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Ursula Wegmann
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Syrien - ein glaubwürdiger Reisebericht Teeil III

Teil III
Es gibt noch eine andere Unternehmung der Franziskaner. Etwas außerhalb, Richtung Stadtrand, in der Nähe der Uni haben sie ein 100.000 m2 großes Grundstück. Sonntags kommen manchmal 7000 Christen aus ganz Aleppo zusammen. Es gibt ein kleines Schwimmbad, Fußball- und Volleyballfelder, die Leute bringen etwas zum Essen mit, manche grillen … alle kennen sich, halten zusammen, geben Informationen und Hilfen weiter, neue katholische Familien entstehen …
In Aleppo – so wird uns gesagt – ist es Tradition, dass alle Priester aller katholisch-orientalischen Kirchen unverheiratet sind (selbst in den Kirchen, wo man heiraten dürfte). Die Leute hier würden das nicht akzeptieren, sagt man, Aleppo sei eben etwas Besonderes.
Unangemeldet besuchten wir am 2. Februar auch noch den chaldäisch-katholischen Bischof, einen Jesuiten, für 1 ½ Stunden. Es war kalt, wir saßen in Mänteln, draußen auf den Straßen liefen die Notstromaggregate. Wie immer wurden wir herzlich bewirtet.
Dieser Tag war besonders traurig, weil in der Stadt 21 Menschen bei einem Bombenangriff der Terroristen starben. Dieser Bischof war der Caritas-Bischof für Syrien; er berichtete von einer großen Hilfe aus Polen für Heizung und Lebensmittel, aber leider auch davon, dass westliche kirchliche Organisationen die Terroristen unterstützen. Als er dahinterkam, hat er versucht, das zu unter-binden, und man ist auch wohl bereit einzulenken. Er betont, dass jetzt immer drei Dinge wichtig sind: Essen, Bildung, medizinische Projekte. Geld sei nicht das Wichtigste, sondern der Frieden.
Die Baath-Partei, die im Lande regiert, ist in den 40iger Jahren von einem Christen (Michel Aflaq) und einem Moslem (Salahadin al-Bithar) gegründet; man hatte die Idee und Konstruktion von einem laizistischen Staat, in dem auch alle Religionen Platz haben dürften, es aber kein Gottesstaat geben sollte – also die Trennung von weltlicher und geistlicher Macht. Und genau einen von diesen weltlichen Staaten, wo die Christen leben konnten, haben die Amerikaner destabilisiert mit der Lüge, Saddam Hussein, habe chemische Massenvernichtungswaffen, was der Vorwand für den Irak-Krieg war und praktisch dazu geführt hat, das Land durch Verfolgung und Vertreibung christenfrei zu machen. Diese vielen Chaldäer sind dann nach Syrien geflüchtet, aber der Bischof hat nur geringe Hilfsmöglichkeiten, seine Christen zu halten, weil diese durch ihre negative Erfahrung sehen, dass man jetzt versucht, auch Syrien zu destabilisieren – und deshalb ziehen die Massen lieber gleich weiter nach Westen.

In Aleppo befindet sich in einer Moschee das Grab des hl. Zacharias, Vater von Johannes dem Täufer, das ebenfalls sehr verehrt wird. Aber alles lag in Kriegstrümmern, und weil schon der Wiederaufbau begann, wurden wir nicht vor-gelassen. Am 4.2. besuchten wir Homs, das durch die Rückeroberung von den Terroristen zu 100 % zerstört war. In den Ruinen leben Leute, weil es nichts anderes gibt. Hier wurde ein ausländischer Jesuitenpater (Frans van der Lugt) Märtyrer, der seinen Tod schon vorhergesagt hatte. Die kleine syrisch-katholische Gemeinde war nach der hl. Messe zum Kaffee versammelt; man sagte uns, es seien leider nur 60 nicht vollständige Familien übriggeblieben. Ebenfalls nach der hl. Messe erzählte uns der syrisch-orthodoxe Bischof von Homs beim Gemeindekaffee, dass beim Angriff der Terroristen 100 Kinder seiner Schule getötet wurden, viele, besonders junge Leute, sind weg. Aus seiner Gemeinde Homs schätzt dieser Bischof, dass es 400 bis 500 Märtyrer gebe; niemand könne das genau sagen, weil ja auch viele verschleppt seien.
Die melkitische Kathedrale in Homs ist schon wiederaufgebaut. Eine halbe Stunde nach der Messe wurde sie damals bombardiert – gottseidank waren schon alle zuhause. Überall ist der Aufbau im Gange, aber überall sieht man die Zerstörungen, besonders auf den Gesichtern der Ikonen. Auf unserer Fahrt weiter nach Seydnaya zum syrisch-orthodoxen Priesterseminar, wohin uns der Patriarch für ein paar Tage eingeladen hatte, hörten wir immer wieder Gefechtslärm, Raketen und Schüsse.
Im orthodoxen Priesterseminar Seydnaya, ca. 30 km nördlich von Damaskus, studieren Seminaristen aus aller Welt, dort befindet sich auch ein großes Kinderheim, die Kathedrale des Patriarchen mit den Gräbern seiner Vorgänger, ein Gästehaus, ein Kloster, eine im Aufbau befindliche Universität, ein Jugend-zentrum, eine unterirdische Kirche mit einem Reliquienteil des Gürtels der Gottesmutter, der in Homs aufbewahrt wird. Einer der dortigen Mönche war 118 Tage in der Gewalt der Terroristen, von ISIS entführt. Eine Stunde lang erzählte er uns auf Bitten seine schrecklichen Erlebnisse. 75 % der Terroristen waren Einheimische, 25 % Deutsche, Franzosen, Amerikaner, Tunesier, Marokkaner – die Fremden waren besonders brutal und gefährlich. Es endete ganz eigenartig, er sagte, obwohl er oft mit dem Tod bedroht wurde, habe er alle Tage nicht nur die Nähe Gottes gespürt, sondern er konnte direkt die Hände Christi fühlen, die ihn berührt und gehalten haben.
Für den 5.2. hatte uns der Patriarch eine Fahrt nach Maalula organisiert. Wegen der gefürchteten Angriffe ist auch der Weg dorthin schon militärisches Sperrgebiet. Maalula war eine wunderschöne Stadt, eingebettet in die Berge, viele Einsiedler lebten früher in Felshöhlen, alles war von Christen besiedelt, die bis heute noch aramäisch, die Sprache Jesu, sprechen, weltweit einzigartig.
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