitiker. «Kümmert euch nicht um die innerkirchliche Ordnung», mahnte der Sprecher des Forums, Hubert Gindert. Stattdessen sollten sich die Politiker um ihre «erste und wichtigste Aufgabe» kümmern, nämlich den umfassenden Schutz des Menschen von der Zeugung bis zum Tod und damit um das Gemeinwohl.
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