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Das Reformationsjubiläum 2017 kommt näher. Auch eine Art Advent.
Martin Luther [Doku deutsch]
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Von der Freiheit eines Christenmenschen
Unzeitgemäße Gedanken

Das Reformationsjubiläum 2017 nähert sich, und eh man sich versieht, stecken wir mitten in besinnlichen, nachdenklichen und kritischen Lutherfeiern. Vielleicht sollten uns diese Feierlichkeiten jetzt schon ein Anlass sein, unsere Ansichten über Martin Luther zu sammeln. Zumal in den Wochen vor Ostern wir in den verschiedenen …
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Von der Freiheit eines Christenmenschen
Unzeitgemäße Gedanken

Das Reformationsjubiläum 2017 nähert sich, und eh man sich versieht, stecken wir mitten in besinnlichen, nachdenklichen und kritischen Lutherfeiern. Vielleicht sollten uns diese Feierlichkeiten jetzt schon ein Anlass sein, unsere Ansichten über Martin Luther zu sammeln. Zumal in den Wochen vor Ostern wir in den verschiedenen Diskussionssträngen immer wieder das Wort von der Freiheit eines Christen diskutiert haben. Aus diesem Anlass hier mein Vorschlag, den Originaltext von Luther aus dem Jahre 1520 einzustellen und durchzugehen.


Martin Luthers Antwort von 1520 auf die päpstliche Bannbulle ist ein thesenartiger Text, der ziemlich geradeaus argumentiert und den man vielleicht doch besser genau gelesen haben sollte. Nun haben Bücher oder Schriften immer einen inneren und äußeren Betrachtungsrahmen, oder kürzer, wir haben es immer mit Text und Kontext zu tun. Manche Schriften erfahren ihren Sinn vor allem aus dem Kontext. Und es gibt deshalb mit Recht Texte, die wir aus dem Kontext heraus besser erkennen können und dessen Inhalt wir nicht gelesen haben müssen oder vielleicht auch nicht gelesen haben sollten.

Roches Feuchtgebiete sind mit Sicherheit ein solches Thema. Man muss das Erbrochene anderer Menschen wegräumen und diesen Menschen helfen, aber man muss das nicht wieder aufwärmen in der Mikrowelle. Und wenn schon ein Mensch am Genuss einer Speise erkrankt ist, dann müssen wir nicht zwingend auch davon essen, nur um wissenschaftlich gesichert feststellen zu dürfen, dass auch wir daran erkranken.

Martin Luthers Text über die Freiheit eines Christenmenschen zeigt zwar auch Abgründe auf, aber seine Thesen sind geschichtsmächtig, quasi zum gefühlten Konsens unserer modernen Gesellschaft geworden und werden 2017 in einer Weise gefeiert werden, und zwar nicht nur von den Protestanten, dass auch uns noch speiübel werden könnte. Kurz, es nähert sich eine Zeit, in der wir keine Möglichkeit mehr haben werden, uns nicht mit Luther auseinanderzusetzen. Auf diese Zeit der Reformationsfeierlichkeiten sollten wir uns ganze im Sinne der Reformation kritisch vorbereiten.

Für die alten Seefahrer waren die Sternbilder ein wichtiger Orientierungspunkt. Die Tierkreiszeichen und -bilder sind Symbole, um sich die Sternbilder merken zu können, weil der Blick nach oben in die Sterne uns einen wichtigen Hinweis gibt, wo wir uns gerade auf der Erde befinden. Deshalb gilt auch für uns, dass wir den geistigen Sternenhimmel über uns beschreiben müssen, damit wir als Gesprächspartner die nötigen Koordinaten unserer gegenseitigen Argumentation verstehen können. Die Erkenntnis des eigenen Standortes bedarf des Himmlischen wie eines Spiegelbildes. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass am Beginn der Neuzeit der Blick der Menschen sich auf den Himmel richtet. Und so beginnt die Umwälzung der Welt mit Betrachtungen über die Umwälzungen der Gestirne (Kopernikus, De revolutionibus). Aber auch damals war der Himmel nicht nur der Umlauf der Sterne und Planeten, die Frage nach der Umwälzung des Himmels beginnt mit der Umwälzung Gottes. Und da stoßen wir auf den deutschen Reformator Martin Luther und unter anderem auf seine Schrift von der Freiheit eines Christenmenschen.

Vor mir liegt gerade ein kleines Büchlein. Tschuang-Tse: Reden und Gleichnisse (Taoist, etwa 300 vor Chr.), ein Büchlein, das Martin Buber herausgegeben hat 1910. Es ist erstaunlich, wie wir an diesem Buch verfolgen können, dass Buber in der Begegnung mit der chinesischen Kultur seine eigenen Wurzeln wiederfindet. Meine Lieblingsstelle ist ein kurzer Text, in dem Tschuang-Tse das Tao erklärt und folgendes Bild nimmt:

„Ein trunkener Mann, der vom Wagen fällt, mag Wunden empfangen, er wird nicht sterben. Seine Knochen und Gelenke sind wie die der andern, aber der Schaden ist verschieden: sein Geist wurde nicht berührt. Er wußte nicht, daß er in den Wagen stieg; er wußte nicht, daß er aus ihm fiel. Tod und Leben, Angst und Bestürzung dringen nicht in seine Brust; so bleibt er im Herzen unverletzt. / Kann man solches vom Weine erlangen, wieviel mehr vom Himmel! Der Berufene ist im Himmel geborgen, und nichts kann ihn schädigen.“ (S. 131)

Sie ahnen schon, worauf ich hinaus will mit meinem Buber-Zitat. Solange wir uns gefühlt in einer spontan ursprünglichen Glaubenswelt bewegen, solange ist ein Schutz um uns herum, vom dem Tschuang-Tse sagt, dass ein bisschen schon der Wein solche Wirkung haben kann, in jedem Fall aber der Himmel. Mit Luther verlagert sich Gott ins Innere und damit zerreißt jenes gefühlte Band der Tradition. Natürlich kann man umgekehrt sagen, dass solange das Ich an sich selbst glaubt und deshalb weiß, dass es schon immer war und sein wird, dass solange auch dieser Schutz des Glaubens fortbesteht. Der Nachteil dieses Ich-Glaubens mit dem Gott-for-You ist allerdings die Begrenztheit des Ichs und seine Zufälligkeit, sein Hineingeworfen-Sein in die Welt. So kann das Ich nur die Wahrnehmung seiner Zufälligkeit verweigern, um innerhalb des gefühlten Schutzes zu verbleiben, bis es dann von der Kontingenz seines Seins völlig überraschend dahingerafft wird.

Es gibt noch einen Abschnitt von Tschuang-Tse in der Ausgabe von Martin Buber, den ich zitieren möchte. Der Fürst Huan, wohl ein wichtiger Mann, liest in der Halle seines Hauses. Unten schuftet der Wagner Pien, bis der Hammer und Dreheisen hinwirft und zum Fürsten geht und nachfragt, was der Fürst denn da treibe. Er lese und erforsche die Worte der Weisen. Ob diese Weisen lebendig seien, fragt der Wagner. Nein, antwortet der Fürst. „Dann sind die Worte, die Ihr, mein Fürst, erforschet, nur der Abfall jener Männer.“ Der Fürst Huan ist sauer und droht mit Hinrichtung, falls der Wagner für sein Verhalten keinen triftigen Grund vorbringen kann. Was nun kommt, können wir getrost als eine zweite Stellungnahme zur Freiheit eines Christenmenschen lesen:

„Ich will ein Rad machen: arbeite ich zu sacht, kann ich es nicht fest genug machen; arbeite ich zu hastig, werden die Speichen nicht passen. Wenn die Bewegungen meiner Hand nicht zu sacht und nicht zu hastig sind, dann geschieht, was mein Geist meint. Worte können nicht sagen, wie das zugeht: es steckt eine heimliche Kunst darin. Ich kann sie meinen Sohn nicht lehren; er kann sie von mir nicht lernen. So mach ich, wiewohl siebzigjährig, in meinen alten Tagen noch immer Räder. Sind die Weisen tot und dahin, und mit ihnen das, was sie nicht lehren konnten, so kann, was Ihr, mein Fürst, erforschet, nur ihr Abfall sein.“

Nun ist gewiss das taoistische Urteil über den Glauben an die Bücher und die dort festgeschriebenen Wörter auch nicht nur richtig oder gar maßgebend, aber es ist ein Hinweis, weshalb ich mir noch einen dritten Vorsatz erlaube.

Wenn Sie einen Blick in die als Fürstenpredigt betitelte kleine Ausgabe der Predigten und Reden von Thomas Müntzer werfen, die Fürstenpredigt selbst, die hochverursachte Schutzrede „wider das sanftlebende Fleisch zu Wittenberg“ oder die Auslegung des andern Unterschieds zu Daniel, dann ist das nicht nur ein Sprachgenuss. Das frühe Neuhochdeutsch ist kräftig und bildhaft und noch nicht im Entferntesten gegendert oder auf Korrektheit getrimmt. Müntzer, selber Reformator, spart nicht mit Vorwürfen und zwei Punkte sind darunter, die auch heute noch bemerkenswert sind. Luther habe mit seinem Buchstabenglauben Gott zum gemahlten Männlein, also zum schön verzierten Initialbuchstaben degradiert. In seiner „hochverursachten Schutzrede“ trifft Müntzer auch ganz gut, wenn er sagt, dass ohne „Christus den Gekreuzigten“ aus dem Christentum ein viel ärgeres Affenspiel werde als es der Glaube der Juden und Heiden sei. Im Grund ist da die hier im Portal sogenannte Vatikanum-II-Kritik vorweggenommen, dass es möglich sein könne, dass wir es mit einem schlimmeren Christentum zu tun bekommen, als wenn wir nur einfach Heiden als Mitmenschen hätte. Ich zitiere diese Stelle deshalb mal ausführlicher, um den Gedanken aus dem Jahre 1524 nachlesbar und auch ein wenig mehr überprüfbar zu machen.

„Die ganze Heilige Schrift saget nicht anders (wie auch alle Kreaturen ausweisen) denn vom gekreuzigten Sohne Gottes, derhalben er auch selber anfing vom Mose durch alle Propheten zu eröffnen sein Amt, daß er müßte also leiden und eingehen in den Preis seines Vaters. Dies ist klärlich beschrieben Lukä am letzten Kapitel. Und Paulus sagt auch, daß er nicht anderst denn Christum den Gekreuzigten predigen könne (1. Kor. 1). Nachdem er das Gesetz Gottes tiefer erforschet hätte denn alle seine Mitgenossen (Gal. 1), möchte er doch nichts anders darinnen finden denn den leidenden Sohn Gottes, welcher saget (Matth. 5), daß er nicht gekommen wär, das Gesetz aufzuheben oder den Bund Gottes zerreißen, sondern vielmehr zu vollführen, erklären und erfüllen.

Es möchten dies alles die hässigen Schriftgelehrten nicht erkennen, dann sie erforschten nicht die Schrift aus ganz ihrem Herzen und Geiste, wie ihnen doch gebührete (Ps. 119) und Christus ihnen auch befahl (Joh. 5). Sie warn darinnen gelehret wie die Affen, wöllen dem Schuster Schuh nachmachen und verderben das Leder. Ei warum? Sie wöllen des Heiligen Geists Trost vernehmen und sein ihr Leben lang durch Traurigkeit des Herzens auf ihren Grund nie kommen, wie sich's doch gebühret, soll anderst das rechte Licht leuchten im Finsternis und uns dadurch das Gewalt geben, Kinder Gottes zu sein, wie klärlich beschrieben ist (Ps. 55 und 63, Joh 1).

So nun Christus schon also angenommen durch den Alten und Neuen bezeugten Bund Gottes gepredigt ohn Eröffnung des Geists würde, könnt ein viel ärger verwickelts Affenspiel daraus werden dann mit den Juden und Heiden, wie ein jeder jetzt vor sichtigen Augen siehet, daß die jetzigen Schriftgelehrten nicht anders tun dann vorzeiten die Pharisäer, berühmen sich der Heiligen Schrift, schreiben und klecksen alle Bücher voll und schwatzen immer je länger je mehr: »...Glaube, glaube!« , und verleugen doch die Ankunft des Glaubens, verspotten den Geist Gottes und glauben gar überall nichts, wie du siehst. Es will ihr' keiner predigen, er hab dann 40 oder 50 Gulden. Ja, die besten wollen mehr dann hundert oder zweihundert Gulden haben. Da wird an ihnen wahr die Weissagung Micha (3): »Die Pfaffen predigen um Lohns willen und wollen Ruhe und gute Gemach haben und die allergrößte Würdigkeit auf Erden«, und sich dennoch wissen zu rühmen, sie verstehen den Ursprung und treiben doch wider ihn das allerhöchste Widerspiel, darum, daß sie den richtigen Geist einen irrigen Geist und Satan schelten mit dem Deckel der Heiligen Schrift, wie Christo widerfuhre, da er durch sein Unschuld den Willen seines Vaters verkündigte, welcher den Schriftgelehrten viel zu hoch und verdrießlich war (Joh 5 und 6).“


Wenn wir schon den äußeren Kontext der Schrift zur Freiheit eines Christenmenschen betrachten, dann will ich als vierten Punkt auch noch die politische Frage dem Text Luthers voranstellen und ein Zitat von Karl Marx aus dem Jahre 1844 heranziehen. Die jungen Wilden dieser Jahre schwören auf die französische Revolution, 25 Jahre Krieg und Millionen Tote sind vergessen, und die Menschen verschlingenden Ideale der großen französischen Revolution erstrahlen vor dem Hintergrund der Pariser Juli-Revolution von 1830 in neuem Glanze. Die Kritik der bestehenden Verhältnisse durch die neuen Ideen ist das Thema dieser Zeit. Der junge Marx gehört zu diesen jungen Wilden. Aber bei ihm stimmt was nicht. Verheiratet mit einer Aristokratin, in guter Stellung, können ihm nur alle Türen der Welt offenstehen. Aber es gibt da einen Knacks in seinem noch jungen Lebensweg. Im Alter von sechs Jahren ist sein Vater zum Protestantismus konvertiert und das im katholischen Trier. Mit sechs Jahren nimmt man einen solchen Bruch bewusst wahr. Und bei Heine haben wir dieses wunderbare Zitat, wo er in Altona in so einer nur noch kahlen und rationalen protestantischen Kirche sitzt und sich fragt, ob da nicht doch noch irgendwo was Wundertätiges wirken könne, und auf den Trichter kommt, dass er die Zahlen von der Liedtafel in der Altonaer Lotterie verwendet und – sein Geld verliert. Von Marx kennen wir so schöne Worte nicht. Und bei ihm ist die Lage auch etwas verzweifelter, denn väterlicherseits stammt Marx aus altem Rabbinergeschlecht. Und dieser Bruch holt den jungen Marx irgendwann im Jahre 1844 ein. Und einer der ersten markigen Worte gilt seinen Freunden, ihrer Verehrung für die französische Revolution und ihrem Gejammer, dass Deutschland solches nicht vorzuweisen habe. Deutschland habe bereits eine fundamentale Revolution hinter sich und das sei eben die Reformation. „Deutschlands revolutionäre Vergangenheit ist nämlich theoretisch, es ist die Reformation. Wie damals der Mönch, so ist es jetzt der Philosoph, in dessen Hirn die Revolution beginnt.“ Das Epizentrum der deutschen Revolution liegt in der Reformation und dem darin veränderten Verhältnis des Menschen zu Gott. Der Kern dieser Veränderung wird von Marx ebenfalls richtig erkannt. Luther habe „den Menschen von der äußeren Religiosität befreit, weil er die Religiosität zum inneren Menschen gemacht“ habe. Die Transformation Gottes in die Immanenz des Menschen ist die Revolution am Beginn der modernen Welt und diese moderne Welt beginnt in Deutschland. Hier wird die Moderne gedacht, konzipiert und schließlich auf die Füße einer neuen naturwissenschaftlichen Weltsicht gestellt, die mit Einstein und Planck nahe an eine Weltsicht führen, die mit dem Urknall – zuerst von einem katholischen Priester gedacht – wieder zu einer Schöpfungsgeschichte zurückführt, die von Hawking mit dem Verweis auf die damit implizierten religiösen Fragen erbittert und vergeblich bekämpft wird. Wäre dann die von der Reformation ausgehende Revolution am Ende im engeren Wortsinn doch ein großer Kreis, der sich nach 500 Jahren wieder an seinen Ausgangspunkt zurückbewegt?

Verlassen wir den äußeren Kontext und betrachten wir den inneren Text der Thesen von Dr. Martin Luther aus dem Jahre 1520. Dazu sollten wir diesen Text genau lesen, und auch das lesen, was dort steht. In der heutigen Zeit sind die guten alten Methoden des Exzerptes verlorengegangen. Texte werden mit Copy-And-Paste bearbeitet, verlinkt und herauskommt, dass Kommunikation ist, wenn zwei Menschen aneinander vorbeireden und es nicht merken. Ich versuche deshalb meine Gedanken nachvollziehbar zu machen und eine thesenartige Wiedergabe der Argumentation hinzubekommen.

Der Anfang ist gleich ein Knaller.

Der Christ ist frei – der Christ ist Knecht. Beide Sätze gelten. Beide Sätze gelten zur gleichen Zeit. Und damit ist schon im Einstieg das Tertium-Non-Datur der griechisch-philosophischen Weltsicht vom Tisch gefegt. Von diesem Punkt aus entfaltet Luther nun seine Argumentationskette.

Jeder Mensch hat zwei Naturen: eine geistliche und eine leibliche. Diese Thesen zum geistlichen und inneren Menschen gehe ich jetzt durch.

Die Seele kann von außen nicht bedrückt werden.

Das wiederum erlaubt den Umkehrschluss, dass sie auch durch Äußerlichkeiten nicht erhöht werden kann. Ab dieser These unterliegt äußerliches Gehabe einem dringenden Tatverdacht der Falschheit. Katholische Tradition ist fortan unter Verdacht (der Äußerlichkeit).

Die Seele wiederum, weder bedrückbar noch erhöhbar durch Äußerlichkeiten, hat nur das Wort Gottes, „von Christus gepredigt“. Nur dieses Wort ist Halt für die Seele des Christenmenschen.

Das Wort Gottes sind die Wörter der Predigt, wie im Evangelium enthalten. „Du sollst glauben in Christus“, aber ab dieser These steht auch das alte Wort unter Verdacht, denn nur das neue Wort ist Halt.

Halt aber erfährt die Seele des Menschen im Glauben. Kein anderes Werk kann ihn retten. Im Glauben und nur im Glauben liegt die Erfüllung der Gebote. Ab dieser These stehen auch die Gebote unter dem Verdacht, Äußerlichkeiten zu sein.

Wie kann der Glaube allein gerecht machen, ohne dass die Gebote im Spiel sind? Die Gebote zeigen dem Menschen sein Unvermögen, machen ihn klein, weil er ihnen gegenüber versagen wird und deshalb gehören die Gebote in das Alte Testament. Ab dieser These sind die Gebote nicht nur verdächtig oder Schnee von gestern, ja, im Grunde sind sie dem wahren Glauben eines Christenmenschen sogar abträglich.

Der Mensch findet „nichts in sich“, wodurch er gerecht werden könnte. Wie und woher kommt der Glaube dann zum Menschen, wenn Äußerlichkeiten wie die Gebote nichts nützen und der Mensch in sich nichts findet? Hier kommt die Verheißung ins Spiel. Glaube an Christus und du hast und du bist. Ab dieser These ziehen wir Christen uns wie Münchhausen am eigenen Schopfe aus dem Sumpf.

Damit kommen wir zu einem vorläufigen Ergebnis. Wer den Worten Gottes mit rechtem Glauben anhängt, dessen Seele wird mit dem Wort vereint und so wird der Mensch wahrhaft Kind Gottes. Nur das recht verstandene Wort und der Glaube regieren die Seele. Darum braucht der Mensch keine Werke und „ist er gewiss von allen Geboten und Gesetzen entbunden“.

Aber die Kraft des Glaubens geht noch weiter. Sie löst nicht nur, sondern sie bindet auch. Denn der Glaube macht den groß, dem geglaubt und an den geglaubt wird. Indem die Seele Gott glaubt, erweist sie ihm die allergrößte Ehre.

Und nun kommen wir zu einer wahrhaft frohen Botschaft, der Botschaft vom fröhlichen Austausch der Seele des freien Christenmenschens, denn der Glaube lässt die Seele nicht nur dem göttlichen Wort gleich werden, sondern vereinigt auch mit Christus wie eine Braut mit ihrem Bräutigam. Aus dieser Verschmelzung geht die Seele des Christenmenschen glücklich hervor, denn Christus hat die Sünden der Welt auf sich genommen, so ist die Seele Christenmenschen geläutert und frei.

An dieser Stelle wird der Glaube der Seele zum „Selbsttäter und Werkmeister“, nicht mehr geschaffen, sondern schaffend. Erst nach diesem Schritt fügt Luther der Seele des Christenmenschen noch das Erstgeburtsrecht der Priesterschaft hinzu. Wie Christus haben wir Christenmenschen alle das Erstgeburtsrecht der Priesterschaft. Durch dieses Priestertum wird der Christenmensch „aller Dinge mächtig, durch sein Priestertum ist er Gottes mächtig, denn Gott tut, was er bittet und will [...].“

Spätestens an dieser Stelle sind wir vom Wege abgekommen, weit vom Wege abgekommen und fragen uns, wo wir wohl falsch abgebogen sind. Aber die Antwort auf diese Frage ist erschütternd, denn im Grunde landen wir bei der ersten These. „Der Mensch ist frei und der Mensch ist Knecht.“ Mit diesem Satz nimmt Luther eine fundamentale Neuorientierung vor. Ich spreche nicht vom Inhalt, sondern davon, dass er das Denken in Gegensätzen und das Denken des Widerspruchs zum Ausgangspunkt seines ganzen Textes macht. Der Widerspruch als Grundmuster unseres Denkens – das ist modern, das verweist in unsere Zeit. Und das ist auch das Ende des religiösen Denkens des Einen und der Einheit.

Martin Buber hat in seinem taoistischen Frühwerk diese Frage in seinem langen Nachwort bearbeitet. Auch das „abendländische“ Denken sei in seinem Urzustande Magie, aber im Unterschied zur westlichen Wissenschaft und dem Gesetz habe das „morgenländische“ Denken zusätzlich noch die „Lehre“ beibehalten: „Die Lehre umfaßt keine Gegenstände, sie hat nur einen Gegenstand, sich selber: das Eine, das not tut. Sie steht jenseits von Sein und Sollen, von Kunde und Gebot; sie weiß nur eins zu sagen: das Notwendige, das verwirklicht wird im wahrhaften Leben.“ Die Zerschlagung des Denkens von dem Einen und die Setzung des Denkens in Gegensätzen ist die stille Prämisse gleich am Beginn von der Freiheit eines Christenmenschen, die alles verändert.

Der Text von der Freiheit eines Christenmenschen ist ein mächtiges Dokument einer Veränderung am Beginn der modernen Zeit. Mit wenigen geraden Schnitten hat Luther seine Thesen entfaltet und die Freiheit des Christenmenschen auf neue Füße gestellt. Seine Thesen sind eine Revolution, eine geistige Revolution, die den Weg für die Neuzeit freimachen. Gewiss hat Martin Luther Vorlagen gehabt, vielleicht bei Augustinus (das Ich) oder Thomas von Aquin, aber das Neuartige ist doch singulär und klar und eindeutig mit seinem Namen verbunden. Die Revolution, die von Luther ausgeht, ist eine deutsche Revolution, die die ganze Welt verändert hat. Zwei Generationen vorher ist Byzanz untergegangen, und vor gerade mal einer Generation ist mit Amerika ein ganzer Kontinent entdeckt worden. Luther hat in dieser Zeit den inneren Menschen verändert und ihn fähig gemacht, die bevorstehenden Umwälzungen nicht nur zu bestehen, sondern aktiv zu gestalten.

Aus der Sicht des älteren Christentums, das Luther in die Innerlichkeit des Menschen transformiert, sind seine Thesen wie die Stationen eines Kreuzweges zu sehen. Jede These ein Schnitt und Stich in den Leib Christi. Mit schnellen und scharfen Schnitten, wie ein Chirurg, legt er das Herz der Kirche frei, um es dann wie ein heidnischer Opferpriester herauszuschneiden. Luthers Thesen sind im wahrsten Wortsinne Anschläge auf den Leib Christi. Deshalb ist er aus dieser älteren Sicht auch kein Reformator, sondern ein Exodus-Mann, einer, der den Auszug aus der Kirche organisiert und uns in ein Land führt, in dem die Freiheiten der Christenmenschen blühen und Milch und Honig fließen sollen. Einige, die vom alten Denken sich nicht lösen können, nörgeln und behaupten, dass wir vorher gefüllte Fleischtöpfe gehabt hätten und es uns eigentlich gut gegangen sei, aber die Nörgler wird die gerechte Strafe und der Zorn Gottes (der Christenmenschen) schon noch treffen. Die katholische Kirche reagiert auf die Verletzung des Leibes Christi wie die Psychoanalyse es erwartet: mit der Liebe zum Aggressor.

Luthers Freiheit eines Christenmenschen ist im eigentlichen Sinne ein Kreuzweg. Nur dass wir auf diesem Kreuzweg uns nicht in die Rolle des Gekreuzigten hineinfühlen, wie diese Mexikaner mit dem schweren Dornenjoch im Nacken, sondern als römische Soldaten und Hilfskräfte einen geordneten Ablauf sicherstellen und die Nägel durch Hände und Füße in das Holz schlagen.

Vor 500 Jahren hat Luther mit seinen Thesen den Weg für Deutschland in die neue Zeit freigemacht. 500 Jahre später müssen wir den Weg Deutschlands in der Mitte Europas und die Rolle Europas in der Welt neu bestimmen. Vielleicht hilft uns dabei die Geradlinigkeit und Schärfe von Luthers Thesen, um auch die Aufgabe unserer Zeit zunächst in den Köpfen und Herzen der Menschen denkbar zu machen. 70 Jahre des babylonischen Exils beendet der persische König Kyros II. und wird von Jesaja fast wie ein Gottgesandter geehrt. 70 Jahre nach dem Ende des II. Weltkrieges nähert sich auch das Endes unseres Exils. Amerika kooperiert nun mit dem Iran gegen ISIS (und deren saudische Unterstützer). Chinas Aufstieg als wirtschaftliche Weltmacht und Russlands Widerstand eröffnen für Deutschland neue Wege.

Ich hoffe, mit meinen Gedanken genügend Diskussionsstoff zu liefern und Ansatzpunkte für die weitere Diskussion geben zu können. Die „Freiheit eines Christenmenschen“ ist ein Schlüsseldokument, mit dem wir uns nicht nur des Reformationsjubiläums auseinandersetzen sollten.