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Nach langer Dunkelheit kommt auch in Norwegen der Sommer wieder

Nach langer Dunkelheit kommt auch in Norwegen der Sommer wieder

Isabel lernte in Mexiko einen Norweger kennen, der nicht gläubig war, und gründete mit ihm eine Familie. Sie erzählt in einem Kapitel des Buches „Warmer Nordwind“ ihren Weg als "Latina" in der katholischen Kirche Norwegens, der sie in den Schwierigkeiten vor allem Jesus näher brachte.

18.11.2021

„Soweit ich weiß, existieren mehrere Versionen des Bildes ‚Der Schrei‘, das die Angst wiedergibt, die Edvard Munch fühlte. Er schrieb in seinem Tagebuch, dass er in einem Augenblick der Angst den ‚endlosen Schrei‘ gehört habe, ‚der die Natur durchtönt‘. Das Gemälde wurde mehrmals aus dem Museum entwendet. Es ist zu einem obligatorischen Ziel für Touristen geworden, für Leute, die – wie du und ich – zum ersten Mal nach Oslo kommen. Es muss ein sehr gutes Bild sein, obwohl es mich nicht so begeistert, vielleicht weil ich keine Norwegerin bin. Woher ich bin? Gute Frage! Ich weiß es schon nicht mehr …! Ich habe in so vielen Ländern Amerikas und Europas gelebt! Meine Familie hat viele Wurzeln. Meine Mutter zum Beispiel war eine Kusine von Juan Carlos Calderón, einem spanischen Komponisten, der im Auftrag von Serrat, Cecilia, Mocedades und vielen anderen gearbeitet hat. Bestimmt kennst du einige dieser Texte: Tú volverás, gesungen von Sergio und Estíbaliz; La fiesta terminó; Amor de medianoche; Bandolero, Mediterráneo … und das superbekannte Eres tú: ‚Como una guitara en la noche, / todo mi horizonte eres tú, / eres tuuú …‘

Mit einem Norweger kann man Englisch trainieren

Mein Du heißt Svein. Ich habe ihn in Mexiko kennengelernt, zufällig. ‚Ein Norweger! Interessant!‘, dachte ich. ‚So kann ich mein Englisch trainieren!‘ Er war 28 Jahre alt, ein Mann in der Fülle des Lebens, stark, gesund …

Als wir geheiratet hatten, zogen wir in die Vereinigten Staaten, neutrales Gebiet: ‚Weder dein Land noch meins.‘ Während der Jahre, die wir dort verlebten, fühlte ich mich, obgleich Svein den ganzen Tag arbeitete, nie wirklich allein, weil ich Zuflucht suchte bei der Eucharistie. In Amerika wurde unsere erste Tochter geboren und kurze Zeit später zogen wir nach Norwegen.

In der katholischen Pfarrei herrschte Eiszeit

Überall, wo ich bis dahin gelebt hatte, traf ich eine mehr oder weniger lebendige katholische Gemeinde an, die mir geholfen hat, meinen katholischen Glauben zu leben. Daher bekam ich einen Schock, als ich hierhin kam. In der Stadt, in die wir gezogen waren, war die christliche Atmosphäre äußerst kühl. In der Pfarrei fehlte es an menschlicher Wärme. Möglicherweise wäre die Erfahrung an anderen Orten Norwegens anders gewesen. Ich erzähle dir, wie es war: Es herrschte dort Eiszeit, was das geistliche Leben betrifft. Ich machte mir Sorgen um die religiöse Bildung unserer Kinder.

Svein war nicht gläubig, aber er hat der Erziehung der Kinder im Glauben nie Hindernisse in den Weg gelegt. Das Problem lag nicht zu Hause, sondern außerhalb. Die Messe dauerte sehr lange und die Kinder langweilten sich fürchterlich, weil sie die Sprache nicht verstanden. Die übrigen Katholiken grüßten uns kaum und schenkten uns keinerlei Beachtung. Die Folgen waren klar: Als sie älter wurden, sagten mir die Kinder, dass sie nicht mehr in die Messe gehen wollten.

Statt zu klagen, organisierte ich eine Katechese

Statt nur zu klagen, dachte ich, werde ich handeln. Trotz meines bruchstückhaften Norwegisch begann ich, in der Pfarrei Katechese zu geben, an der auch meine älteste Tochter teilnahm. Die anderen waren Kinder von Ausländerinnen, die mit Norwegern verheiratet waren, oder von Norwegerinnen, die mit Ausländern verheiratet waren – wie in unserem Fall. Einen Katechismus auf Norwegisch zu finden war schwierig. Wir hatten viele Hindernisse zu überwinden, bis unsere Tochter zur Erstkommunion gehen konnte. Aber es gab noch andere Schwierigkeiten zu bestehen: Ihre Freundinnen waren nette Mädels, aber weit weg vom Glauben, weil sie nie von Gott gehört hatten. In der Schule war es dasselbe. Außer einer Freundin von mir glaubte niemand an Gott. Lebensstil, Denkweise und Gewohnheiten der anderen waren ebenso wenig christlich geprägt. Unsere Kinder spürten das sehr deutlich, sie waren wirklich die einzigen Katholiken in der Schule.

Was konnte ich tun? Beten, beten, immer wieder, und tun, was in meinen Möglichkeiten stand, damit uns die Umwelt nicht völlig beeinflusste. Ich schaffte es nicht. Nach der Firmung haben sie keine Kirche mehr betreten.

Glaubensthemen - Mama, wovon sprichst Du überhaupt?

Mit der Pubertät tauchten neue Probleme auf. ‚Mama, wovon sprichst du überhaupt?‘, fragten sie mich. Ich verstand, was sie meinten; denn ich führte ihnen einen Lebensstil vor Augen, den sie nirgendwo verwirklicht sahen.

22 Jahre lang war ich Katechetin, was nicht leicht für mich war. Manche katholische Eltern wollten – weil ihnen die entsprechende Bildung fehlte – nicht, dass ich mit ihren Kindern über die Sünde sprach oder über bestimmte moralische Forderungen. Aber schließlich konnte ich ihnen die Botschaft Christi doch nicht ihrem Geschmack entsprechend vermitteln, als handle es sich um eine Bestellung nach Wunsch, wie man in Spanien sagt …

Es war sehr hart für mich zu sehen, wie meine Kinder, die doch gut sind und mich sehr lieben, die christlichen Werte ablehnten, die ich ihnen vermitteln wollte.

Meine älteste Tochter wollte Model werden. Sie ging nach New York und wurde in kurzer Zeit ein berühmtes Top Model. Sie ist ein sehr hübsches Mädchen, sie ist fein und hat sehr viel Stil. Als sie in Zeitschriften zu sehen war, gratulierten mir meine Freundinnen. ‚Du bist beneidenswert! Hast ein internationales Top Model als Tochter!‘

Die Kinder kommen von Gott und gehören ihm

Ich freute mich über den beruflichen Erfolg meiner Tochter, aber er erfüllte nicht meine Wünsche als christliche Mutter. Meine Aufgabe auf Erden ist es, meinen Kindern zu helfen, glücklich zu werden und in den Himmel zu kommen. Sie kommen von Gott und gehören Ihm, nicht mir. Ich litt darunter, zu spüren, dass sie die Beziehung zu Gott verlor, je berühmter sie wurde.

Sie lernte einen Mann kennen, mit dem sie ein Kind hat, meine Enkelin. Ich bete dafür, dass sie den Glauben wiederfinden; denn für Gott ist nichts unmöglich. Gott weiß, dass sie, als sie hier lebte, keine Vorbilder christlichen Lebens unter Gleichaltrigen fand.

Mein zweiter Sohn spielt in einer Psychedelic Rock Band, die in Norwegen sehr bekannt ist. Er ist ein außergewöhnlich guter Gitarrist. Das sage ich nicht, weil ich seine Mutter bin. Alle sagen das. Aber auch ihm konnte ich den Glauben nicht vermitteln, jedenfalls bis jetzt nicht.

Unsere Dritte wohnt in Deutschland und ist mit dem Sohn eines protestantischen Pastors verheiratet. Ich freue mich, dass sie eine gemeinsame christliche Basis haben.

So ist jedes der Kinder seinen eigenen Weg gegangen. Mein Mann ist, wie schon sagte, ein guter Mensch mit großen Tugenden wie Einfachheit und Zuversichtlichkeit. Als wir heirateten, dachte ich: ‚Den werde ich bald bekehrt haben.‘

Das war mein Plan, aber jeder Mensch ist frei und hat einen eigenen Weg. Abgesehen davon, dass niemand einen anderen bekehren kann – die innere Wandlung ist eine Gnade, ein Geschenk, das der Einzelne frei annimmt oder nicht –, hat die Barmherzigkeit Gottes ihren eigenen Plan und ihre bestimmte Zeit für jeden. Meine Aufgabe besteht weiterhin darin, zu beten und das Richtige zu tun mit dem Bewusstsein, dass die Dinge nicht so laufen, wie ich möchte, sondern wie und wann Gott es will. Die Worte aus dem Evangelium: ‚Bittet und ihr werdet empfangen‘ trösten mich.

In Norwegen erlebte die Kirche einen Frühling – und Jesus kam mir näher

Und wir empfangen wirklich: In Norwegen erleben wir in der katholischen Kirche einen neuen Frühling nach einigen schwierigen Jahren – jedenfalls für mich. Nur Gott weiß, warum. Vielleicht wäre ich Ihm nicht so nahe gekommen, wenn alles einfacher gewesen wäre. Die Schwierigkeiten haben mir geholfen, mich enger mit Christus zu vereinigen, einen persönlicheren, tieferen Umgang mit Ihm zu haben. Manchmal sage ich Ihm – wie in dem Lied: Toda mi esperanza eres Tú1.

Auf der ganzen Welt gibt es Tausende von Müttern, die in derselben Situation sind. Manchmal denken wir, Gott würde uns nicht hören, und sind versucht, der Verzweiflung anheimzufallen, die sich in Munchs Bildern spiegelt. Aber das stimmt nicht. Gott erhört uns immer, auch wenn wir die Früchte nicht sehen, da sie lange brauchen, um zu reifen. In Norwegen scheint der Sommer nie zu kommen, diesen Eindruck hat man während des langen Winters … Aber er kommt immer.

Außerdem weiß nur Er, was in einer Seele vor sich geht. Ich bitte Ihn, Er möge alle Menschen, die ich liebe, an sich ziehen – auf Wegen, die nur Er kennt.

Nein, wir sind nicht gescheitert und haben nicht vergebens gearbeitet. Ich habe gelesen, dass derjenige, der scheitert, ohne zu verzweifeln, in der Lage ist, das Evangelium zu verstehen und zu leben. ‚Misserfolg kann Glück und Segen bedeuten. Wenn man einen Christen erziehen will, sollte man ihn lehren, mit Misserfolg umzugehen.‘ Das Kreuz Christi war, rein menschlich gesehen, ein Scheitern. Die Märtyrer unserer Zeit – die Christen, die in verschiedenen Ländern wegen ihres Glaubens getötet werden – könnte man für gescheitert halten, und das sind sie nicht. Gottes Wege sind nicht unsere Wege. Deshalb müssen wir weiter beten und kämpfen ohne Unterlass, wie im Sport.

Das Leben geht weiter

Ich war immer schon sportlich, begeistert für Tennis, auch wenn ich es schon lange nicht mehr spiele und es kaum noch im Fernsehen verfolge, außer wenn einer der Stars spielt. Bei ihnen sehe ich, dass sie nie das Handtuch werfen, sondern bis zum Ende kämpfen, selbst wenn sie verlieren.

Außerdem geht das Leben weiter. Meine Enkelin ist zehn Jahre alt, ich bin schon Großmutter und tue, was ich kann, um mich innerlich zu erneuern und meiner Tochter – und soweit möglich, meiner Enkelin – das christliche Leben mit Freude weiterzugeben, ohne mich von den negativen Erfahrungen entmutigen zu lassen. Jetzt, wo ich etwas mehr Zeit habe, gehe ich manchmal ins Kino. Vor Kurzem habe ich einen sehr beeindruckenden Film gesehen über Mönche, die in Algerien umgebracht worden sind. Sie lebten mitten in der Wüste, in Einsamkeit, friedlich und froh – como esa guitara que suena en medio de la noche2 aus einem Lied, das Juan Carlos komponiert hat. Und ich dachte: Genau das ist unsere Aufgabe als Christen. Wir können nicht schreien und verzweifeln wie Munch; denn es gibt immer eine Hoffnung.“

Warmer Nordwind: Lebenszeugnisse von Christen in den nordischen Ländern / José Miguel Cejas ; aus dem Spanischen von Helga Kegel und Janni Büsse, fe-Medienverlag, Kisslegg 2018 (mit freundlicher Genehmigung)

1 Du bist meine ganze Hoffnung. href="#sdfootnote2anc" id="sdfootnote2sym">2 Wie eine Gitarre mitten in der Nacht.

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Norwegen


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