Tina 13
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GEBURT DER JUNGFRAU MARIA Band I, Kap.7, Gottmensch - M.Valtorta

GEBURT DER JUNGFRAU MARIA
Band I, Kap.7, Gottmensch - M.Valtorta
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Die Geburt Marias erscheint in Valtortas Vision als ein kosmisches Ereignis, das von wunderbaren Himmelsphänomenen begleitet wird. Im furchterregenden Unwetter toben die bösen Geister, die ihre Macht durch die Geburt Marias bedroht fühlen.
In diesem Kapitel werden zwei Funktionen der dialogischen Textgestaltung deutlich:
– Joachim vermißt die Wehen bei Anna. Offensichtlich hat sie eine schmerzfreie Geburt. Dies berichten auch Maria von Agreda und Anna Katharina Emmerick in ihren Privatoffenbarungen. Der Dialog vermittelt somit eine theologische Aussage.
– Anna eröffnet Joachim, daß die neugeborene Tochter Maria heißen soll, wenngleich sie schon im vorhergehenden Kapitel diesen Namen vorgeschlagen hat. Wir können nicht wissen, welche mystische Begnungen Anna hatte. Es liegt jedoch nahe, daß sie über den Namen nicht selbst entschied, sondern ihn auf übernatürliche Weise mitgeteilt bekam, wie Maria von Agreda und Anna Katharina es darstellen. Mystische Erfahrungen werden also bei Valtorta umgangen.
Daß höllische Geister bei der Geburt Marias ihre Wut austoben, erfährt der Leser durch Einführung von zwei Gehilfen des Joachim, die mit erstaunlicher Natürlichkeit über die teuflischen Mächte sprechen.


Ich sehe Anna in den Blumen- und Gemüsegarten hinausgehen. Sie stützt sich auf den Arm einer Verwandten, wie mir scheint; denn die Frau sieht ihr sehr ähnlich. Sie ist hochschwanger und offenbar sehr müde; vielleicht auch wegen der Schwüle, die sehr jener gleicht, die mich umgibt.
Obwohl der Garten schattig ist, ist die Luft doch glühend heiß, ja erdrückend. Eine Luft, die man zerschneiden könnte wie einen weichen Teig, so dicht scheint sie zu sein unter dem erbarmungslos blauen Himmel. Es muß schon seit längerer Zeit nicht mehr geregnet haben, denn die Erde ist dort, wo sie nicht bewässert wird, buchstäblich zu feinstem, fast weißem Staub geworden. (...)
Joachim macht sich an den Beeten und an den Olivenbäumen zu schaffen. Er hat zwei Männer um sich, die ihm helfen. Wenn er auch schon alt ist, so ist er dennoch flink und arbeitet mit Freude. Sie öffnen kleine Dämme an den Grenzen eines Feldes, um den durstigen Bäumen Wasser zuzuleiten. (...)
Langsam geht Anna durch die schattige Laube, unter der goldgelbe Bienen gierig nach dem Saft der blonden Beeren fliegen, auf Joachim zu, der ihr, sobald er ihrer ansichtig wird, entgegeneilt.
«Bis hierher bist du gekommen?»
«Das Haus ist heiß wie ein Ofen.»
«Und du leidest darunter.»
«Das Leiden der letzten Stunden einer Schwangeren. Es ist das Leiden aller: Menschen und Tiere. Erhitze dich nicht zu sehr, Joachim!»
«Der so lange erwartete Regen, der seit drei Tagen schon nahe scheint, ist noch nicht gekommen, und die Flur verbrennt. Es ist gut für uns, daß die Quelle so nahe ist, und so reich an Wasser. Ich habe die Kanäle geöffnet. Eine kleine Erleichterung für die Bäume mit ihren welken und staubbedeckten Blättern; aber genug, um sie am Leben zu erhalten. Wenn es nur regnete! ...» Joachim blickt mit der Sorge des Landwirts forschend zum Himmel auf, während Anna sich müde Luft zufächelt mit einem getrockneten Palmblatt, das von vielfarbigen Fäden, die es steif halten, durchflochten ist.
Die Verwandte sagt: «Dort, jenseits des hohen Hermon steigen schnell dahinziehende Wolken auf. Nordwind; er bringt Frische und vielleicht etwas Regen.»
«Seit drei Tagen weht er so; aber dann läßt er beim Aufgehen des Mondes wieder nach. So wird es auch heute sein», sagt Joachim entmutigt.
«Kehren wir ins Haus zurück. Auch hier kann man nicht atmen ...» sagt Anna, die aufgrund einer Blässe, die ihr Gesicht befallen hat, olivenfarbiger als gewöhnlich erscheint.
«Hast du Schmerzen?»
«Nein. Ich fühle den großen Frieden, den ich im Tempel empfunden habe, als ich Erhörung fand; ich habe ihn auch gefühlt, als ich wußte, daß ich Mutter werde. Es ist wie eine Ekstase. Ein sanfter Schlaf des Körpers, während der Geist aufjubelt und in einem Frieden schwelgt, für den es auf menschlicher Ebene keinen Vergleich gibt. Ich habe dich lieb, Joachim, und als ich in dein Haus einzog und mir sagte: "Ich bin die Braut eines Gerechten", hatte ich ein Gefühl des Friedens und ebenfalls, sooft deine tätige Liebe sich um deine Anna sorgte. Aber der jetzige Friede ist von anderer Art. Schau: ich glaube, daß es ein Friede ist, wie der sich ölartig ausbreitende und lindernde Friede, den der Geist Jakobs, unseres Vaters, nach seinem Traumgesicht von den Engeln empfand (Gen 28,12);
(Jakob kam an einen bestimmten Ort, wo er übernachtete, denn die Sonne war untergegangen. Er nahm einen von den Steinen dieses Ortes, legte ihn unter seinen Kopf und schlief dort ein.
Da hatte er einen Traum: Er sah eine Treppe, die auf der Erde stand und bis zum Himmel reichte. Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder.
Und siehe, der Herr stand oben und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks. Das Land, auf dem du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben.)
oder besser noch: er ähnelt dem freudigen Frieden der beiden Tobias, nachdem Raphael sich ihnen geoffenbart hatte (Tob 12). Je mehr ich mich in ihn vertiefe und ihn genieße, um so mehr wächst er. Es ist, als erhöbe ich mich in die blauen Räume des Himmels... Ich weiß nicht warum, aber seit ich in mir diese friedliche Freude habe, vernehme ich einen Gesang in meinem Herzen: den des alten Tobias (Tob 13, 1-23).
(Tob 13,15: Freu dich und juble über alle Gerechten! Sie werden vereint sein und den Herrn der Gerechten preisen. Wohl denen, die dich lieben; sie werden sich freuen über den Frieden, den du schenkst.)
Mir ist, als sei er für diese Stunde geschrieben worden... für diese Freude... für das Land Israel, dem sie zuteil wird... für Jerusalem, die Sünderin, der nun verziehen wird... aber... lächelt nur über das irre Reden einer Mutter... aber wenn ich sage: "Danke dem Herrn für seine Wohltaten und preise den Herrn, den Ewigen, damit er in dir sein Zelt wieder erbaue!", dann denke ich, daß der, der in Jerusalem das Zelt des wahren Gottes wieder erbauen wird, das Geschöpf ist, das bald geboren wird.» (...)
Anna entflammt sich bei diesen Worten und wechselt mehrmals Farbe wie ein Wesen, das aus dem Mondlicht zu einem großen Feuer getragen wird und umgekehrt. Sanfte Tränen rollen ihr über die Wangen herab; sie beachtet sie nicht in ihrer Freude. Inzwischen kehrt sie zwischen dem Gemahl und ihrer Verwandten, die beide bewegt schweigen und lauschen, zum Haus zurück.
Sie beeilen sich, denn die Wolken, die von einem starken Wind getrieben werden, kommen rasch näher und breiten sich am Himmel aus, und die Ebene wird dunkel und erschaudert in der Ankündigung des Gewitters. Als sie an der Schwelle des Hauses ankommen, durchfurcht ein erster hellzuckender Blitz den Himmel, und das Grollen des Donners ertönt wie das Schmettern einer riesigen Pauke, das sich in das Trommeln der ersten Tropfen auf die dürren Blätter mischt.
Alle treten ein, und Anna zieht sich zurück, während Joachim, von seinen Helfern eingeholt, an der Türe über den so lange erwarteten Regen zu sprechen beginnt, der ein wahrer Segen für das durstige Land ist. Aber die Freude verwandelt sich in Furcht, denn es kommt ein heftiges Unwetter mit Blitzen und hagelbeladenen Wolken. «Wenn die Wolke platzt, werden die Weinstöcke und die Olivenbäume wie im Mörser zerstampft. Wir Ärmsten!»
Noch eine andere Angst befällt Joachim: für seine Gattin ist die Stunde gekommen, da ihr Kind das Licht der Welt erblicken soll. Die Verwandte versichert ihm, daß Anna tatsächlich nicht leidet. Aber er bleibt unruhig, und jedes Mal, wenn die Verwandte oder andere Frauen, unter denen sich auch die Mutter des Alphäus befindet, aus der Kammer Annas herauskommen und mit warmem Wasser, Decken und Linnen, die sie am hellflackernden Feuer der geräumigen Küche erwärmt haben, dorthin zurückkehren, geht er hin und erkundigt sich, läßt sich aber durch ihre Versicherungen nicht beruhigen. Auch das Fehlen von Schmerzensschreien macht ihm Sorge. Er sagt: «Ich bin ein Mann und habe nie eine Geburt gesehen; aber ich erinnere mich gehört zu haben, daß das Fehlen von Geburtswehen verhängnisvoll ist.»
Die Nacht bricht infolge des außergewöhnlich heftigen Gewitters verfrüht herein. Wassergüsse, Winde, Blitze, alles stellt sich ein; doch nicht der Hagel, der sich anderswo entladen hat.
Einer der Burschen weist auf die Heftigkeit des Gewitters hin und bemerkt: «Es scheint, daß Satan mit all seinen Dämonen aus der Hölle herausgekommen ist. Schau, welch schwarze Wolken! Riechst du, welch ein Schwefelgeruch in der Luft liegt und hörst du das Pfeifen und Zischen, die Klagestimmen und die Flüche? Wenn er es ist, dann rast er heute abend ganz schön!»
Der andere Bursche lacht und sagt: «Es muß ihm eine große Beute entgangen sein, oder Michael hat ihn mit einem neuen Blitz Gottes getroffen und ihm Hörner und Schwanz abgeschnitten und verbrannt.»
Eine Frau kommt und ruft: «Joachim, sie hat gerade geboren! Alles ging schnell und glücklich vonstatten!» Und sie verschwindet wieder mit einem Krüglein in der Hand.
Das Unwetter bricht in sich zusammen nach einem lauten und so heftigen Blitzschlag, daß es die drei Männer gegen die Wand wirft und an der Frontseite des Hauses im Boden des Gartens zur Erinnerung ein schwarzes, rauchendes Loch bleibt. Während im Zimmer Annas ein Wimmern hörbar wird, breitet ein gewaltiger Regenbogen seinen Halbkreis über die ganze Breite des Himmels aus. Er steigt auf oder scheint wenigstens aufzusteigen von der Höhe des Hermon aus, der, von einem Sonnenstrahl geküßt, wie ein Alabasterblock in zartestem Rosaweiß leuchtet und sich in den klaren Septemberhimmel erhebt. Dann durchzieht der Farbenbogen die von aller Unreinheit gesäuberten Himmelsräume, überfliegt die Hügel von Galiläa und die Ebene, die im Süden zwischen zwei Feigenbäumen sichtbar wird, dann noch einen anderen Berg und scheint sich am äußersten Horizont niederzulassen, dort, wo eine graue Gebirgskette jede weitere Aussicht versperrt.
«Ein nie gesehenes Schauspiel!»
«Schaut, schaut!»
«Es scheint, als werde ganz Israel in einen Kreis zusammengeschlossen... und nun schaut! ... da erscheint ein Stern, während die Sonne noch nicht verschwunden ist. Welch ein Stern! Er leuchtet wie ein gewaltiger Diamant! ...»
«Und der Mond dort, ein Vollmond, obwohl noch drei Tage bis dahin fehlen. Aber seht, wie er strahlt!»
Die Frauen kommen in festlicher Freude herbei, mit einem rosigen Kindlein in weißem Linnen.
Es ist Maria, die Mutter! Eine ganz kleine Maria, so klein, daß sie in den Armen eines Kindes schlafen könnte. Das Näschen zwischen den beiden runden Bäckchen ist winzig, und wenn man es sachte berührt, dann öffnen sich die Äuglein und lassen durch zwei unschuldige, blaue Pünktchen zwei Stückchen Himmel sehen. Auf dem runden Köpfchen bilden rötlichblonde Härchen einen zarten Flaum, der die Farbe eines gewissen, beinahe weißen Honigs hat. Die durchsichtigen Öhrchen gleichen zwei rosafarbenen Müschelchen. Und die Händchen, was sind das für winzige Dinge, die sich in die Luft heben und dann nach dem kleinen Mund greifen! Geschlossen, wie sie jetzt sind, gleichen sie zwei Knospen, die das Grün des Kelches abgestreift haben und am Aufbrechen sind... und nun, geöffnet... gleichen sie zwei Kameen aus rötlich angehauchtem Elfenbein.
Und sieh, nun ist sie wieder in den Windeln und auf den Armen des irdischen Vaters, dem sie ähnelt. Eigentlich noch nicht. Vorerst ist sie nur der Entwurf eines Menschenkindes. Ich meine, daß sie ihm als Frau gleichen wird. Von der Mutter hat sie nichts. Vom Vater die Farbe der Haut und der Augen und sicher auch der Haare; denn wenn diese jetzt auch weiß sind, in der Jugend waren sie sicherlich blond, wie die Augenbrauen es bezeugen. Vom Vater hat sie auch die Gesichtsform, die aber feiner ausgearbeitet ist, da sie Frau und erhabene Frau ist; außerdem das Lächeln und den Blick, die Art und Weise, sich zu bewegen, und die Statur. Wenn ich an Jesus denke, wie ich ihn sehe, finde ich, daß Anna ihrem Enkelkind die Statur gegeben hat und die mehr elfenbeinartige Farbe der Haut. Maria besitzt nicht die imponierende Gestalt Annas, dieser hohen, geschmeidigen Palme, wohl aber die Anmut des Vaters.
Die Frauen sprechen noch vom Gewitter und von dem Wunder des Mondes, des Sternes, des ungeheuren Regenbogens, während sie mit Joachim hineingehen zur glücklichen Mutter und ihr das Kindlein wiederbringen.
Anna lächelt in Gedanken und spricht: «Sie ist der Stern. Ihr Zeichen ist am Himmel erschienen. Maria, der Regenbogen des Friedens! Maria, mein Stern, Maria, strahlender Mond! Maria, unsere Perle!»
«Maria nennst du sie?»
«Ja, Maria, Stern und Perle, Licht und Frieden...»
«Aber dieser Name bedeutet auch Bitterkeit... Fürchtest du nicht, daß er ihr Unheil bringen könnte?»
«Gott ist mit ihr. Sie gehörte ihm, schon bevor sie lebte. Er wird sie führen auf ihren Wegen, und jede Bitterkeit wird sich in paradiesische Süße verwandeln. Jetzt gehöre deiner Mutter... noch ein wenig, bevor du ganz Gottes sein wirst ... !»
Die Vision endet mit dem ersten Schlaf der Mutter Anna zusammen mit ihrem Kind Maria.

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Anmerkung:
Nach Auskunft von Etymologen wurde Mirjam, die Schwester des Moses, im Aramäischen Marjam ausgesprochen. Der Text enthält zwei Anspielungen auf den Namen Marias: Joachim verbindet mit dem Namen Bitterkeit. Die Silbe "mar" bedeutet "bitter". Anna widerspricht zwar nicht dieser möglichen Bedeutung, bezieht aber den wunderbar am Himmel erschienenen Stern auf ihre Tochter. Eine etymologische Deutung führt die hebräische Silbe 'OR – Licht an.
Die Deutung des Namens MARIA als STELLA MARIS – Stern des Meeres geht indirekt auf den hl. Hieronymus zurück. Er verstand mar-jam als STILLA MARIS – Tropfen des Meeres. Auf irgendeine Weise wurde später STILLA in STELLA umgewandelt. Möglicherweise führt diese Abwandlung zur eigentlich gedachten Bedeutung zurück.