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Josef Pieper: Über das Schweigen Goethes

Santiago74
Es gibt, so scheint es, Dinge, die uns, mit welcher Heftigkeit sie auch immer wieder geplant und beabsichtigt sein mochten, doch nur geraten, wenn wir ohne unser Zutun oder gar mit Gewalt für sie …More
Es gibt, so scheint es, Dinge, die uns, mit welcher Heftigkeit sie auch immer wieder geplant und beabsichtigt sein mochten, doch nur geraten, wenn wir ohne unser Zutun oder gar mit Gewalt für sie freigesetzt, wenn wir, wie ein Freund zu sagen pflegte, eigens dazu eingesperrt werden. So ist mir ein lange gehegter Plan in einigen herrlichen Wochen zur Verwirklichung gediehen, nachdem ich durch eine glückliche, fast zaubrische Fügung gleich Habakuk beim Schopfe genommen und aus dem tödlichen Wirrsal der letzten Kriegsmonate in ein Reich friedlichster Abgeschiedenheit verpflanzt wurde, dessen Grenzen und Ausgänge freilich von bewaffneten Wächtern besetzt waren. Doch war die Absperrung nicht so fugenlos, daß es mir nicht hätte gelingen können, in Verbindung zu treten mit einem Freunde, der ganz in der Nähe jener Insel wohnte. Diese Nachbarschaft erwies sich als ein Glücksfall, wie ich ihn mir gar nicht hätte auszudenken vermocht. Es waren nur wenige Tage vergangen, und schon hatte sich ein regelmäßiger Buchleihverkehr eingespielt, der mich an den erstaunlichen Schätzen meines Freundes teilhaben ließ. Und nach einigem Kosten kam mir der Einfall, um die Goetheschen Briefe zu bitten, und zwar um nicht weniger als die fünfzig Bände der Sophien-Ausgabe, die mir dann auch wirklich der Reihe nach, in kleinen Sendungen von zwei, drei Bänden, im Austausch hin und her regelmäßig zugebracht wurden. Der Reichtum dieses durch mehr denn sechzig Jahre hin sich bezeugenden Lebens trat mir damals mit einer wahrhaft überwältigenden, die seit langem ganz auf das Nächste und Dringlichste eingeschränkte Fassungskraft fast sprengenden Großartigkeit vor die Augen. Welch leidenschaftliche Hinwendung zur Wirklichkeit in allen ihren Gestalten, welch unstillbare Jagd nach den Dingen aller Welt, welche Bejahungskraft, welche Fähigkeit, Anteil zu nehmen, welche Vehemenz der Zueignungsgebärde! Freilich auch welche Selbstbegrenzung auf das ‚Gemäße‘, welche Inzuchtnahme allen bloßen Schweifens, welche Frömmigkeit angesichts der Wahrheit des Seins! Ich kam aus dem Staunen nicht heraus. Und der Gefangene betrat eine Welt ohne Grenzen, vor welcher die Tatsache der Haft völlig bedeutungslos wurde.